Pressure cooker

Gestern habe ich den Brief an meinen Mann fertig geschrieben. Zum dritten, vierten, oder fünften Mal. Aber das letzte, was noch fehlte ist jetzt drin – ich habe endlich Worte dafür gefunden, welche Angst ich vor seinem Schweigen, seinem Rückzug, seinem Distanzieren habe, das in der Vergangenheit die Kommunikation über uns und unsere Situation so schwierig (wenn nicht unmöglich) gemacht hat. Ich glaube tatsächlich, dass ich mehr nicht schreiben und in Worte fassen kann. Es sind zwei Seiten auf dem Computer. Ich muss mir noch überlegen, ob ich den Brief mit der Hand abschreibe, oder ob ich ihn ausdrucke. Ich habe leider eine völlig unleserliche Sauklaue. Und den Text noch mal abzuschreiben wäre auch emotional ziemlich heftig. Ich muss mal schauen, ob ich mir das antue.

Mein Therapeut hat den Brief in der jetzt vorletzten Fassung gelesen und fand ihn gut so. Wir sind dann durchgegangen, was ich tun kann, um meinen „Notfallkoffer“ zu „reaktivieren“. Das ist natürlich kein richtiger Koffer, sondern der Plan, den ich in der Tasche habe für den Fall, dass ich mir Hilfe und Unterstützung holen muss. Ich werde es wahrscheinlich so machen, dass ich an dem Abend, an dem mein Mann den Brief finden wird, bei jemandem sein werde, wo ich im Notfall auch übernachten könnte falls ich nicht nach Hause gehen kann.

Es bleibt die Frage, wann er den Brief bekommt. Ich spiele gerade mit dem Gedanken, das schon kommende Woche zu machen. Ich habe gerade Momente, in denen ich das Gefühl habe relativ nüchtern und sachlich mit der Situation und seiner möglichen Reaktion umgehen zu können. Aus Erfahrung weiß ich, dass diese Phasen nicht allzu lange anhalten. Insofern wäre es gut, das auszunutzen.

Ich merke aber auch, dass es Zeit ist. Ich habe alles versucht, eine andere Lösung zu finden (und mein Mann wollte oder konnte mir dabei nicht helfen). Es ist mir nicht gelungen. Ich merke, dass ich emotional an einem Punkt bin, an dem ich nicht mehr kann und (den Druck nicht mehr aushalten) will. Und auch mein Körper signalisiert, dass er am Limit ist. Ich habe „Symptome“, die ich so deute, dass der Druck unter dem ich konstant stehe, sich mal wieder ein Ventil auf der körperlichen Ebene sucht.

Ich bin ein Druckkochtopf und der Deckel muss runter.

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3 Gedanken zu „Pressure cooker“

  1. Gut so – das sieht wirklich ein Stück weiter aus.
    Fein, dass der Brief fertig ist. Mit dem Abtippen ist so eine Sache, gerade wenn du bei einem solchen Brief eine Sauklaue hast (war ja dein Ausdruck ;) ). Dann würd ich ihn ausdrucken – vielleicht mit einer Schreibschrift. Janda Elegant oder sowas in der Art – sieht nach geschrieben aus, ist aber dennoch gut lesbar (hier mehr:). Kannst ja den Grund dafür am Ende angeben (ausgedruckt, damit lesbar).

    Und nutze die Phase, wenn du das entsprechende Vertrauen in dich hast und laß ihm den Brief zukommen. Vielleicht solltest du in dem Brief – ggf. auf einem extra Blatt – vermerken, was du dann nach dem Lesen erwartest oder besser dir wünscht. Also bspw. dass er Bescheid gibt, wenn er ihn gelesen hat. Oder das er ausdrückt, was er empfindet. Ob er es aushält, wenn du an dem Abend/in der Nacht auch wieder im Haus bist. Sowas in der Art.

    Ich stelle mir nämlich gerade vor, ich würde einen solchen Brief bekommen, der mich ggf. ein wenig verwirrt. Ich weiß nicht, ob ich da Sprechbedarf hätte oder lieber meine Ruhe haben wollte …

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    1. Die konkreten Erwartungen auf ein extra Blatt zu schreiben ist eine gut Idee. Ich kann gerade auch nicht einschätzen, wonach ihm dann wohl ist. Ich schätze eher, zurückziehen.

      Sauklaue ist noch ein Kompliment :D

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      1. Vielleicht auch ihn drum bitten, seine Erwartungen und Vorstellungen zu kommunizieren – ggf. auch schriftlich.

        Wenn ich mir versuche vorzustellen, wie das für deinen Mann ist/sein wird: vielleicht nicht erschreckend, weil er ja weiß, dass du trans bist. Der Brief dürfte aber deine Entscheidung für ihn darstellen. Und natürlich hat er dich als Frau geliebt und geheiratet. Vermutlich ja nicht, weil er mit einem Mann zusammenleben möchte. Ergo vermute ich, dass eine weitere Beziehung für ihn definitiv auf einer solchen Ebene zumindest nicht weiter möglich ist. Vielleicht aber eine Freundschaft.

        Und so geht es meiner Meinung nach darum – für ihn zumindest – das ganze Beziehungsgeflecht aufzudröseln und zu einem guten Ende zu bringen. Vielleicht hat er eine Vorstellung davon, wie es aussehen könnte, vielleicht hast du eine. Vielleicht habt ihr beide die gleiche, vielleicht (total) unterschiedliche. Und da kann man ansetzen, vergleichen, angleichen – sich auf irgendetwas einigen, womit ihr beide leben könnt. Das könnte ja auch eine „schleichende“ Änderung sein, die dann von deinen jeweiligen Stationen abhängt.

        Aber natürlich solltest du ihm zugestehen, einen Sofort-Ausstieg zu wählen, wenn er den will. Dann geht es halt – wie immer – noch ums Materielle. Aber dann hast du auch einen Schnitt.

        Ich vermute, du haderst noch ein wenig, weil das Ganze ja letztlich – zumindest für dich – eine Einbahnstraße ist. Es gibt dann kein zurück. Und du solltest dein Wollen nicht abhängig machen von dem, was andere können oder wollen. Dein Ziel ist dir klar – das gehst du an. Und versuchst, möglichst wenig „Kollateralschäden“ (blödes aber passendes Wort) zu haben. Nur solltest du dein Hauptaugenmerk _nicht_ auf die Vermeidung von Schäden legen. Schäden wird es geben, mach dich mit dem Gedanken vertraut und akzeptiere ihn.

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