#Mastek, die vierte

Content note: Operation, Narben. Nach den **** schreibe ich etwas plastischer/detaillierter über die Wundheilung und wie die Narben aussehen

Übermorgen ist die Operation vier Wochen her. Heute Nacht habe ich geträumt, es wäre wieder alles wie vor der OP… Hilfe, kein schöner Traum.

Nee, da hin möchte ich auf keinen Fall wieder zurück. Trotzdem kann ich allerdings nicht sagen, dass ich irgendeine Euphorie oder Begeisterung darüber spüre, wie es jetzt ist. Das, was jetzt ist, ist in jeder Hinsicht ein Kompromiss. Es ist vermutlich der best-mögliche Kompromiss und es ist in Ordnung so wie es jetzt ist – aber mehr kann ich dazu gerade (noch?) nicht fühlen. Das ist okay, ich hatte eine Ahnung dass es so sein würde und ich bin zum Glück auch nicht die einzige Person, die so empfindet.

Ich vermute, dass es besser werden wird wenn ich nicht mehr das Gefühl habe das mein Oberkörper eine große Wunde ist, die ich pflegen muss, um die ich mich kümmern muss. Und wenn ich nicht mehr bei jeder Bewegung daran erinnert werde, dass es so ist. Wenn ich nicht mehr ständig in mich reinhorche, ob da etwas mehr oder anders zieht, als sonst. Dass es noch Wochen oder Monate dauert bis sich das hoffentlich wieder etwas reduziert, macht mir zu schaffen.

*****Letztes Wochenende habe ich festgestellt, dass sich eine Naht an einer (sehr kleinen) Stelle etwas aufgezogen hatte und gerötet war. Das fehlte noch. Damit war mein Plan/Wunsch, mich einfach nach dem zu richten was das Krankenhaus mir mit auf den Weg gegeben hatte hinfällig.

Mein Wunsch war und ist es eigentlich, mich möglichst wenig mit dem ganzen Wundheilungskram, den drölfiztausend verschiedenen Möglichkeiten, die Narben zu pflegen und zu schützen auseinandersetzen zu müssen. Es war genauso mit der Wahl des Operationsteams. Ich wollte nicht akribisch jedes Pro und Contra ausarbeiten, zum Spezialisten für alles werden, um dann eine Entscheidung zu treffen, die trotzdem „die falsche“ sein könnte – weil man halt ohnehin nie alle Faktoren, die das Ergebnis letztlich bestimmen, beinflussen kann. Ebenso mit dem Narbenkram.

Es gibt viele unterschiedliche Philosophien dazu, wie man sich nach der OP verhalten soll. Ob Kompressionsweste oder nicht. Ob die Narben gecremt oder ob mit Silikonpflastern gearbeitet werden soll. Massieren ja oder nein. Und so weiter. Die Devise „meiner“  Klinik ist: Kompression, Narbe cremen/ölen, nicht abkleben. Letzteres bedeutet eben auch: keine Entlastung der Wundränder durch Tape oder Pflaster, um sie gegen Querzug zu schützen. Hätte ich etwas zur Zugentlastung über den Narben kleben gehabt, hätte die Haut sich an der einen Stelle vielleicht nicht aueinandergezogen. Es war nicht viel und nicht schlimm, aber ich hatte trotzdem ziemliche Sorge dass es sich mehr/breiter aufziehen könnte oder dass es sich entzündet.

Nach Recherche und vor allem Input mehrerer Personen habe ich mich entschieden, die Narben zunächst noch mal mit einem hypoallergenen Vliestape abzukleben (das wird zu diesem Zweck öfter genutzt und ich hatte es zum Glück zu Hause, weil das Krankenhaus mir das zum Kompressen-Fixieren mitgegeben hatte). Die offene Stelle habe ich mit einer Wundabdeckung und Bepanthen geschützt, denn darauf wollte ich nicht direkt irgendwas kleben o_O.

Dann habe ich mir so genanntes „Gitter Tape“ (cross tape) bestellt – das sind so selbstklebende „Netze“, wie Pflaster mit Löchern ;). Die sind für die Zugentlastung ganz gut. Ich habe sie nicht über die gesamte Breite der Narben geklebt, sondern auf jeder Seite nur ca. je 10 cm von der Mitte des Brustkorbs ausgehend. Dort ist der Zug auf den Narben am größten und die Verklebungen im Gewebe noch am stärksten spürbar. Sobald ich mich zu sehr strecke oder aufrichte, merke ich wie es spannt. Um das zu lösen, müsste ich eingentlich die Narben massieren (was nicht geht, wenn was draufklebt). Ich werde mir jetzt so einen Rhythmus aus 2-3 Tage kleben und dann 1-2 Tage ölen/massieren suchen, damit ich beides habe. Ich will die Tapes nicht ständig rauf und runter machen, da das die Haut ja auch reizt.

