Zenon. Und warum ich selber mein schlimmster Feind bin

Je mehr ich mich dem Punkt nähere, an dem ich handeln muss, desto langsamer werde ich. Das ist ein bisschen wie bei Zenons Teilungs-Paradox: wenn sich eine Strecke doch unendlich unterteilen lässt, immer und immer wieder – wie kann man dann jemals das Ziel erreichen? So ist es gerade bei mir. Es fühlt sich ein bisschen so an, als würde ich gegen ein Gummiseil laufen, das schon bis zum Anschlag gespannt ist, sodass ich nur noch millimeterweise vorwärts komme. Vielleicht zerreisst es irgendwann und ich kann mich frei(er) vorwärts bewegen – oder ich schnelle zurück.

Heute ging es in der Sitzung mit meinem Thera um das worst case scenario, das ich so schwer in Worte fassen kann, weil ich schon die Worte nicht ertrage. Und auch darum, wie ich es hinbekomme, den worst case zu überleben (Worte meines Therapeuten, die es ziemlich treffend auf den Punkt bringen). Dabei haben wir leider an ein sehr großes Fass gerührt, das ich definitiv lieber zugelassen hätte. Es ging damit los, dass mein Therapeut wissen wollte, ob (ich denke, dass) mein Mann mich schätzt, und/oder mich mag. Da ist mir mal wieder bewusst geworden, dass ich es nicht für möglich halte, dass irgendein Mensch auf dieser Welt mich wirklich mögen kann.

Ich erhalte Signale von anderen, die die Deutung zulassen, dass sie mich mögen. Und obwohl ich vom Kopf her verstehe, dass das bei einigen wohl tatsächlich so sein wird, habe ich dafür keinen „emotionalen Rezeptor“ (mir fällt kein besseres Wort dafür ein). Alles, was ich denken und fühlen kann ist: „Es kann nicht sein, dass mich jemand mag, denn ich bin es nicht wert gemocht zu werden. Und diejenigen, die zum Ausdruck bringen, dass sie mich mögen, irren sich. Wenn sie wüssten, wer ich ‚wirklich‘ bin, dann würden sie das lassen. Ich bin ein verzweifelter Haufen Mensch, der niemandem irgendwas geben kann, außer Schmerz und zur-Last-fallen„.

Und das macht es mir so schwer, mir von anderen Hilfe zu holen bzw. sie anzunehmen. Es macht es mir auch unmöglich zu glauben, dass mein Mann aus irgendeinem anderen Grund noch mit mir zusammen ist, als aus einem Pflichtgefühl heraus (was, wenn man es mit Abstand betrachtet, ziemlich absurd ist). Und sobald ich dieses Pflichtgefühl zu sehr strapaziere, ist es vorbei.

Also, um es noch mal klarzustellen. Das ist das, was sich in meinem Kopf abspielt; meine Gedanken. Mein Mann wäre  wahrscheinlich unendlich traurig und verletzt, wenn er diese Gedanken kennen würde. Denn ich bin ein eher „erwachsener“ Teil von mir ist sicher, dass er mich mal geliebt hat und sich mir wahrscheinlich immer noch verbunden fühlt. Aber ein viel größerer Teil von mir hält das nicht für möglich. Weil ich es nicht verdient habe. Weil ich eine Last bin. Weil ich es nicht wert bin.

Das sind meine ganz persönlichen Killerphrasen, gegen die ich ankämpfen muss.

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8 Gedanken zu „Zenon. Und warum ich selber mein schlimmster Feind bin“

  1. Uha,
    das ist ja heftig.

    Das mit dem „ich kann nur zur Last fallen“ denke ich auch oft genug, wenn ich mal wieder sehe, dass ich momentan nur Hilfe annehmen kann ohne irgendwie zu geben. Das kratzt ganz kräftig am Selbstwertgefühl. Allerdings weiß ich, dass ich gut bin – und solange ich das denke, ist das andere nur ein temporäres Gefühl. Bei dir dürfte das noch um Potenzen stärker vertreten sein.

