Weitertanzen

Heute war ich das erste Mal seit fünf oder sechs Wochen wieder bei meinem Therapeuten. Sitzungen nach so langen Pausen finde ich immer schwierig — dieses mal besonders, weil wir vor der letzten Sitzung schon eine ähnlich lange Pause hatten. Ich muss mich dann immer erst Mal wieder neu „einfinden“ und orientieren. Hat aber ganz gut funktioniert und ich habe mir erst einmal alles vieles von der Seele geredet, was mich momentan so beschäftigt. Dabei konnte ich auch ganz gut über die Zweifel und Ängste reden, die ich gerade habe: Was ist, wenn die Transition sich als ein riesiger Irrtum herausstellt? Was, wenn ich nach der Transition noch genauso unglücklich bin, wie jetzt — oder sogar noch unglücklicher, weil ich dafür so viel werde aufgeben müssen? Ich habe erzählt, dass diese Zweifel meiner Meinung nach ironischerweise daher rühren, dass es mir gerade mal verhältnismäßig „gut“ geht, was sich darin äußert, dass ich mich nicht selbst verletze und nicht ständig Suizidgedanken habe. Und da kommt bei mir direkt der Gedanke: „vielleicht geht es ja auch so“.

Aber wenn ich darüber nachdenke, wie mein Alltag davon bestimmt ist, Gedanken wegzuschieben, möglichst nicht in den Spiegel zu schauen; zu versuchen wegzuhören, wenn andere mich mit „Frau Tomi“ und mit meinem Geburtsnamen ansprechen; meinen Körper und die negativen Gefühle, die ich ihm gegenüber habe möglichst auszublenden und zu unterdrücken — dann wird mir klar, dass ich gar nicht wirklich lebe. Ich verwalte meine Existenz — meine Emotionen, meinen Körper, meine Gedanken. Ich versuche all das zu kontrollieren so gut es geht, damit ich mich möglichst selbst vergessen kann und nicht daran erinnert werde, wer ich „eigentlich“ bin. Aber die kleinste Störung kann dieses Kartenhaus unweigerlich wieder zum Einsturz bringen. Ich hoffe, dass ich das alles bei meinem Therapeuten irgendwie rüberbringen konnte.

Er hat zwischendurch zu mir gesagt, dass er den Eindruck hat, dass ich „rumeiere“ und dass es ihm deswegen z.B. schwer fällt, konsistent die männliche Anrede zu benutzen (also, sich daran zu erinnern, sie zu benutzen). Im ersten Moment dachte ich, so ein Quatsch, ich hab es doch mehrfach total klar gesagt, dass ich so angesprochen werden will. Aber er hat schon Recht damit, dass ich „rumeiere“ und mich nicht zum nächsten Schritt (= Gespräch mit bzw. Brief an meinen Mann) durchringen kann. Ich habe gute Gründe für diesen Eiertanz, keine Frage — aber es ist halt trotzdem ein Eiertanz.

Vielleicht schaffe ich es ja irgendwann mal auf die Überholspur. Oder zumindest runter vom Standstreifen. Das würde ja schon reichen ;-).

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