Schön aussehen tut bei den Quernarben leider noch nichts. Die Narben sind dunkelrot. Auf dem Brustbein hart-knubbelig und ziemlich faltig. Bügelfalten quasi. Unter den Armen, wo die Drainagen waren, sind ebenfalls Falten und Beulen. Letztere sind immer noch so unangenehm-knubbelig, dass ich nicht gut auf der Seite schlafen kann. Schmerzen habe ich sonst keine, es zieht und ziept halt nur. In der Beweglichkeit bin ich entsprechend auch noch eingeschränkt – wenn ich merke, das eine Bewegung die Narben spannt, dann forcier ich das nicht. Das wird besser werden, wenn die verklebten Gewebeschichten wieder etwas gelöst sind und nicht aneinander festhängen.

So, genug der gory details jetzt ;-). Ich hoffe mal, dass ich demnächst wieder etwas mobiler und bügelfaltenärmer daherkomme.

 

Allesmist

Das war ein ziemlich mieses Wochenende. Es hat mich dran erinnert, dass die meisten Wochenenden mit gutem Wetter an denen ich mich nicht mit Radfahren ablenken kann, mies sind.

Alles Mist gerade. Wohnungsübernahmemist. (Ex-)Beziehungsmist. Heilungsmist. Alleingelassenfühlenmist.

Vor allem der Heilungmist nervt mich so sehr. Es frisst zuviel Zeit und Kraft. Zu viel Aufmerksamkeit für einen Körper, den ich ja routinemäßig lieber ignoriere. Jetzt muss ich mich kümmern und mache mir ständig Sorgen um Kram, bin unsicher.

Und jetzt geh ich mir wieder die Decke über den Kopf ziehen und warte, das Montag ist. Beim Arbeiten bin ich wenigstens abgelenkt.

Wundersame Wandlungen

In den Kommentaren zu meinem „Menschen hautnah“ Artikel warf Goldtopf die Frage auf, welche besseren Alternativen es zu den von mir kritisierten Formulierungen „wurde als Junge/Mädchen geboren und ist jetzt…“ oder „wurde mit einem Jungen-/Mädchenkörper geboren“ gibt. Das sind Formulierungen, die praktisch in jedem Medienbeitrag zum Thema trans* zu finden sind und die auch sonst im Alltag ziemlich oft reproduziert werden.

Vorab muss ich sagen, dass alles was ich hier jetzt dazu schreibe meine Sicht ist und dass sicherlich nicht alle trans* Personen diese so teilen. Formulierungen, die ich schlimm finde, sind für andere völlig in Ordnung. Und grundsätzlich gilt sowieso, dass Selbstschreibungen anderer trans* Personen zu respektieren sind. Punkt. D.h. wenn eine trans* Person eine der oben beispielhaft genannten Formulierungen für sich als passend erachtet, dann ist das so. Unsere Erfahrungen und Empfindungen diesbezüglich sind sehr unterschiedlich und von ganz vielen Faktoren geprägt. Deutungshoheit haben wir nur über uns selbst, nicht aber über die (sehr heterogene) Gruppe aller trans* Personen. Was ich aber speziell in den Medien vermisse ist ein Bewusstsein genau dafür: dass Formulierungen, die *eine* Person als Selbstbeschreibung nutzt eben nicht notwendig für alle trans* Personen okay oder passend ist. (Naja. Und wenn wir ehrlich sind, dann schaffen Medien ist ganz oft noch nicht mal, die ziemlich konsensfähigen Basics zu beachten).

So. Was stört mich an den Formulierungen, die da oben stehen? Und was könnte man stattdessen sagen?

„War mal….ist jetzt“. Ich glaube tatsächlich die allermeisten trans* Personen würden von sich sagen, dass sie schon immer das Geschlecht hatten/waren von dem sie (heute) wissen dass es ihr richtiges ist. Also in meinem Fall: ich war tatsächlich nie Mädchen/Frau sondern immer schon Junge/Mann, auch wenn ich lange nicht die Worte hatte das auszudrücken. Die Kategorie „Mädchen/Frau“ ist etwas, das mir aufgrund körperlicher Merkmale übergestülpt wurde. Zu sagen, ich sei früher Mädchen gewesen und jetzt auf wundersame Weise zum Jungen/Mann geworden ist schlichtweg falsch.

