Baggage

Ich schleiche schon eine Weile um das Thema selbstverletztendes Verhalten (SVV) herum, hab schon den einen oder anderen Beitragsentwurf erstellt, aber nie fertig geschrieben. Zum einen, weil ich mich frage, ob ich das wirklich hier im Blog haben will, so öffentlich. Zum anderen, weil ich das Gefühl habe, immer noch keine „gute Haltung“ dazu gefunden zu haben. Natürlich ist beides irgendwie gleichzeitig der Grund, warum es lohnenswert für mich ist, darüber zu schreiben.

Falls Ihr nicht wisst, ob Ihr weiterlesen möchtet – es wird keine grafischen Schilderungen von irgendwas geben.

Das bestimmende Gefühl in Bezug auf das Thema ist für mich Scham — ich habe bei der letzten „Episode“, die etwa ein Jahr gedauert hat, Monate und viele Anläufe gebraucht, bis ich meinem Therapeuten davon erzählen konnte. Ich frage mich, woher dieses Schamgefühl eigentlich rührt. Ich habe zum einen sicher Angst vor Stigmatisierung, als „krank“ abgestempelt zu werden. Ich vermute, viele Menschen glauben immer noch, dass es bei SVV darum geht, Aufmerksamkeit zu schinden, oder dass nur Jugendliche in der Pubertät davon betroffen sind. Beides stimmt nicht und jegliche Form von Aufmerksamkeit, oder das Gefühl anderen Sorge zu bereiten, ist ein Albtraum für mich. Also musste ich das Problem verstecken.

Gleichzeitig war für mich jede Verletzung ein weiterer Beweis meiner Schwäche — ein weiterer Grund, mich selber fertig zu machen dafür, dass ich es nicht einfach schaff(t)e, die Zähne zusammenzubeißen und weiter durchzuhalten in meinem Leben. Das war aber gleichzeitig natürlich ein unschöner Kreislauf: Neben Schuldgefühlen ist vor allem der Hass, den ich auf mich und meinen Körper oft empfinde ein großer Trigger. SVV führt aber bei mir zu mehr Selbstablehnung und Schuldgefühlen und so entsteht eine sich selbst immer weiter befeuernde Abwärtsspirale. Insgesamt resultiert mein Schamgefühl also wahrscheinlich aus einer Kombination von Sorge darüber, was die anderen wohl denken, wenn sie es wüssten und dem Gefühl, ein Schwächling zu sein, der sich endlich mal zusammenreißen sollte.

Bis heute ist mein Therapeut der einzige Mensch, dem ich davon erzählt habe. Ob mein Mann verstanden hat, was da los war, weiß ich nicht. Ich vermute, er hat etwas gemerkt, aber aus Hilflosigkeit(?) weggesehen.

Die Kraft aufzuhören hatte ich erst, als ich die Entscheidung für eine Transition getroffen hatte und wieder das Gefühl hatte, eine Perspektive zu haben. Aber in Phasen, in denen es mir schlecht geht (wie gerade auch), kämpfe ich nach wie vor mit dem Thema. Das ist ein „Päckchen“, das ich immer noch zusätzlich mit mir rumschleppen muss, wenn es mir sowieso schon nicht gut geht. Aber das Wissen, dass es für mich einen Weg gibt, auch wenn er weder gradlinig noch so ganz eben ist, hilft mir, besser damit umzugehen.

Die Welt ist übrigens nicht untergegangen, als ich meinem Thera davon erzählt habe.

Tut sie hoffentlich auch nicht, wenn ich jetzt auf „Publizieren“ klicke ;-).

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