Message in a bottle

Ich quäle mich schon viel zu lange damit rum, wie es weitergehen soll. Ich habe verstanden, dass es nicht weitergeht, wenn ich zwischen meinem Mann und mir nicht Klarheit schaffe. An dem Punkt bin ich schon lange, aber daran hängt die quälende Frage des „wie“? Jedes Mal, wenn ich mir vorstelle, mit ihm zu reden – ihm mitzuteilen, dass ich mich für die Transition entschieden habe – gerate ich in Panik.

Wir hatten schon ein paar eher katastrophale Gespräche zu dem Thema „was wäre wenn?“ und jedes Mal endete es darin, dass wir über Trennung geredet haben und ich seinen Schmerz, seine Verzweiflung darüber hautnah erleben musste. Wenn dieser geliebte Mensch, der sonst nie irgendwelche „heiklen“ Regungen wie Trauer, Angst, Schmerz zeigt, plötzlich wegen mir sehr traurig, ängstlich und schmerzerfüllt wirkt, überfordert mich das. Mehr, als ich noch mal durchleben möchte.

Also war mein Impuls die ganze Zeit, die Wiederholung eines solchen Gesprächs auf Teufel komm raus zu vermeiden. Da ich merke, dass es aber so auch nicht weitergehen kann, muss jetzt irgendwie eine Lösung her. Für mich ist diese Lösung vermutlich ein Brief. In dem Brief wird unter anderem stehen, dass ich mich für die Hormontherapie entschieden habe. Aber auch, was meine Gefühle für ihn sind und wie ich unser Zusammenleben momentan empfinde.

Ich hadere mit dieser Lösung, weil denke, es ist feige, ihn so damit zu konfrontieren; ihm meine Entscheidung nicht von Angesicht zu Angesicht zu erklären; ihn mit seinen Gefühlen dazu erst einmal alleine zu lassen. Ich werfe mir mal wieder vor, „zu schwach“ zu sein – zu schwach, seinen Schmerz auszuhalten. Wo ich es doch bin, der ihm den Schmerz überhaupt erst zufügt.

Trotzdem glaube ich, dass es so gerade der einzige für mich gangbare Weg ist.

Das hat etwas mit Selbstschutz zu tun.

Also.

Schritt 1: Brief schreiben. Habe ich getan. Am Montag nehme ich ihn mit zu meinem Therapeuten. Danach wird er noch eine Weile in der Schublade verschwinden, der Brief (aus Gründen). Ich werde ihn bestimmt noch ein paar Mal umschreiben. Ich werde sicher auch noch eine Weile darauf hoffen, dass ich ihn nicht brauche; dass auf wundersame Weise plötzlich alles geklärt ist zwischen meinem Mann und mir, weil er erkennt, dass er mich liebt, egal, welche Rolle ich lebe und welchen Körper ich habe.

A guy can dream.

Schritt 2: Den Auftrag meines Therapeuten erfüllen und mir ein worst und ein best case scenario ausdenken. Was passiert im schlimmsten und im besten Fall, nachdem mein Mann den Brief gelesen hat?

  • Ich erspare mir jetzt mal das „und sie ritten gemeinsam glücklich in den Sonnenuntergang“-Szenario. Realistisch betrachtet wäre das bestmögliche Ergebnis wohl dieses: Mein Mann entschließt sich erstens, sich auf das Experiment einzulassen, diesen Weg weiter mit mir zu gehen und zu sehen, wohin er uns führt; und er ist zweitens bereit, sich (alleine oder gemeinsam mit mir) Beratung und Unterstützung von außen zu holen.
  • Das schlimmste (und leider auch wahrscheinlichste) Szenario ist: er macht komplett dicht, spricht nicht mehr mit mir und zieht sich völlig zurück. Er nimmt in keiner Weise Bezug auf das, was in dem Brief steht. Er verharrt weiter in diesem Niemandsland zwischen Partnerschaft und Trennung.
    Das hatten wir in verschiedenen „Schweregraden“ alles schon; will ich so nicht wieder erleben. Auf dieses Szenario muss ich vorbereitet sein, aber dafür habe ich auch einen ziemlich problemlösungskompetenten Therapeuten, mit dem ich eine gute Strategie basteln kann. Ich habe aber auch schon ein Vorstellung, wie diese Strategie aussehen wird.

Ich geh mal Segel setzen.

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2 Gedanken zu „Message in a bottle“

  1. Hallo, Tomi!
    Ich hatte dich zufällig über den Reader gefunden und lese mich im Moment durch deinen ganzen Blog.
    Auch wenn dieser Beitrag schon älter ist und ich keine Ahnung habe, was danach noch alles passiert ist, habe ich das Gefühl, ich möchte hier gerne etwas sagen – und habe gleichzeitig Angst davor, vielleicht „anmaßend“ zu sein oder zu weit zu gehen….

    Ich fühle es im mir schmerzen, wenn ich dich so leiden lese. Und ich frage mich, wie es sein kann, dass „Du“ deinen Mann so leiden läßt. Es ist doch sein Schmerz; sein „nicht-annehmen-können“; vielleicht auch (s)eine Homophobie.
    Ich kann ihm nichts unterstellen, da ich Euch nicht kenne – aber kann es sein, dass er Angst davor hat, als schwul zu gelten, weil er eine Beziehung mit einem Mann haben wird?

    Und ist Liebe nicht ein Gefühl für „Innen“?
    Statt für „Außen“?
    DICH zu lieben ist zumindest für mich persönlich keine Frage des Körpers. Es ist eine Frage der Seele.
    Und Liebe will den anderen glücklich sehen; nicht „angepaßt“ oder verleugnet.
    Ist sein Schmerz schmerzhafter als deiner? Darf er „mehr“ sein; begründet sein?
    Puh – jetzt hab ich Muffe, das war zu mutig und zu weit drüber. Sorra… ich drück trotzdem jetzt auf senden……

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    1. Danke für Deinen Kommentar. Du gehst nicht zu weit, keine Sorge! Was Du schreibst sind genau die Dinge, die mir auch durch den Kopf gehen und ich sehe das alles eigentlich genauso – aber das zu wissen und daraus wirklich Konsequenzen zu ziehen sind bei mir leider zwei Paar Schuhe. Aber ich bin auf dem Weg :).

      LG

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