Entsprechend sage ich von mir auch nicht „ich wurde als Mädchen geboren“, sondern: „mir wurde bei Geburt das weibliche Geschlecht zugewiesen“. Das ist jetzt sicher eine Formulierung, die in der Alltagssprache nicht allen so flüssig über die Lippen geht oder ohne weiteres beim Gegenüber verstanden wird. Eine etwas weniger voraussetzungvolle Alternative könnte zum Beispiel sein: „Hat früher als Mädchen/Frau/Junge/Mann gelebt und lebt heute im richtigen Geschlecht als …“. Der TriQ-Leitfaden für Journalist*innen (PDF) schlägt als Alternative auch Formulierungen vor, die ausdrücken dass eine trans* Person ihre männliche/weibliche/nichtbinäre/etc. Geschlechtsidentität nun „auch nach außen lebt“ (siehe S. 8). Das finde ich auch ganz gut!

Diese Idee man sei früher das eine und heute das andere Geschlecht drückt sich auch in dem unsäglichen (und leider sehr schwer in Vergessenheit zu bringenden) Begriff der „Geschlechtsumwandlung“ aus. Dem wiederum liegt sehr stark die Vorstellung zugrunde, wir alle hätten ein „wahres“ biologisches/körperliches Geschlecht, das trans* Personen durch medizinische Eingriffe dann so ab- oder umwandeln, dass es nicht mehr sichtbar ist. Und nur, wenn man körperlich nicht mehr als „altes Geschlecht“ erkennbar ist, hat man den Weg ins „neue Geschlecht“ endlich geschafft. (Au weia, mir rollen sich die Zehennägel auf, wenn ich das so schreibe). Was mich zu „wurde in einem Jungen-/Mädchenkörper geboren“ bringt.

Das ist eine Formulierung, die eng verknüpft ist mit der Aussage eine trans* Person sei „im falschen Körper“ geboren. Das ist etwas, das man auch ganz oft als Selbstbeschreibung hört und es ist als solche selbstverständlich zu respektieren – denn es drückt dann eben aus wie die Person ihr Verhältnis zu ihrem Körper empfindet. Dennoch würde ich mir wünschen, dass diese Aussage nicht so benutzt wird, als würde sie das Erleben aller trans* Personen adäquat beschreiben.

Für mich(!) knüpft diese Aussage viel zu sehr an die von mir abgelehnte Idee an, es gebe ein unhintergehbares und für immer festgeschriebenes „natürliches“ körperliches Geschlecht. Es ist gesellschaftliche Konvention, dass wir bestimmte körperliche Merkmale mit einem bestimmten Geschlecht verknüpfen, nicht Biologie. Im Rahmen dieser Konvention ist mein Körper ein „Frauenkörper“. Am Arsch! Ich wehre mich dagegen. Und so würde ich über mich sagen: genauso, wie ich schon immer Junge/Mann war, war auch mein Körper schon immer männlich, auch wenn er vom Rest der Gesellschaft nicht als solcher (an)erkannt wurde/wird. Entsprechend wünsche ich mir für mich, dass einfach darauf verzichtet wird zu sagen, ich sei in einem Mädchenkörper geboren. Stattdessen würde ich dann wieder eine Formulierung wählen die zeigt, dass mir bei Geburt leider aufgrund meiner körperlichen Merkmale ein falsches Geschlecht zugewiesen wurde.

Zum Abschluss vielleicht noch etwas Grundsätzliches: wichtig finde ich auch, dass gewählte Formulierungen klar zum Ausdruck bringen dass trans* Personen einfach ihr Geschlecht _sind_. So wie cis Personen eben auch einfach Mann oder Frau sind. Häufig liest oder hört man nämlich dann so Aussagen wie „xy identifiziert sich als Mann/Frau/nichtbinär/agender…“ oder „empfindet sich als“. Davon bin ich selbst auch nicht frei! Aber es impliziert immer so hintenrum, dass es einen Unterschied zwischen (körperlichem) Geschlecht und Geschlechtsidentität gebe und dass der nicht zu markierende Norm(al)zustand ja sei, dass beides irgendwie deckungsgleich ist. Wenn cis Personen „sind“, trans* Personen sich aber nur „identifizieren als“, dann klingt das ein bisschen so, als würden wir uns in einem willentlichen Akt ein bestimmtes Geschlecht geben. Das läuft dem Erleben und Empfinden vieler trans* Personen entgegen, die sich wünschen „einfach so“ als ihr Geschlecht anerkannt zu werden. Insofern gilt auch hier: auch wenn dies für manche Personen eine passende Selbstbeschreibung ist, lässt sich das nicht verallgemeinern und entsprechend versuche ich mittlerweile, solche Formulierungen zu vermeiden (und freue mich, wenn andere das auch versuchen :-)).

