Selbst|Körper|Bilder

Um das Thema Körperbild schleiche ich schon ganz schön lange herum und weiß nicht so recht, wie ich mich ihm nähren nähern soll (Tippfehler, hallo, Freud).

Mein Körper und wie ich ihn wahrnehme sind etwas, das mich schon lange „quält“. Ich habe mich in meinem Körper, nie richtig heimisch oder aufgehoben gefühlt. Es ist ein Körper, mit dem ich bislang keinen Frieden machen konnte — auch, oder gerade in den vielen Jahren, in denen mir nicht bewusst war, was der eigentliche Knackpunkt ist: nämlich meine Genderidentität.

Ich bin aufgewachsen in und mit einem Körper, der nicht passte — weder mir noch den anderen. Letzteres habe ich vor allem in der Schule über Jahre hinweg erfahren dürfen. Ich war „zu“ groß, tendenziell untergewichtig und so gar nicht „mädchenhaft“. „Es“ und „Elend“ waren da noch die netteren Sachen, die ich von meinen werten Mitschülern (weniger den Schülerinnen) zu hören bekommen habe.

Ich glaube unterdessen, dass das Mobbing mit dafür gesorgt hat, dass mein eigenes Unbehagen über meinen Körper und dem, was mit ihm in der Pubertät so passierte, überdeckt wurde. Was ich damit meine ist: wenn es eine Diskrepanz zwischen der Wahrnehmung anderer und meiner Selbstwahrnehmung gegeben hätte, dann wäre ich vielleicht eher auf die Idee gekommen, meine Selbstwahrnehmung zu hinterfragen. Genau das ist letztlich in den letzten Jahren vor meinem Coming out (auch mir selbst gegenüber) passiert. In einem letzten, schon recht verzweifelten Versuch, mich irgendwie in die weibliche Rolle einzupassen, habe ich angefangen, mich femininer zu kleiden. Es gab plötzlich Handtaschen statt Messenger Bag, Kleider statt Jeans, Ballerinas statt Treter. Plötzlich habe ich positive Rückmeldungen zu meinem Aussehen bekommen. Jedes Mal, wenn ich ein Kleid an hatte, habe ich (ich übertreibe) von jeder zweiten Person zu hören bekommen „wie toll das aussieht“. Nur, dass ich mich darüber nicht gefreut habe, sondern immer verzweifelter und wütender wurde. Ich hab mich verkleidet gefühlt, wie eine Drag Queen und wollte meinen Mitmenschen am liebsten entgegen schreien: „Seht ihr nicht, dass das nicht ich bin?“. Ich glaube, das war ein Faktor, der mich dazu gebracht hat, meine Genderidentität ernsthaft zu hinterfragen. (Nur um das zu verdeutlichen: Kleidung hat nichts mit der Genderidentität zu tun, man kann sich feminin kleiden und Mann sein — aber für mich führte meine Reaktion auf diese positiven Rückmeldungen dazu, dass ich mich endlich „geschlechtskonform“ gekleidet habe der entscheidende Riss in meiner Identitätsfassade).

Aber als Jugendlicher und junger Erwachsener habe ich die Klippe „Genderidentität“ meistens irgendwie umschifft. Manchmal gab es da Brüche, die sich aufgetan haben, aber es war offenbar ein Thema, dem ich mich nicht stellen konnte. Also habe ich die Brüche geleimt und die Risse gekittet und für mein Unbehagen andere Ventile gesucht. Wenn ich also so zurückblicke, sehe ich, dass sich mit Blick auf meinen Körper zwei Dinge durch mein Leben ziehen: Probleme mit meinem Gewicht/dem Essen und die Tatsache, dass ich immer und teils exzessiv Sport gemacht habe. Und trotzdem nie zufrieden war mit meinem Körper.

Sport ist immer ein Bestandteil meines Lebens gewesen. Die Liste von Sportarten, die ich mal mehr oder weniger ernsthaft praktiziert habe ist lang: Handball, Rudern, Badminton, Kickboxen, Laufen, Rennrad, Schwimmen, um mal nur die „wichtigsten“ zu nennen. Dazu eigentlich seit ich 19 Jahre alt war ohne größere Unterbrechung (bis vor kurzem) Besuche im Fitnessstudio, phasenweise 5 Mal pro Woche. Wenn ich das so schreibe sieht das ganz schön viel aus. Ich fand es immer „normal“.

