Ohne Worte

In der Sitzung bei meinem Therapeuten heute habe ich keinen vernünftigen Satz rausbekommen. Also, keinen Satz, der mich irgendwie mit irgendwas weitergebracht hätte. Ich hab mich plötzlich so müde gefühlt; müde, ständig in meinem Innersten rumzustochern und an die ganzen „Dinge“ zu rühren, die ich — teils unausgesprochen, unter der Oberfläche des leicht Zugänglichen — mit mir durch mein Leben schleppe wie eine Zentnerkugel an meinem Bein.

Schuld, Scham, Trauer, Angst.

Über jedes dieser Gefühle könnte ich einen Roman schreiben. Und trotzdem habe ich heute kein Wort darüber rausbekommen. Ich hab in meinem Stuhl gesessen, mit den Tränen gekämpft, es hat in mir gebrodelt und gearbeitet, aber ich konnte weder klare Worte, noch klare Gedanken fassen. Irgendwas in mir Ich wollte diese Gedanken und Gefühle nicht los-, an die Oberfläche lassen.

Teil des Problems ist, dass ich den Eindruck habe, ich mache eine Baustelle nach der nächsten auf, aber schaffe es nicht, auch mal mit einer dieser Baustellen fertig zu bearbeiten. Es ist manchmal, als würde ich durch ein Minenfeld laufen. Jeder falsche Tritt kann ein neues Loch im Boden aufreißen, voll mit Gedanken und Emotionen, mit denen ich mich eigentlich nicht auseinandersetzen will, bereit mich zu verschlucken. Dabei wünsche ich mir nur ein bisschen Ruhe und Normalität. Ein bisschen „Sein“, nicht immer nur „Werden“. Eine Atempause.

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3 Gedanken zu „Ohne Worte“

  1. Schweigen und Sprachlosigkeit gehören nun einmal dazu. Da braucht es eigentlich nicht einmal ein therapeutisches Setting. Ich hatte Patienten, die wochenlang kein Wort heraus bekommen haben und „gehemmt“ waren. Das ist ok.

    Ein ganz guter Tipp aus der Praxis ist (eventuell auch für dich): Stelle dir vor, dein Leben, mit jedem Moment und jeder Entscheidung ist ein Haus. Dein Haus. Heute ist es eventuell etwas ruhiger und morgen schon wieder lauter. Das kann sein. Im Keller fällt der Strom aus und in der Küche muss eigentlich einmal die Arbeitsplatte ausgetauscht werden. Das Bad dürfte eigentlich schon gestern geputzt sein und das Fenster im Dachgiebel macht auch nie einer auf. Es klingelt an der Tür und die Wohnzimmerpalme hat schon aufgehört um Wasser zu bitten.
    So ist das. Es sind nicht mehrere Baustellen, die dann zu viel werden können und einen unbefriedigt zurück lassen. Es ist eine Baustelle. Dein Haus. Dein Leben. Deine Emotionen, Wege, Sorgen, Taten…

    Auch wenn abgedroschen: alles wird gut! OK?

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    1. Schönes Bild mit dem Haus, gefällt mir. Aber woher weißt Du, dass im Wohnzimmer eine Palme steht, die Wasser braucht? ;)

      Früher hätte ich mich über diese Sprachlosigkeit wahrscheinlich geärgert. Aber mittlerweile habe ich gelernt, dass diese Widerstände, an die ich manchmal stoße, wichtige Themen „markieren“. Also dranbleiben. Habe aber auch gelernt, dass die Dinge manchmal Zeit brauchen, um sich an die Oberfläche zu wühlen.

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