So. Das war jetzt sehr viel über Tomi und wie er die Welt sah ;-). Falls Ihr andere gute Alternativen zu „war mal, ist jetzt“ habt, teilt sie gerne in den Kommentaren!

Nachgetragen

So. Ich wollte heute aber noch was raushauen, das passte nur thematisch nicht so richtig zu dem vorigen Post und so mache ich lieber zwei Beiträge draus. Ich wollte noch dieses und jenes zu meinem „Menschen hautnah“ Post nachtragen. Den habe ich, wie unschwer zu bemerken war, mit ziemlicher Wut im Bauch geschrieben. Ich habe oft das Gefühl, nach einer so emotional vorgetragenen Kritik wieder „zurückrudern“ und relativieren zu müssen. Habe ich wirklich das Recht wütend zu sein? Bin ich zu undankbar? Internalisiertes tone policing – kann ich!

Wie auch immer – ich stehe weiter zu meiner Wut und Enttäuschung und meine Kritik an der Dokumentation steht auch weiterhin. Aber.

Ja, es gibt ein „aber“ :D.

Ich möchte ein paar Dinge nachtragen.

Erstens. Über meinen Ärger und meine Kritik habe ich natürlich hauptsächlich auf negative Aspekte der Dokumentation hingewiesen. Das Positive ist dabei in den Hintergrund getreten. Ich will deswegen noch mal sagen dass ich die Geschichten der portraitierten trans* Personen berührend und sowohl mut- als auch traurigmachend fand. Und so schade ich es finde, dass der voice- over Kommentar für mein Gefühl viel zu stark deutend und „vereindeutigend/vereinfachend“ eingegriffen hat – die so offen geäußerten Gedanken und Erfahrungen der Protagonist*innen  waren eben doch ein großes, gutes Gegengewicht dazu. Und mir wurde von einigen Freund*innen und Bekannten mittlerweile gesagt, dass ihnen vor allem das im Gedächtnis geblieben ist und sie berührt hat – nicht der darübergesprochene Kommentar. Das hat mich etwas versöhnt :).

Zweitens. Ebenfalls ein bisschen versöhnt hat mich, dass das Redaktionsteam auf die von mir und anderen formulierte Kritik am Umgang mit Sophia _überhaupt_ reagiert hat. Das ist durchaus nicht üblich.
Sie haben mir mitgeteilt, dass alle Personen ihre Einwilligung in die Nennung der alten Namen gegeben haben („Sophia und ihre Eltern eingeschlossen“). Dazu muss ich sagen, dass ich weiterhin skeptisch bin inwieweit es Sophia möglich gewesen wäre hier gegen einen möglichen Wunsch oder Vorschlag der Eltern zu entscheiden. Das ist von außen aber schlichtweg nicht zu beurteilen und es ist müßig weiter darüber zu spekulieren. Das Redaktionsteam hat aber erstens erkannt, dass sie transparenter hätten machen sollen dass die Einwilligung aller Personen vorlag; zweitens – und das finde ich wirklich gut – haben sie Sophias alten Namen aus dem Infotext in der Mediathek entfernt. Man erfährt ihn jetzt wirklich nur noch, wenn man die Doku anschaut.

Drittens wollte ich jetzt eigentlich noch was zur Frage von Goldtopf schreiben – nämlich was denn bessere Formulierungen als „wurde als Junge/Mädchen geboren und ist jetzt…“ wären – aber ich glaube da muss ich doch weiter ausholen und mache das besser morgen! Stay tuned!

Wichtige Neuerung bei der Abrechnung medizinischer Untersuchungen und Behandlungen bei der GKV

Heute bin ich durch einen Post des „Netzwerks Geschlechtliche Vielfalt Trans NRW e.V.“ (Link zum Facebook-Profil) auf eine Meldung in der Ärztezeitung aufmerksam geworden:

Inter- und Transsexualität: Regeln im EBM angepasst

Geschlechtsspezifische Leistungen im EBM, wie die Untersuchung der Prostata oder eine Mammografie, können seit Juli unabhängig von der personenstandsrechtlichen Geschlechtszuordnung abgerechnet werden. Entscheidend ist der organbezogene Befund, meldet die Kassenärztliche Bundesvereinigung. (https://www.aerztezeitung.de/praxis_wirtschaft/aerztliche_verguetung/article/940476/inter-transsexualitaet-regeln-ebm-angepasst.html)

Das sind gute Nachrichten (wahrscheinlich – siehe ganz unten für eine mögliche Einschränkung)! Es bedeutet nämlich, dass nun für Versicherte der GKV bei der Abrechnung von Untersuchungen (z.B. Vorsorge) und Behandlungen nicht mehr das amtlich eingetragene Geschlecht zählt, sondern welche Organe eine Person wirklich hat. Sprich: ich kann als männliche Person, die einen Uterus hat auch weiterhin (hoffentlich) unproblematisch die entsprechenden Vorsorgeuntersuchungen in meiner bisherigen „frauenärztlichen“ Praxis machen. Auf meine Anfrage von vor zwei oder drei Wochen hatte mir meine Krankenkasse ja noch geantwortet, ich müsse dazu zukünftig in eine urologische Praxis gehen (was ja das Kernproblem dass es einen „Mann mit Uterus“ aus Sicht des medizinischen Systems nicht gibt oder gab nicht gelöst hätte).