Gleichzeitig habe ich immer mit meinem Gewicht gekämpft. Es gab seit der Pubertät glaube ich nur wenige kurze Phasen, in denen ich tatsächlich mal „normalgewichtig“ war. Wenn mein BMI mal um die 18 war, war das schon ziemlich gut — obwohl ich nur selten bewusst gehungert habe. Und obwohl ich dünn war und von anderen eine „tolle Figur“ bescheinigt bekam, habe ich mich immer „unproportioniert“ oder „fett“ gefühlt. Ich schaue nicht in Spiegel, bis heute, weil das was ich sehe, mich verzweifeln lässt. Die Grenzen von gender dysphoria zur body dysmorphic disorder verlaufen da wahrscheinlich fließend. Und mein Verhältnis zum Thema „Essen“ war und ist schwierig.

Genau an diesen „Flickstellen“ ist meine ganze schöne Fassade dann schließlich vor etwa drei Jahren langsam zerbröselt, als ich über meinen Körper und meine Nahrungsaufnahme ziemlich die Kontrolle verloren habe. Die Kurzfassung ist: Massive Nahrungsmittelintoleranzen gepaart mit einer Histamin-Sensitivität plus Erschöpfungszustände, die irgendwann dafür gesorgt haben, dass ich nicht mal mehr ein paar Treppenstufen gehen konnte, ohne mich zu quälen. Siehe auch hier.

Das Gewicht ging weiter in den Keller, Sport konnte ich irgendwann nicht mehr machen und damit fehlte mir einer meiner wichtigsten Kompensationsmechnismen. Das war, neben der Geschichte mit der Kleidung, wahrscheinlich der wesentliche Faktor, der dazu geführt hat, dass ich mich — gezwungenermaßen — mit mir und meinem Verhältnis zu meinem Körper beschäftigt habe. Herausgekommen ist irgendwann, Schritt für Schritt, das Eingeständnis, dass ich trans* bin; dass ich einen Körper habe, in dem ich mich fremd fühle und den ich nur gezwungenermaßen (er)nähre.

Seit ich dieses Wissen habe, hat sich die Wahrnehmung meines Körpers schon verändert. Ich verstehe z.B. mittlerweile viel besser, was mich stört. Wo vorher ein diffuses Missempfinden war, steht jetzt ein viel stärker gerichtetes (leider negatives) Gefühl. Das ist nicht weniger schmerzhaft, aber wenn man weiß, wo der Schuh drückt, kann man leichter etwas dagegen tun. Für mich hat sich mit dieser Erkenntnis eine Tür geöffnet, vielleicht irgendwann das, was ich fühle, mit dem, was ich im Spiegel sehe etwas mehr in Einklang bringen kann (und der Spiegel kann hier das Ding an der Wand oder ein anderer Mensch sein).

Ein erster Schritt in diese Richtung war — Obacht — doch wieder der Sport, allerdings mit dem klar formulierten Ziel der Gewichtszunahme. Im Moment sieht es so aus, als sei das Konzept aufgegangen, obwohl das Ende der Fahnenstange dessen, was ich ohne Testosteron und vor allem mit immer noch eingeschränkter Nahrungsmittelverträglichkeit schaffen kann, wohl langsam erreicht ist. Aber immerhin: ich wiege im Moment so viel, wie in meinem ganzen Leben noch nicht und habe tatsächlich einen normalen BMI. Das entscheidende dabei ist, dass ich (dank eines tollen Trainers!) zugenommen habe, ohne meine Dysphorie wesentlich weiter anzuheizen. Ich habe es geschafft, Muskelmasse zuzulegen. Und wenn mir jetzt ein anderer Mann sagt, ich habe ja muskulösere Arme, als er, dann ist das auch ein Kompliment, über das ich mich freuen kann.

Damit ist Sport zwar doch wieder eine Krücke dafür geworden, den Zustand, in dem ich gerade bin (nicht hier, nicht da) besser zu überbrücken. Ich habe aber (im Gegensatz dazu, wie es bislang oft war) nicht das Gefühl, dass ich Sport nutze, um meinen Körper zu besiegen, sondern um ihn ein bisschen heimeliger zu machen. Und das ist gar nicht so schlecht.

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