Windswept

In den letzten Tagen habe ich mal wieder mit den Nachwehen der Erschöpfung gekämpft, die mich gut zwei Jahre begleitet hat. Ich merke, wie tief die Angst immer noch sitzt, dass mein Körper mir plötzlich einfach wieder einen Strich durch die Rechnung macht, wie damals. Vor etwa 3 Jahren musste ich den Sport, über den ich jahrelang „alles“ so gut es ging kompensiert habe, aufgeben. Ich hatte meinen Körper ziemlich vor die Wand gefahren. Meine Nahrungsmittelunverträglichkeiten waren so schlimm, dass ich im Wesentlichen von Kartoffeln, Karotten und Olivenöl gelebt habe. Dazu kam (kommt) eine Histaminintoleranz, die bei mir u.a. einen deutlich erhöhten Puls verursacht hat (genauer gesagt hatte ich neben einer Menge anderem Mist ständig Grippesymptome). Ich bin noch monatelang Rad gefahren, obwohl es eigentlich nicht mehr ging, weil ich darüber den kleinen Rest Selbstwert bezogen habe, den ich noch hatte. Mein Trainingspuls war immer am Anschlag oder drüber, teilweise bin ich 120-150km Rad in einem Bereich von 80-85% der maximalen Herzfrequenz gefahren und habe Antihistaminika genommen, weil er dann ein kleines bisschen runter ging. Irgendwann ging dann nichts mehr.

Ich mache seit etwa einem Jahr wieder moderat Sport, seit ein paar Monaten sitze ich auch öfter mal wieder auf dem Rad. Aber die Angst sitzt mir dabei oft im Nacken. Diese Erfahrung, wie es ist, wenn der Körper einfach den „Dienst“ verweigert und man nichts dran machen kann, belastet mich immer noch. Das merke ich vor allem dann, wenn es mal nicht so rund läuft.

Vorgestern war ich zum Krafttraining im Fitnessstudio und es lief nicht gut. Der Kreislauf wollte nicht, ich hab die volle Anzahl Wiederholungen nicht geschafft und danach war ich komatös müde. Das sind bei mir relativ normale Reaktionen darauf, wenn ich beim Essen daneben greife (was immer mal wieder vorkommt, weil ich versuche, nicht 200%-ig zu kontrollieren, was ich esse). Ich kann mit einem schlechten Tag mittlerweile eigentlich einigermaßen umgehen, aber die Angst, dass alles wieder von vorne losgeht ist doch immer da.

Gestern wollte ich mit meinem Mann dann Rad fahren. Unsere „Hausrunde“ – die ist mit 50km/550 Höhenmeter das Maximum dessen, was ich momentan schaffen kann, ohne mich komplett zu verausgaben. Ich habe aber morgens gesehen, dass es ziemlich windig war und dann kam die Angst:
„Ich schaffe die Runde nicht, wenn es so windig ist; ich habe nicht genug Kraft; ich muss wieder erleben, dass ich nicht mehr ‚kann‘; mein Körper lässt mich im Stich; ich werde wieder an dieser eigentlich machbaren Herausforderung scheitern“.
So ging es in meinem Kopf rund und es ging mir richtig schlecht dabei. Die Angst zu fahren und umkehren zu müssen war unglaublich groß. Und natürlich wusste ich, je mehr ich mich vorher in diese Angst reinsteigere, desto wahrscheinlicher ist es, dass ich die Runde nicht schaffe – Angst ist körperliche Schwerstarbeit. Aber vor dieser Angst klein bei zu geben und nicht zu fahren wäre genauso schlimm gewesen. So ein richtiger mind fuck also.

Ich habe mich dann entschieden zu fahren. Mein Mann hat sehr rücksichtsvoll agiert, mir Windschatten gegeben, das Tempo unten gehalten. Ich hatte die ganze Zeit Magenschmerzen, weil ich so verkrampft war, aber es lief trotzdem verhältnismäßig gut. Danach war ich groggy, heute merke ich es auch noch und die Angst kommt wieder hoch.

Ich hoffe, ich kann irgendwann mal Frieden mit diesem Körper machen.

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