Mir sind einige Personen bekannt, die aus der berechtigten Sorge heraus dass ihre adäquate medizinische Versorgung dann nicht mehr gewährleistet wäre darauf verzichtet haben, ihren Geschlechtseintrag ändern zu lassen – mit all den negativen Konsequenzen, die das im Alltag hat. Ich hoffe, dass mit der erfolgten Änderung diese Hürde nun zumindest für Patient*innen der GKV wegfällt. Und noch toller wäre es natürlich, wenn auch die PKV sich daran orientieren würde.

Allerdings gibt es eine Formulierung, die mich stutzig macht. Den „Einheitlichen Bewertungsmaßstab“ (EBM) findet ihr bei der Kassenärztlichen Vereinigung, hier z.B. als PDF nach Fachgruppen: http://www.kbv.de/html/arztgruppen_ebm.php. Für den Bereich „Frauenärzt_innen“ und „Urologie“ heißt es zum Beispiel:

4.2.1 Abrechnung geschlechtsspezifischer Gebührenordnungspositionen
Geschlechtsspezifische Gebührenordnungspositionen sind bei Personen, bei denen primäre Geschlechtsmerkmale beider Geschlechter vorliegen, wie bei Intersexualität oder Transsexualität nach Geschlechtsangleichung, entsprechend dem organbezogenen Befund (z. B. bei Vorliegen von Testes, Ovarien, Prostata) berechnungsfähig.
Ohne Kennzeichnung „X“ für das unbestimmte Geschlecht auf der elektronische Gesundheitskarte ist bei den genannten Personen die entsprechende Leistung mit einer bundeseinheitlich kodierten Zusatzkennzeichnung zu versehen und als Begründung ist der ICD-10-Kode für Transsexualität oder Intersexualität anzugeben. (EBM 3. Quartal 2017)

Die Formulierung „primäre Geschlechtsmerkmale beider Geschlechter“ bietet potenziell Zündstoff – denn bei vielen – oder vielleicht sogar den meisten? – trans* Personen ist das nicht der Fall. Wenn ich keinen Denkfehler mache, dann wäre das nur nach genitalumformenden OPs der Fall, sofern eine Person nicht sowohl inter* als auch trans* ist. Hormontherapie als „angleichende Maßnahme“ ändert nichts an den „primären Geschlechtsmerkmalen“ und viele trans* Personen ändern den Personenstand ganz ohne medizinische Maßnahmen.

Ich hoffe mal, dass die Ärztezeitung mit ihrer Interpretation Recht hat und dass es wirklich einfach bedeutet dass nicht mehr der rechtliche Personenstand zählt, sondern nur noch der  „Organbefund“. Alles andere wäre absurd! Aber in diesem System wundert mich ja nichts mehr…

Menschen hautnah? Bleibt mir von der Pelle

Gestern habe ich die WDR-Dokumentation über trans Kinder und junge Erwachsene in der Mediathek geguckt. Ich weiß nicht warum ich erwartet hatte, dass sie irgendwie okayer sein würde als alles andere, was in den Medien so zu dem Thema herumgeistert. (einzige Ausnahme sind vielleicht die Beiträge aus der Reihe über Feli und Jim bei PULS – die sind vergleichsweise in Ordnung). Vielleicht, weil ich immer noch diese Vorstellung habe, dass bei den öffentlich-rechtlichen Sendern und gerade auch bei dem Format „Menschen hautnah“ solche Themen irgendwie fundierter, respektvoller behandelt werden als bei RTL2.

Tja.

Falsch gedacht. Auch wenn die Respektlosigkeit und der Voyeurismus hier auf leiseren Pfoten daherkommt als vielleicht anderswo. Das macht es für mein Empfinden aber eher schlimmer als besser, weil es für weniger informierte Personen schwieriger wird zu erkennen, das etwas in der Darstellung problematisch ist.

