Spatzen und Tauben

Es mehren sich die Stimmen, die sagen, mein Therapeut klinge nicht besonders hilfreich oder verständnisvoll. Ich habe gerade selber das Gefühl, dass die therapeutische Beziehung gerade etwas ins Schwimmen geraten ist. Mal sehen, ob es mir gelingt, das ein bisschen besser zu greifen.

Vorneweg: wer hier ein bisschen gelesen hat weiß, dass ich nicht „nur“ in Therapie bin, um mein Indikationsschreiben für die Hormone zu bekommen. Ich habe vor etwas über zwei Jahren die Therapie begonnen, weil ich mit meiner chronischen Erschöpfung und meinen Nahrungsmittelunverträglichkeiten nicht mehr klar gekommen bin. Damals wusste ich noch nicht, wo die Reise hingeht und das Thema Transidentität ist erst nach und nach „hochgekommen“.

Es ist in der Region, in der ich lebe, unheimlich schwierig, überhaupt einen Therapieplatz in halbwegs annehmbarer Zeit zu bekommen. Insofern habe ich die Entscheidung für diesen Therapeuten auch getroffen, weil ich schnell einen Platz bekommen habe. Warten war damals keine Option. Ich dachte mir damals, die Chemie stimmt so zu 80% und fand, dass das ausreicht. Es hat eine Weile gedauert, aber es hat sich eine gute und für mich sehr hilfreiche therapeutische Beziehung entwickelt und ich schätze meinen Therapeuten sehr.

Seit das Thema Transidentität nun auf dem Tisch ist gab es einige „Krisen“ in dieser Beziehung. Die hatten z.B. damit zu tun, dass ich etwas unbedingt wollte und ich das Gefühl hatte, dass mein Therapeut mich bremst oder zu zurückhaltend, zu wenig bestätigend ist. Bis jetzt ist es uns eigentlich immer gelungen, das auszuräumen. Und zwar so auszuräumen, dass ich aus dieser Lösung des Konflikts für mich auch etwas rausziehen konnte und das Gefühl hatte, mein Vertrauen in den Therapeuten wird eher bestärkt.

Was ich an ihm schätze ist: Er wertet nicht – egal, was ich ihm erzähle. Ich habe ihm neben meiner Transidentität u.a. meine Suizidgedanken und mein selbstverletzendes Verhalten anvertraut. Er hat immer „sachlich“ und unaufgeregt reagiert (und das heißt nicht: desinteressiert). In diesen Momenten hat mir das unglaublich geholfen. Also, er sagt nicht: „Das ist aber schlimm, dass sie diese Gedanken haben, Tomi“, sondern er macht sich ein Bild davon, wie diese Gedanken aussehen und erarbeitet dann mit mir zusammen eine Weg, wie ich damit umgehe.

Die Kehrseite dieses nicht-wertenden, sachlichen Umgangs ist, dass ich wenig „positive Verstärkung“ bekomme. Ich habe verstanden, dass das nicht heißt, dass er mich nicht ernst nimmt. Aber es heißt schon, dass ich von ihm in bestimmten Situationen wenig Orientierung erhalte. Ich glaube, dass das richtig ist, denn ich muss meine Entscheidungen selbst treffen. Aber es ist unglaublich zermürbend, denn eigentlich hätte ich gerne jemanden, der mir die Entscheidungen, die ich gerade treffen muss, abnimmt. (Und ich glaube das ist der Punkt, über den ich nächstes Mal mit ihm reden muss: wir müssen rausfinden, wie er mich besser beim Entscheiden unterstützen kann, ohne sich in die Entscheidung einzumischen).

Was ich auch nicht erlebe ist, dass er mir Trost spendet oder ein für mich wahrnehmbares Mitgefühl kommuniziert. Manchmal fehlt mir das, aber ich letztlich glaube ich, dass ich damit nicht gut umgehen könnte. Eins meiner größeren „Päckchen“ sind meine Schuldgefühle darüber, dass ich anderen Menschen Kummer, Sorgen bereite. Wenn ich das Gefühl hätte, das passiert bei meinem Therapeuten auch, würde das für mich die Beziehung zu ihm ziemlich verkomplizieren. Es gab einige wenige Momente, da hatte ich den Eindruck, dass ihm Dinge, die ich berichtet habe, nahe gehen und diese Momente waren ziemlich schwierig für mich.

So. Warum habe ich mir bis jetzt keinen anderen Therapeuten gesucht? Zum einen, weil ich viel Vertrauen in ihn und diese therapeutische Beziehung habe. Mein Therapeut hat mir geholfen ganz viele Schritte weiter zu kommen – er ist der erste, der das geschafft hat. Ich bin noch zuversichtlich, dass wir auch weiter einen guten Weg finden können.

Zum anderen: Ich weiß, dass es wahrscheinlich da draußen einen Therapeuten** gibt, der mir mit meinen momentanen „Baustellen“ – also der Transidentität und der Transition – anders, besser helfen könnte, als mein jetziger. Aber diese Person zu finden; einen Platz dort zu bekommen; und das bei der Krankenkasse durchzubekommen, die schon bei der letzten Verlängerung so viel Ärger gemacht hat… all das erscheint mir gerade als eine riesige Hürde. (**Ich kann mir leider überhaupt nicht vorstellen, mit einer Therapeutin zu arbeiten; und die Chance, dass ich jemanden finde, der genderqueer, trans* ist UND wo die Chemie stimmt, ist mikroskopisch klein).

Die klassische „Spatz in der Hand“ Denke also (die Formulierung ist jetzt ein bisschen unfair meinem Therapeuten gegenüber, denn bis jetzt war er eine ziemlich gute Taube ;)). Wenn ihr öfters hier mitlest merkt ihr natürlich gerade, dass das ziemlich genau die Überlegungen sind, die ich gerade mit Blick auf mein restliches Leben und vor allem die Beziehung zu meinem Mann anstelle. Werfe ich wirklich den Spatz weg, wenn ich nicht weiß, was für eine Taube nachher auf meinem Dach sitzt? Und ob ich überhaupt noch ein Dach haben werde…. Und was ist, wenn ich gar keine Taube, sondern lieber einen Tukan hätte?

Aaaahhhhh!

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