Ein Plädoyer für einen respektvollen Sprachgebrauch

Ich rege mich mal wieder auf.

Gerade seit dem coming out von Caitlyn Jenner und ihrem „Auftritt“ auf dem Cover der Vanity Fair ist das Thema Trans* in den Medien sehr präsent. Ich bin froh darüber, denn es bringt Sichtbarkeit und im Idealfall vielleicht auch mehr Akzeptanz für Trans*menschen. Noch schöner als Akzeptanz wäre aber Respekt und daran hapert es leider nur allzuhäufig — zumindest im Sprachgebrauch. Klar, oft ist es einfach Unwissenheit, aber gerade Journalistinnen und Journalisten mag ich das nicht nachsehen. Sie haben eine besondere Verantwortung, denn sie tragen wesentlich zur Meinungsbildung bei. Und deswegen erwarte ich, dass sie über solch sensible Themen in einer respektvollen Art und Weise schreiben — im Zweifel erfordert das eben, dass man sich informiert und/oder jemanden fragt, der oder die sich damit auskennt. Keine Raketenwissenschaft.

Entzündet hat sich mein Zorn zuletzt insbesondere an der SPIEGEL ONLINE Kolumne von Jan Fleischhauer (wer es sich antun möchte möge hier nachlesen). Ich versuche, meine Kritik an seinen kruden Thesen zum Thema binäre Geschlechterordnung und Trans*menschen mal außen vor zu lassen (und auch die ziemlich dumme und beleidigende Pauschalisierung am Ende). Stattdessen folgen ein paar Zitate (alle aus „Die Gender Lüge“ von Jan Fleischhauer) mit meinen Gedanken dazu.

1. Zitat „…Transsexuelle wie der Olympiasieger Bruce Jenner“ (Abstract)

  • Auch wenn hierüber in der Community kein Konsens herrscht: viele Trans*menschen mögen den Begriff „transsexuell“ nicht. Denn Transidentität hat nichts mit der Sexualität zu tun sondern, genau, mit der Gender Identität. Der Begriff ist nicht prinzipiell abwertend, aber er ist eigentlich überholt.
  • Es ist aus meiner Sicht aber respektlos gegenüber Caitlyn, sie nach ihrem coming out und der Änderung ihres Namens noch als Bruce anzusprechen oder in dieser Form auf sie Bezug zu nehmen. Hier hätte man ohne Not eine Formulierung finden können wie „Die Olympiasiegerin Caitlyn Jenner (vormals Bruce)…“. Hätte niemandem weh getan und wäre genauso deutlich gewesen.
    Der Beginn der Transition ist für uns in der Regel ein Neuanfang. Und auch, wenn viele von uns ihren Frieden mit dem „alten“ Selbst gemacht haben, erinnert uns der alte Name oft an eine schwere, schmerzvolle Zeit. Mit der Transition lassen wir ganz viel Ballast hinter uns und es ist ein Zeichen des Respekts uns diesen Ballast nicht auf Schritt und Tritt hinterherzutragen.

2. Zitat: „Der Beifall zu der öffentlich zelebrierten Geschlechtsumwandlung wächst, je weiter man politisch nach links neigt“

Ich wünsche mir, Cismenschen würden zumindest versuchen zu begreifen, dass wir unser Geschlecht nicht umwandeln sondern anpassen. Wir sprechen im 21. Jahrhundert von geschlechtsangleichenden Maßnahmen (z.B.. gender confirming surgery). Dies bringt zum Ausdruck, dass sich eben nicht unser Geschlecht ändert, sondern dass wir unseren Körper und die Rolle in der wir leben dem richtigen Geschlecht anpassen.
Die Rede von der „Umwandlung“ suggeriert zudem, dass wir einfach entscheiden können, vom Mann zur Frau (oder umgekehrt) zu „werden“. Tatsächlich sind und bleiben wir (mit Blick auf unsere Geschlechtsidentität) einfach wer wir sind. Wir „tunen“ nur unsere Körper, damit der Rest der Gesellschaft es auch begreift und uns entsprechend behandelt — z.B. indem er uns mit den richtigen Pronomen und dem richtigen Namen anspricht.

Dann zitiert Fleischhauer eine Freundin:

3. Zitat „Nun kommt ein Mann mit falschen Brüsten, künstlich verkleinerter Nase und abgesägtem Kinn, und alle bewundern seinen Mut.“ Was nach Ansicht meiner Freundin nur belegt, dass Männer sich eben immer noch mehr herausnehmen dürfen als Frauen.

Wieder wird Jenner als Mann bezeichnet. Mehrfach. Und es ist immer noch respektlos.

Wie kann jemand, der so schreibt sich ernsthaft wundern, dass viele Trans*menschen sich nur dann wohl in ihrer Haut fühlen, wenn das „Passing“ stimmt — d.h. wenn sie anstandslos als „richtige“ Frauen und Männer durchgehen. Fleischhauer selbst zeigt doch, wie schwer es ihm fällt, Jenner als Frau zu sehen, zu akzeptieren und zu respektieren. Anders kann ich mir nicht erklären, warum er immer wieder als Mann auf sie Bezug nimmt. Wie kann er sich da wundern, dass viele Transfrauen und -männer sich danach sehnen, den gesellschaftlichen Erwartungen bezogen auf ihr Äußeres und ihr Auftreten möglichst zu entsprechen. Oft ist das der Preis, den wir für ein bisschen Normalität zahlen.

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