Was regt mich so auf? Vieles, mehr dazu unten. Aber das was mir den Magen umdreht ist, wie der WDR mit einem 8-jährigen Mädchen umgeht. Sophia. Sie wird schon in der Kurzbeschreibung der Sendung in der Mediathek erwähnt. Und zwar mit ihrem alten Namen.

Exkurs: Geburtsnamen sind ein schwieriges Thema für viele trans* Personen. Sie sind oft verbunden mit viel Schmerz, Verletzung, Verlust. Wir kämpfen hart und lange dafür, mit unseren neuen, richtigen Namen angesprochen und akzeptiert zu werden. Und doch ist die mit Abstand häufigste Frage, die ich von anderen gestellt bekomme: wie hießt du früher? Und genauso funktioniert Medienberichterstattung über trans* Personen in der Regel. „Person war mal {Geschlecht} und ist heute {Geschlecht}“. Und: „Person hieß früher {Geburtsname} und heißt heute {richtiger Name}“. Wenn das mit der Zustimmung der jeweiligen Person erfolgt, ist das natürlich in Ordnung. Wobei ich mir sehr wünschen würde dass Medienberichterstattung verdeutlicht, dass diese Zustimmung eingeholt wurde und dass es nicht grundsätzlich in Ordnung ist, den alten Namen zu verwenden.

Im Fall von Sophia habe ich schon als ich den Beschreibungstext für die Doku las die Stirn ein wenig gerunzelt. Auch in der Doku wird ihr alter Name mehrfach verwendet, sowohl im Voice-Over Kommentar, als auch durch die Eltern von Sophia. Und dann haben die Macher*innen eine Sequenz von Sophia in die Doku geschnitten in der sie sehr deutlich sagt, dass sie ihren alten Namen nicht nennen möchte und dass sie vor allem nicht möchte dass er noch verwendet wird. Sie verrät, dass er mit „P“ anfängt, aber mehr möchte sie nicht preisgeben.

Ich bin so wütend. Was gibt den Macher*innen und den Eltern das Recht sich über den Wunsch dieses Kindes so eklatant hinwegzusetzen? Ich finde solche Dokus über und mit Kindern sind eh schon eine extrem diffizile Angelegenheit – das Kind hat ein Recht am eigenen Bild und am Schutz seiner Privatsphäre. Im Vorfeld der Aufnahmen und Interviews müssen die Beteiligten aufgeklärt werden darüber was mit den Aufnahmen passiert und sie müssen zustimmen – freiwillig und ohne das (versteckter) Druck auf sie ausgeübt wird. Es ist schwer vorstellbar, dass Sophia aus freien Stücken ihre Zustimmung dazu gegeben hat dass ihr alter Name in dieser Weise veröffentlicht wird. Jetzt ist er über das halbe Internet plakatiert und tausende von Menschen kennen ihn.

Die Botschaft, die bei mir ankommt ist mal wieder: Selbstbestimmung für trans* Menschen ist eine Illusion. Und das gilt hundertfach für Kinder und Jugendliche, denen abgesprochen wird dass sie selbst wissen was gut und richtig für sie ist. Es werden so tolle Personen portraitiert in dieser Doku, die alle in großartiger Weise für sich sprechen und erklären was sie empfinden, was sie sich wünschen. Aber die Macher*innen schaffen es nicht, das für sich stehen zu lassen. Stattdessen gibt es einen voice-over Kommentar, der diese Erzählungen und Aussagen immer wieder relativiert und missachtet. Beispiel? Eine der portraitierten Personen (ich meine, es ist Sophia) sagt sinngemäß: ich war nie ein Junge, ich war schon immer ein Mädchen. Der Kommentar hingegegen wiederholt immer und immer wieder Aussagen wie: „xy war früher Junge/Mädchen“, „wurde als Junge/Mädchen geboren“, „ist körperlich Junge/Mädchen“… Ich habe halbwegs Verständnis dafür, dass ein solches TV-Format den Zuschauer*innen nicht unmittelbar ein „biologisches Geschlecht ist eine Konstruktion“ vor den Latz knallen möchte. Aber es wäre ohne weiteres möglich gewesen die portraitierten Personen für sich sprechen zu lassen – ohne ihnen über den voice-over Kommentar die Deutungshoheit über ihr Geschlecht und ihre Geschichte zu nehmen. Dafür hätte es aber ein größeres Verständnis für die Materie gebraucht – vor allem aber, und das ist das Wichtigste: mehr Respekt für das Wissen und die Entscheidungen dieser Personen.

Der WDR hat eine riesige Chance verspielt zu zeigen, dass trans* Kinder und Jugendliche ein Recht auf Selbstbestimmung haben. Dass sie gehört und ernst genommen werden müssen. Dass sie Respekt verdient haben.

