Im freien Fall

Heute habe mich aus einem Flugzeug gestürzt. Also, an einem Fallschirm und vor dem Bauch von jemandem, der sich damit auskennt ;-).

Das hat jetzt nichts mit Gender zu tun, aber viel mit anderen Dingen, die dann irgendwie doch wieder mit meiner ganz individuellen Verhasstheit zusammenhängen — und überhaupt kann ich hier ja schreiben worüber ich will :-D.

So.

Also, ich bin aus einem Flugzeug gesprungen. Den Entschluss dazu habe ich letztes Jahr gefasst, in einer Phase, in der es mir ziemlich schlecht ging. Ganz plump gesagt wollte ich wissen, wie es sich anfühlt einfach nur zu fallen. Mittlerweile hat sich viel getan in meinem Leben und dieser Sprung hat eine andere, durchaus positivere Bedeutung bekommen.

Das erste, das ich mir von dem Sprung gewünscht hatte ist, Distanz zu erleben. Im Alltag ist das etwas, das mir oft fehlt. Es gibt negative Emotionen, von denen ich sehr schlecht „einen Schritt zurücktreten“ kann und die mich, wenn ich einmal in dem Strudel drin bin, ziemlich schnell ziemlich tief herunterziehen. Das sind insbesondere Schuldgefühle, die damit zu tun haben, welche Entscheidungen ich gerade über mein Leben treffe und welche Konsequenzen diese Entscheidungen für andere Menschen, die mir nahe sind, haben. Ich dachte mir, dass ein Sprung aus 4000 Metern Höhe ein Gefühl von Distanz ganz gut erlebbar machen sollte — verbunden mit der Idee, dass ich mit diesem Erleben etwas schaffe, an das ich mich erinnern kann, wenn ich mal wieder in meinen Gefühlsstrudel gezogen zu werden drohe.

Eine zweite Erwartung, die ich an den Sprung hatte, war zu erleben, wie es sich anfühlt, Kontrolle mal abzugeben. Das ist etwas, dass ich „im richtigen Leben“ überhaupt nicht kann. Man kann sich jetzt darüber streiten, ob das ein Problem ist ;-), aber es führt bei mir zum Beispiel dazu, dass ich mich für Dinge verantwortlich fühle, für die ich eigentlich keine Verantwortung habe oder die einfach nicht in meiner Macht stehen. Also dachte ich mir, begebe ich mich mal in eine Situation, in der ich auch die letzte Illusion von Kontrolle an der Gangway abgeben darf.

Und dann? Der Sprung war schon anders, als ich ihn mir vorgestellt habe — nicht besser, nicht schlechter, aber anders. Nervös war ich zum Glück überhaupt nicht (obwohl ich ja Flugzeuge nicht so wirklich leiden kann :D). Der Moment des Ausstiegs war so schnell vorbei, dass ich mich kaum daran erinnere. Der freie Fall, auf den ich mich mit am meisten gefreut hatte, hat mich dann doch ganz schön „geschockt“, weil ich kaum Luft bekommen habe. Da ich außerdem kein so wirkliches Zeitgefühl hatte, kamen mir die 45 Sekunden, die es dauerte, bis der Schirm aufging und ich endlich wieder einen tiefen Atemzug nehmen konnte, elend lang vor. Die Erinnerung daran ist aber schon wieder verblasst ;-). Danach ging es dann für mein Gefühl viel zu zügig abwärts — ich hätte gerne noch länger an dem Schirm gehangen und die Welt von oben betrachtet.

Obwohl ich versucht habe, während des Sprungs möglichst „präsent“ zu sein und alles bewusst zu erleben, habe ich jetzt schon das Gefühl, dass die Erinnerung verblasst — insbesondere das Visuelle (das bei mir ohnehin nicht so stark ausgeprägt ist). Aber ich denke, das Erlebte wird noch ein bisschen „sacken“ und ich werde die Erinnerung (oder das, was ich meine zu erinnern) schon gut dafür nutzen können, ein Distanzgefühl zu schaffen, wenn ich es brauche.

Und das mit der Kontrolle? Es ist mir in dieser Situation überraschend leicht gefallen, mich „zurückzulehnen“ und meinen Tandempartner machen zu lassen. Blieb mir ja auch nichts andere übrig ;-). Was mich merkwürdig berührt hat (und womit ich nicht gerechnet habe) ist, dass dieser Mensch, den ich überhaupt nicht kenne, sehr fürsorglich war und dass ich das tatsächlich ganz gut annehmen konnte. Das ist etwas, das ich mir normalerweise nicht zugestehe — sei es in der Form von Selbstfürsorge, oder der Fürsorge durch andere.

Und nun habe ich wieder festen Boden unter den Füßen und hoffe, dass die Erfahrung von heute ein bisschen dazu beiträgt, dass das so bleibt.

parachute

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Ein Gedanke zu „Im freien Fall“

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