Zurücknachvorn

Bevor das „richtige“ Leben wieder losgeht, versuche ich mal, meine Erfahrungen_Gedanken aus dem Urlaub ein bisschen zu ordnen. So für mich; aber auch, weil ich in einer Woche wieder einen Termin bei meinem Therapeuten habe und mich momentan ein bisschen planlos fühle. (Das ist vielleicht mal ein Thema für einen anderen Post: gerade in Sachen Transidentität bekomme ich von meinem Thera wenig Input und ich muss meinen Weg weitgehend selbst strukturieren — das hat Vor- aber auch Nachteile).

Mein Mann und ich.

Das war das Thema, das mich vor unserem Urlaub am meisten beschäftigt hat. Wie werden wir miteinander klar kommen? Wie wird es sein, plötzlich so viel (Frei-)Zeit miteinander zu verbringen, wenn wir vorher nur noch das nötigste miteinander gesprochen haben?

Das ging um einiges besser, als ich erwartet hatte. Sicher war ein Faktor dabei, dass wir mittlerweile 15 Jahre „Routine“ im Miteinander-Leben haben (ja, fünfzehn). Wir konnten auf bewährte, erprobte Verhaltensmuster zurückgreifen. Das klingt jetzt unromantisch (ist es auch), war aber in dieser Situation entlastend. Wir konnten beide zumindest ein bisschen von unserer Anspannung ablegen und ich hatte den Eindruck, dass mein Mann mir offener und liebevoller begegnen konnte, als es ihm in den letzten Monaten möglich war. Das war eine positive Erfahrung.

Gleichzeitig habe ich aber auch gemerkt, dass mich das nicht erfüllt. Die Zuneigung meines Mannes bezieht sich auf einen Teil von mir, den ich als eine Hülle empfinde. Wenn er etwas an mir liebt, ist es diese Hülle. Und so fühle ich mich eigentlich, trotz seines Umgangs mit mir, ungeliebt – denn ein wesentlicher Teil von mir (meine männliche Identität) wird von ihm nicht anerkannt. Dieser Teil ist aber so wichtig für mich, dass ich mich ohne ihn nicht gesehen oder geliebt fühlen kann.

Was wir in diesem Urlaub an Gemeinsamkeit, Partnerschaft erlebt haben, ist wahrscheinlich das Maximum dessen, was unter den gegebenen Umständen möglich ist. Aber es reicht nicht, um all das aufzuwiegen oder zu neutralisieren, was mich so unglücklich macht. Ich kann mein Leben nicht weiter als „Hülle“ leben. Das ist eine Erkenntnis, die ich schon vorher hatte, aber der Urlaub hat mir diesbezüglich noch einmal größere Klarheit gebracht, weil es relativ wenige „Störfaktoren“ gab. Insofern ist es, so im Nachhinein betrachtet, die richtige Entscheidung gewesen, diesen Urlaub wirklich anzutreten und nicht einfach davor „wegzulaufen“.

Meine Identität und ich.

Ich habe zwischendurch eine Krise gehabt, die mir ziemliche Angst gemacht hat. Ein bisschen davon habe ich im vorigen Beitrag beschrieben. Ich hatte das Gefühl, den Kontakt zu „mir“ (und damit meine ich vor allem meine männliche Identität) zu verlieren. Es war, als würde mir „Tomi“ durch die Finger gleiten und darunter/dahinter war aber sonst nichts, nur Leere. Es war plötzlich, als sei „ich“ nur diese Hülle, die die anderen Menschen sehen. Und dann dachte ich mir, wenn ich diesen Teil von mir so wenig greifen kann, ist er dann wirklich da? Was ist, wenn die Entscheidungen, die ich treffe, um diesem Teil besser gerecht zu werden, ins Leere laufen und ich mir damit den Weg zu einem „normaleren“, zufriedeneren Leben vollkommen verbaue? Was ist, wenn ich „am Ende“ merke, dass es die falsche Entscheidung war, diesem Bedürfnis nachzugeben?

Ich weiß, dass diese Zweifel für Trans*menschen nicht ungewöhnlich sind – gerade wenn sie … ähm … nicht mehr ganz so junge Hüpfer*innen sind ;-). Aber das macht es nur bedingt leichter, damit umzugehen. Denn die Entscheidung, wie es weitergeht, kann nur ich selbst treffen. Und ich muss mit den Konsequenzen leben – 24/7. Das kann mir niemand abnehmen.

Erschwerend hinzu kommt, dass eine Transition in unserer Gesellschaft nach wie vor ein „big deal“ ist. Sie ist ein Spektakel, das sich unter den Augen der Öffentlichkeit vollzieht. Jede_er redet mit, hat etwas dazu zu sagen. Man steht plötzlich im Rampenlicht. Gäbe es weniger, Hürden, weniger Unverständnis, Stigmatisierung, „Exotisierung“ und dafür mehr Selbstverständlichkeit, Unterstützung und Akzeptanz, wäre es für mich einfacher, mich auf den Weg zu machen.

Mein Körper und ich.

Ich habe im Urlaub versucht, gut zu meinem Körper zu sein. Das ist etwas, was mir extrem schwer fällt. Ich hasse meinen Körper (mir fallen dafür keine euphemistischeren Worte ein) und ihn nicht zu überfordern, zu disziplinieren, zu beschimpfen und mit Abscheu zu betrachten fällt mir sehr schwer.

Immerhin: Der Versuch ist nicht komplett gescheitert ;-). Das lag einerseits daran, dass ich meinem Körper – was sportliche Aktivität angeht – wieder mehr zumuten konnte, als die letzten zwei Jahre möglich war. Ich habe auf dem Rad gesessen, bin an meine Grenzen gegangen, aber nicht darüber. Ich konnte den Gedanken meiner „Minderwertigkeit“ ein bisschen in den Hintergrund schieben. Das lag zum einen daran, dass ich wenig Vergleichsmöglichkeiten hatte, denn es waren verhältnismässig wenige Radfahrer_innen unterwegs, sodass mich nicht alle naselang jemand überholt hat. Aber ein bisschen kam es glaube ich auch aus mir selbst heraus und ich konnte mich beim Fahren oft mehr auf die grandiose Aussicht konzentrieren, als um meinen Körper. So habe ich das Fahren tatsächlich genossen. Es gab einige Momente, wo ich einfach nur voll war von den ganzen Eindrücken und glücklich, dass ich das erleben darf. Das waren Momente, in denen ich tatsächlich froh war, am Leben zu sein. Das ist etwas, das ich nicht oft erlebe und ich versuche, mir die Erinnerung an dieses Gefühl zu bewahren.

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