Klein-teilen

Es geht mir immer noch nicht wirklich gut, aber ich fühle mich wieder ein bisschen stabiler als letzte Woche. Ich halte es aber trotzdem zu Hause kaum aus. Sobald mein Mann mal nicht in Reichweite ist, fange ich an zu heulen. Ich will nicht, dass er es merkt, also tue ich so, als wäre alles OK, wenn er da ist. Völliger Mist. Um mal rauszukommen, habe ich mich vorhin aufs Rad geschwungen und bin erst mal eine Runde gefahren. Das hat gut getan und ich konnte mein Gedankenkarussell mal etwas durchbrechen.

Mir ist sehr klar, dass ich – wenn ich an diesem Punkt hier verharre – vermutlich früher oder später kapitulieren werde. Und es quält mich, dass ich es nicht schaffe, mich aus dieser Starre zu lösen. Die Kapitulation (mit allen Konsequenzen), erscheint mir gerade sehr viel leichter, als mich aktiv aus der Situation zu befreien, in die ich mich manövriert habe in der ich mich gerade befinde. Aber ich bin letztlich noch nicht bereit, (mich) aufzugeben.

Auf dem Rad habe ich noch mal darüber nachgedacht, was es mir so schwer macht, einen Schritt weiterzugehen. Klar, es geht darum, dass ich meinen Mann und mein jetziges Leben, mein zu Hause, mein gewohntes Umfeld nicht verlieren will. Und ich schaffe es nicht, mit meinem Mann erneut über das Thema Transidentität/Transition zu sprechen, weil ich Angst habe, dass er sich wieder von mir distanziert – diese Wochen, in denen er mich kaum angesehen hat, nur das nötigste mit mir gesprochen und sonst einen großen Bogen um mich gemacht hat, waren unerträglich.

Aber es geht auch darum, dass mein Mann von mir eine „Entscheidung“ erwartet, auf deren Grundlage er sich dann entscheiden will. Wie seine Entscheidung vermutlich aussehen wird, meine ich zu wissen (nämlich Trennung), da er sich nicht vorstellen kann, mit einem Mann zu leben und ich für ihn ab Beginn der Hormontherapie Mann bin.

Jedenfalls ist mir heute noch mal klarer geworden, dass ich gerade nicht in der Lage bin, diese eine, „große Entscheidung“ zu treffen – weder jetzt, noch in Zukunft. Nicht nur, weil ich meinen Mann nicht verlieren will, sondern auch, weil ich nicht weiß, ob es die richtige Entscheidung ist – das haben mir die Zweifel, die mich die letzten Wochen so quälen deutlich gezeigt. Was ich jetzt kann, ist eine (kleinere) Entscheidung in einer Reihe von anderen kleinen Entscheidungen zu treffen. Das ist nicht das, was mein Mann sich erhofft oder wünscht. Er möchte jetzt wissen, woran er ist – und damit habe ich mich, zu allem, was sonst noch ist, zusätzlich unter Druck gesetzt. (Ich kann seinen Wunsch natürlich nur zu gut nachvollziehen, denn letztlich wünsche ich mir ja das gleiche von ihm – ein eindeutiges „Ja“ oder „Nein“).

Also. Eine erste Entscheidung, die ich jetzt ganz klar treffen kann ist: ich möchte die männliche Rolle endlich in meinem Alltag ausprobieren. Das bedeutet, mich komplett outen und sowohl privat als auch auf der Arbeit den männlichen Namen und die entsprechenden Pronomen verwenden (lassen). Und erst, wenn ich weiß, wie sich das anfühlt, werde ich eine nächste Entscheidung treffen können. Das ist, was ich meinem Mann sagen muss. Ich denke, wir können beide nicht auf die „große, eine“ Entscheidung warten, ohne dass wir kaputt gehen.

Die Frage ist, was passiert, wenn ich ihm diesen nächsten Schritt eröffne. Ich kann mir – wenn die Erfahrungen des vergangenen Jahrs ein Indikator sind – nicht vorstellen, dass sich sein Umgang mit mir dadurch nicht verändert. Ich erwarte, dass er sich wieder komplett zurückziehen wird, mich ignorieren wird, nicht mit mir (oder anderen) reden wird. Und ich weiß, dass ich das nicht aushalten kann. Nicht einen Tag. Insofern stellt sich für mich die Frage nach einer (zumindest zeitweisen) räumlichen Trennung und das ist noch mal eine ganz schöne Hürde. Aber wenn er sich nicht auf einen Dialog einlassen kann, dann ist es wohl der einzige Weg.

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