Richtige Körper — falsche Rollen

Wie erkläre ich anderen, was es bedeutet trans* zu sein? Da ist man (heißt, auch ich) schnell bei der Rede vom „falschen Körper“, in dem man geboren wurde. Tatsächlich ist das eine Wendung, die viele Cismenschen auch schon mal gehört haben und mit der man — ohne lang und breit zu erklären — rüberbringen kann, was los ist. Gerade in coming out-Situationen (in denen man vielleicht eh zu nervös ist, als dass einem all die tollen Sätze wieder einfallen würden, die man sich vorher zurechtgelegt hat) ist so eine etwas abgegriffene Metapher Gold wert. Ich spreche da aus Erfahrung: bei einem gefühlten Puls von 180, mit Schluckauf und am besten noch mit den Tränen kämpfend sollte man sich im Zweifel für etwas Einfaches entscheiden, das die Botschaft schnell und möglichst unzweideutig rüberbringt.

Trotzdem ist dieser Ausdruck vom „falschen Körper“, wenn man ihn näher betrachtet, problematisch, weil er letztlich einen Biologismus transportiert. Denn er legt nahe, dass Körper und Geschlechtsidentität eigentlich irgendwie „deckungsgleich“ sein sollten. Das entspricht damit aber genau der Annahme, dass das Vorliegen bestimmter körperlicher Merkmale bedeutet, dass ein Kind männlich oder weiblich sei — also der Annahme, gegen die wir uns als Trans*menschen behaupten müssen, wenn wir erreichen wollen, dass unsere Identität anerkannt wird.

Streng genommen ist es aus meiner Sicht so: falsch sind nicht unsere Körper, sondern die Annahmen und Zuschreibungen, die unsere Gesellschaft daran knüpft. Mir wurde aufgrund körperlicher Merkmale bei Geburt das weibliche Geschlecht zugewiesen und ich wurde in diese Rolle gedrängt. Um es ein bisschen überspitzt zu formulieren: es ist letztlich diese Rolle, an der ich zerbreche — nicht mein Körper.

Wenn ich einer Gesellschaft leben würde, in der das Vorliegen bestimmter körperlicher Merkmale nicht automatisch mit der Zuschreibung einer Gender-Rolle einherginge; in der ich mich nicht ständig erklären und rechtfertigen müsste dafür, dass ich mit genau diesem, meinem Körper keine Frau, sondern ein Mann bin; wenn ich das aussprechen könnte, ohne immer wieder zweifelnde, irritierte, belustigte, mitleidige Blicke zu ernten; wenn diese eine Welt wäre, die ohne rigide ge-genderte Schönheitsideale auskäme — möglicherweise würde ich dann nicht so fühlen, als hätte ich einen „falschen“ (oder doch zumindest irgendwie unvollständigen) Körper. Und möglicherweise könnte ich mich in so einer „idealen Welt“ gegen eine Hormontherapie und angleichende Operationen entscheiden.

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2 Gedanken zu „Richtige Körper — falsche Rollen“

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