Sub|ver|si|on

Als Trans*person die Entscheidung zu treffen, eine wie auch immer geartete Transition zu vollziehen, ist eine der schwierigeren Aufgaben, die das Leben einem so stellen kann. Und zumindest für mich kann ich sagen, dass mir die Entscheidung vor allem deswegen schwer fällt, weil ich damit massiv in bestehende Beziehungen eingreife — mit teils weitreichenden Konsequenzen. Aber es gibt einen zweiten Aspekt, der mir viel Kopfzerbrechen bereitet hat. Dieser hat teils mit dem Thema des vorangegangenen Beitrags zu tun, nämlich der Frage, wie sich Gender – verstanden als soziales Konstrukt – zum Körper, dem „Materiellen“, verhält.

Ich lehne die Vorstellung ab, dass es zwei Geschlechter gibt, die dadurch eindeutig bestimmt sind, mit welchen körperlichen Merkmalen jemand geboren wurde. Wenn das so wäre, gäbe es keine Trans*menschen (also Menschen, die sich nicht dem bei Geburt zugewiesenen Geschlecht zugehörig fühlen) und ob jemand Mann oder Frau ist, ließe sich anhand einfacher „Messungen“ überprüfen — z.B. durch Analyse der Chromosomen oder der Geschlechtshormone.

Entgegen der landläufigen Meinung gibt es aber Frauen mit natürlich hohem Testosteronspiegel, oder Männer mit zwei X Chromosomen (Klinefelter Syndrom). Das heißt, auch wenn dieses Prinzip von den körperlichen Merkmalen auf das Geschlecht zu schließen meistens funktioniert, ist es eben trotzdem kein Naturgesetz. Die Tatsache, dass es aber so behandelt wird, macht vielen Menschen das Leben ziemlich schwer. Wenn ich zum Beispiel möchte, dass in meinem Ausweis mein richtiges Geschlecht steht (M), dann muss ich mich — weil meine körperlichen Merkmale augenscheinlich etwas anderes sagen — einer umfassenden Begutachtung unterziehen deren Ziel es ist zu beurteilen, dass ich es auch wirklich, wirklich ernst meine und mir nicht etwa einen Spaß erlaube, wenn ich „behaupte“, ich sei ein Mann. (Klar, da könnte ja sonst jede_r kommen — nicht auszudenken, was dem Staat da für Scherereien entstehen würden).

Was mich an diesen Begutachtungen unter anderem aufregt (wenn wir mal außer Acht lassen, wie demütigend es ist, beweisen zu müssen, dass man tatsächlich die Person ist, die man man eben ist) ist, dass sie sowohl Geschlechterstereotype zementiert, als auch die Vorstellung aufrecht erhält, dass Trans*identität eine Transgression ist, die der staatlichen/institutionellen Kontrolle bedarf. In dem Moment, in dem ich mich dafür entscheide, in die Transition zu gehen, liefere ich mich diesem System nicht nur aus, sondern stärke es sogar noch.

Ein Beispiel (nicht fiktiv): Eine Frau, die schon lange nicht mehr in der männlichen Rolle lebt, die weibliche Hormone erhält und nun endlich auch ihren Personenstand angleichen möchte, bekommt durch die Gutachterin bescheinigt: sie sei zwar im großen und ganzen überzeugend als Frau, zeige aber einen noch „männlichen Habitus“. Wenn ich so etwas höre, könnte ich unter die Decke gehen (auch, wenn die betreffende Frau grünes Licht für die Personenstandsänderung bekommen hat). Wann lernen Gutachter_innen (und der Rest der Gesellschaft bitte gleich mit), dass Gender ein komplexes Konstrukt ist und dass auch eine Frau mit Verhaltens- und Ausdrucksweisen, die unsere Gesellschaft männlich konnotiert, trotzdem eine Frau ist. Und wenn sie durch und durch butch ist, ist sie immer noch genauso eine Frau. (Vgl. dazu die wunderschöne Infografik von Sam Killerman).

Genderbread Person v.3
Genderbread Person v3 (cc0) Mehr unter http://itspronouncedmetrosexual.com/2015/03/the-genderbread-person-v3/

Binäre Trans*menschen lernen aus solchen Geschichten, dass sie nur dann „wirklich“ Mann/Frau sind und bei der Begutachtung keine Probleme bekommen, wenn sie den Stereotypen entsprechen. Die Gesellschaft akzeptiert uns nur dann als das Geschlecht, das wir sind, wenn wir unsere Körper und Verhaltensweisen diesen cis-heteronormativen Vorstellungen und Erwartungen anpassen (schöner Comicstrip zu dem Thema hier). Das führt wiederum dazu, dass unsere Gutachter_innen stromlinienförmige Trans*lebensläufe und massentauglich choreografierte Performanzen von der zu begutachtenden Personen dargeboten bekommen — Darstellungen, die genau dem Schema entsprechen, das sie erwarten. Was wiederum dazu führt, dass sie denken, wer „wirklich“ trans* ist, der muss auch einen solchen Lebenslauf haben, muss die Stereotype bedienen, darf keinen Habitus haben, der dem des „Wunschgeschlechts“ widerspricht.

Und da bin ich jetzt endlich an dem Punkt, mit dem ich lange gekämpft habe. Wie kann ich mich in die soziale und medizinische Transition begeben, ohne diesem System in die Hände zu spielen? Denn wenn ich mich von A (Frau) nach B (Mann) bewege, dann erfülle ich doch genau wieder das, was die Gesellschaft gerne hätte: ein binäres System, in dem die Dinge schwarz oder weiß, null oder eins sind. In meinem Ärger darüber spielt auch der Widerwille eine Rolle mir einzugestehen, dass ich — so vermeintlich kritisch und reflektiert ich mit dem Thema Gender umgehe — mich irgendwie eben trotzdem danach sehne, so behandelt zu werden „wie jeder andere Mann“ und mir wünsche einen Körper zu haben, der mehr dem entspricht, was wir üblicherweise als männlich wahrnehmen. Dies steht im Konflikt zu meiner Auffassung, dass es „(auf)richtiger“ und „ehrenwerter“ wäre, das System von innen heraus zu destabilisieren: Subversion. Indem ich z.B. in der männlichen Rolle lebe, ohne Hormonersatztherapie. Indem ich mit anderen darüber ins Gespräch komme. Indem ich dafür kämpfe, als Mann anerkannt zu werden, auch wenn mein Körper etwas anderes zu sagen scheint.

Darauf habe ich lange rumgekaut. Eine wirkliche Lösung für dieses Dilemma gibt es nicht. Ich habe, für den Moment, meinen Frieden mit diesem Problem gemacht. Ich akzeptiere, dass ich ein Bedürfnis habe (einen männlicheren Körper, entsprechend der männlichen Rolle behandelt zu werden) und dass es in Ordnung ist, dieses Bedürfnis zu befriedigen — auch wenn ich weiß, dass ein Teil dieses Bedürfnisses daraus resultiert, wie ich sozialisiert wurde und welchen Botschaften über Männer und Frauen ich mein ganzes Leben lang ausgesetzt war. Es gibt einen Teil von mir, der sich einfach nach einem kleinen bisschen Normalität sehnt. Das bedeutet nicht, dass ich nicht weiter versuchen werde, der Cis-Heteronormativität etwas entgegenzusetzen. Ich bin stolz darauf zu sein, wer ich bin und werde mich nicht verstecken. Aber ich habe nicht die moralische Pflicht immer und um jeden Preis subversiv zu sein.

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