Auf Twitter gibt es auch einige gute Threads mit Kritik an der Doku – schaut z.B. mal hier:

@AbstraktesHerz https://twitter.com/AbstraktesHerz/status/891012299070242818

@Marabufeder https://twitter.com/marabufeder/status/891049704678711296

——————- Nachtrag (01/08/17) ———————

Ich habe heute eine Antwort auf meine kurze Nachricht an die Redaktion bekommen. Alle portraitierten Personen – Sophia eingeschlossen – haben demnach in die Nennung ihres alten Namens eingewilligt. Ich muss gestehen, ohne der Redaktion irgendetwas unterstellen zu wollen, dass ich skeptisch bin inwieweit Sophia wirklich unbeeinflusst (z.B. von Wünschen ihrer Eltern) diese Entscheidung treffen konnte. Aber das kann ich nicht beurteilen. Persönlich, aus meinem eigenen Erleben heraus, hätte ich mir gewünscht dass im Zweifel auf die Nennung des Namens verzichtet wird – mindestens im voice over-Kommentar. Aber – und das finde ich sehr gut: die Redaktion hat den alten Namen aus dem Infotext in der Mediathek entfernt. Danke dafür!

Der große Blog-Award-Mashup-Post

Ich bin im Lauf des letzten Jahres für den einen oder anderen Blog-Award nominiert worden (es waren der Liebster und der Versatile Award dabei) \o/. Vielen Dank noch mal hierfür an Luise von „Missbrauch, Folgen und der Weg“, Plejade von „Angst und Liebe“ und IamnotJanina vom gleichnamigen Blog – und ich bin sicher es gab noch eine weitere Nominierung, die ich aber nicht mehr gefunden habe *schäm*.

Zum Zeitpunkt der Nominierungen hatte ich nicht so richtig den Kopf frei dafür und hab deswegen nicht mitgemacht – aber heute präsentiere ich mal einen großen Mashup ;-). Ich werde niemanden neu nominieren. Dafür habe ich mir aber vorgenommen endlich mal eine „Blogroll“ zu machen von den Blogs die ich regelmäßig lese. Es würde mich sehr freuen, wenn ihr da mal reinklickt und vielleicht etwas für Euch Neues entdeckt.

Die Regeln des Liebster Awards (11 Fragen) und des Versatile Awards (7 Dinge über mich) sind ja unterschiedlich. Ich mische jetzt einfach Fragen und random facts frei nach Schnauze durch :D.

Content note: Spinne bei Random fact #2 (keine Bilder, versprochen)

Bist du zufrieden damit, wie dein Leben gerade läuft?

Uff. Klares Jein ;-). Ich denke, im Rahmen des Möglichen läuft es gerade sehr gut. Aber trotzdem lebe ich nicht das Leben, das ich mir für mich gewünscht hätte. Aber jetzt ist es so, wie es eben ist und ich finde einen Weg mich damit zu arrangieren. Ob es jemals ein subjektiv als „gut“ empfundenes Leben wird? Vielleicht.

Random fact #1: Ich habe eine ziemlich große Sammlung „Wal-Kram“

Es gibt eine biografische Besonderheit (über die ich jetzt hier nichts verraten möchte) die dazu geführt hat, dass ich Sachen mit „Walbezug“ sammele. Ich habe ziemlich viele Bilder, Postkarten, Comics, (Bilder)Bücher, Figürchen… you name it :D. Auf einer USA-Reise vor vielen Jahren bin ich auch nach Nantucket und New Bedford gereist. Von dort aus starteten früher die Walfang-Schiffe und es gibt dort für Walfans wie mich viel zu entdecken :-).

Freust Du dich darüber, nominiert zu werden?

Ja! Auch wenn ich ziemlich lange gebraucht habe, um darauf zu reagieren freut es mich, das ihr an mich denkt und offenbar gerne was von mir lest.

Gibt es einen Wunsch, den Du an deine Leser*innen hast, bzgl. ihres Umgangs mit deinem Thema; dir und anderen Menschen, die von deinem Thema betroffen sind?

Ich wünsche mir Offenheit und Lernbereitschaft, beziehungsweise eine Bereitschaft Dinge die für gewöhnlich als „(natürlich) gegeben“ angesehen werden auch mal zu hinterfragen.

Hast du einen echt peinlichen Lieblingssong von dem sonst niemand weiß? Und wenn ja: Dürfen wir ihn erfahren?

Weiß nicht, ob mir das wirklich peinlich sein muss, aber ich hab eine Weile lang Deichkind „Bück dich hoch“ quasi in Dauerschleife gehört. Das war eine Zeit, in der ich in einem Job war, der mich total an meine Grenzen bis kurz vor ein Burnout gebracht hat. Der Song drückt ziemlich gut aus, wie ich die Zeit damals erlebt habe mit dem ganzen Druck von allen Seiten.