    Du hast es eigetnlich schon richtig erkannt – es sind Killerphrasen. Sie helfen dir nicht, sie ziehen dich nur weiter runter und lähmen dich. Ich weiß nicht, wie rational du bist, aber vielleicht hilft dir ja eine Liste/ein Vergleich mit deinen guten und deinen schlechten Seiten, die du einfach für dich mal aufschreibst. Vielleicht auch zwei, eine momentane und eine aus/in einer Zeit von vor 5 Jahren (zum Vergleich für dich, was damals deiner Meinung nach anders/besser war). Ich denke schon, dass es auch eine Menge positiver Seiten an dir gibt.

    Und such dir neue Phrasen – positive Phrasen. Die du dir im Zweifelsfall wie ein Mantra vorbetest. Es ist einfach nur ätzend, wenn man sich selbst fertig macht mit solchen Phrasen, die dich ja kein Stück weiterbringen.

    Und dann stelle dich doch mal auf die andere Seite: warum magst du Menschen? Warum magst du deine Freunde? Das dürfte dir sicher auch ein paar Punkte für deine Liste aufzeigen.

    Und überleg mal: wenn dich niemand mögen würde (jetzt, vorher) – dann hättest du doch nur Ärger und absolut keinen freundlichen Menschen um dich herum.Und solcherlei wird es doch sicher geben, also dir freundlich gesonnene Menschen. ;)

    Wie dein Mann denkt, bekommst du nur heraus, wenn du ihn fragst. Es klingt so, als ob du dich vor seiner Aussage fürchtest – aber bringt dich das weiter, wenn du sie nicht weißt und nur rumrätselst? Wenn du weißt, wie seine Einstellung und seine Meinung ist, erst dann hast du doch eine Chance, diese ggf. zu ändern oder zu beeinflussen. Und du hast auf jeden Fall eine Grundlage, auf der du weiterarbeiten kannst. Und weitere Entscheidungen treffen kannst. Das wird dir enorm helfen und dich sicher weiterbringen. Also ran und das Gespräch suchen.

    Ich mein, ein „normaler“ Mensch weiß nicht, was in dir vorgeht. Und was während deiner Wandlung geschieht, auf deinem ganzen Weg. Die eigene Meinung (deines Mannes) beruht dann vielleicht auf nur sehr wenigen Informationen.

    Und zum Mögen/Nichtmögen: es wird sicher einige Menschen geben, die dich mögen – aus unterschiedlichsten Gründen. Und die dir auch zur Seiten stehen werden. Und natürlich wird es Menschen geben, die sich dann von dir abwenden werden. Du kannst dir doch dafür genug Strategien zurechtlegen, wie du damit umgehen willst. Wie gesagt – stelle dich einfach auf die andere Seite und stell dir vor, dein Ehegatte oder dein bester Freund/deine beste Freundin würde das umsetzen, was du umsetzt. Wie würdest du dich verhalten, was würdest du darüber denken, wie würdest du handeln?

    Und Kopf hoch – du hast immerhin schon festgestellt, dass du so wie momentan nicht weiterleben willst und nicht kannst. Also willst du die Änderung. Und klar – geht es auf das Ziel mit den Konsequenzen zu, dann geht man bedächtiger. Ist dein Wille aber weiterhin da und siehst du das Ziel (und weißt auch mit den Konsequenzen umzugehen), dann wirst du das Gummiband mürbe machen. Oder eine Schere herauskramen – und schnipp geht es weiter … ;)

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    1. Ich bin ein völlig normaler Mensch übrigens. Bitte solche abwertende Sprache nicht verwenden, auch wenn es nicht „böse gemeint“ ist.

      Die Frage, wie ich mich fühlen würde, wenn mein Mann plötzlich transitionieren würde habe ich mir natürlich schon gestellt. Ich liebe ihn als Menschen. Klar kann niemand vorhersagen, wie er_sie sich verhalten wird, aber ich scheine da einen anderen Blickwinkel zu haben, als er. Naja, ist nicht überraschend (aus ganz vielen Gründen, nicht nur weil er cis ist und ich nicht).

      Gummiband mürbe machen. Das gefällt mir ;).

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      1. Oh,
        das „normal“ war nicht abwertend gemeint, sondern lediglich den Unterschied aufzeigen zwischen nicht-transitionierenden Menschen und dir. Und n-t war mir dann einfach zu lang …

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      2. Dachte ich mir schon, aber das Wort, das Du suchst ist wahrscheinlich „cis(gender)“ (das ist das Gegenstück zu „trans(gender)“) ;-). Wir sind jedenfalls genauso (un)normal wie andere Menschen auch :-D.

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