Random fact #2: Ich habe eine Katzenallergie

Und zwar ziemlich schlimm und hartnäckig. Das macht mich oft extrem traurig, weil ich mir schon immer gewünscht habe Katzen halten zu können. Gerade in Zeiten in denen ich nicht gut drauf bin ist dieser Wunsch sehr stark und ich stelle mir vor, dass mir Katzen Nähe und Trost spenden könnten. Nach dem letzten Versuch Katzen zu finden auf die ich nicht allergisch reagiere, habe ich ziemlich viele Tränen vergossen als klar war dass es nichts wird. Danach ist dann eine haarige Alternative bei mir eingezogen – eine Brachypelma smithi, eine Vogelspinnenart. Die ist auch flauschig irgendwie ;-).

Ist es dir wichtiger, für dich selbst zu schreiben – oder für deine Leser*innen?

Hmmmm – ich würde glaube ich auch schreiben, wenn niemand mitlesen würde. Das schreiben hilft mir, Dinge zu verarbeiten und für mich klar zu bekommen. Aber ich freue mich total, dass Menschen mitlesen, mitfiebern und mir Mut machen oder sich mit mir freuen!

Liest Du lieber anderer Menschen Blogs die ein völlig anderes, dir fremdes Thema haben? Oder eher jene ähnlich denkender/fühlender Menschen?

Beides irgendwie :-). Trans* und queere Blogs oder Blogs zum Thema Depression lese ich, weil es mir gut tut zu sehen dass ich nicht allein bin mit meinen Themen. Aber ich lese auch viele Blogs zu Themen, mit denen ich in meinem Alltag wenig oder keine Berührung habe – das ist eine riesige Bereicherung für mich und ich mag meine kleine Blog-Bubble unglaublich gern! Allerdings haben glaube ich alle Blogs die ich lese eins gemein: sie werden von Menschen geschrieben, die auch irgendwie „kämpfen“ müssen und/oder in den Blogs ihre persönliche Entwicklung dokumentieren mit allen Auf und Abs.

Randfom fact #3: Mit 20 habe ich den Motorradführerschein gemacht

Ich glaube, es war eine Trotzreaktion darauf, dass mein erster Freund mit mir Schluss gemacht hatte – mit ihm war ich gemeinsam Motorrad gefahren, halt als Sozius. Ich habe dann viele Jahre eine Honda CB500 gefahren, bis ich meinen noch-Mann kennengelernt habe und zu ihm gezogen bin. Da habe ich dann das Motorrad ver- und einen uralt Smart ge-kauft, weil ich ein etwas wetterunabhängigeres Fortbewegungsmittel brauchte (mit öffentlichem Nahverkehr ist es hier sehr, sehr mühselig).

Was kotzt dich so richtig an?

Die Normalisierung von rechten Ansichten, das Ignorieren bzw. die Verharmlosung rechter Gewalttaten, das „Fischen am rechten Rand“ von Seiten der sogenannten „etablierten“ und „bürgerlichen“ Parteien. Ich hab eine solche Wut und ziemlich viel Angst.

Was machst du, wenn du nicht einschlafen kannst?

Hörbücher hören. Meistens Harry Potter in der englischen Fassung – großartig gelesen von Stephen Fry. Ein Wunder eigentlich, dass ich die noch nicht auswendig kann :D.

Welches Lied läuft bei dir momentan rauf und runter?

Gar keins. Irgendwie hat Musik momentan nicht so einen großen Platz in meinem Leben. Aber vielleicht ist das ganz gut, weil Musik oft schwierige Gefühle für mich transportiert oder bei mir auslöst.

Wenn Du leben könntest, wie Du wölltest – wie sähe dein Leben dann aus?

Ich würde aussteigen und irgendwo als Selbstversorger mit meiner Herde Alpacas leben. Auf den Äußeren Hebriden oder so. Nur Internet brauch ich :D.

Wie geht es dir heute?

Ganz gut! Die Schmerzen sind heute erträglich und ich fühle mich etwas wacher als die letzten Tage.

Wie machst du die Welt ein Stück besser?

Ich versuche es mit der Methode „Kleinvieh macht auch Mist“ ;-). Den Mund aufmachen gegen Diskriminierung/Menschenfeindlichkeit wo es geht; nicht überall mit dem Auto hinfahren; so oft wie möglich fair produzierte Kleidung kaufen; Menschen unterstützen, die Unterstützung wünschen (finanziell oder anders) soweit es mir möglich ist.