Türen

Es hat gestern tatsächlich ein Gespräch zwischen meinem Mann und mir bei meinem Therapeuten stattgefunden. Es war ganz gut und es hatte sicher einen „reinigenden“ Effekt. Mein Therapeut war sehr hilfreich in der Art, wie er das Gespräch moderiert hat. Ich habe mitgenommen, dass die „Tür“ zwischen meinem Mann und mir noch nicht ganz geschlossen es ist. Sie steht einen winzigen Spalt offen. Aber ob der groß genug ist, einen Fuß dazwischen zu bekommen? Ich weiß es nicht.

Es gab in dem Gespräch Annäherungen und Klärung von Missverständnissen. Allerdings nehme ich auch mit, dass der Grund, warum er sich noch nicht getrennt hat die Hoffnung ist, dass ich mich vielleicht doch gegen die Hormontherapie entscheide. Die Wahrscheinlichkeit ist klein, das weiß er. Trotzdem klammert er sich dran, so wie ich mich an die Hoffnung klammere, dass wir vielleicht doch einen Weg finden. Dieser Weg muss nicht notwendig „Beziehung“ heißen, aber ich halte es für unwahrscheinlich, dass wir einen anderen, alternativen Lebensentwurf finden.

Was mir zu denken gibt ist, dass er in unseren Gesprächen eigentlich
weniger um die körperlichen und sozialen Folgen „kreist“, die meine
Transition haben wird – sondern, dass er immer wieder die Sorge äußert, die Hormontherapie werde mich psychisch/charakterlich wesentlich verändern. Und natürlich wären die Änderungen, die das Testosteron bewirkt, nicht nur körperlich. Es ist wahrscheinlich, dass sich mein emotionales Erleben ändern würde. Mit ein bisschen Glück, würde ich auch ausgeglichener, selbstbewusster, emotional stabiler. Aber nichts, was ich bis jetzt gehört oder gelesen habe legt nahe, dass ich ein komplett „anderer“ werde. Und das ist letztlich das, aus dem ich dieses letzte Fitzelchen Hoffnung ziehe: dass mein Mann vielleicht lange genug an meiner Seite bleibt, um zu erfahren, wer ich werde.

Die Frage, über die ich nachdenken muss ist, ob ich in der Lage bin, die
Kraft, die mir das abverlangt noch weiter aufzubringen. Ich war in den
letzten eineinhalb Jahren so oft an dem Punkt, an dem ich dachte, es geht nicht mehr. Und der Punkt wird sicherlich bald wieder kommen. Und mein Mann wird in sein Schweigen verfallen und ich werde unfähig sein, anders darauf zu reagieren, als das Kaninchen, das in Schockstarre vor der Schlange sitzt. Wenn ich Klarheit von meinem Mann will, werde ich immer in der Holschuld sein. Er wird mir nicht von sich aus sagen, wie es ihm geht oder was in gerade bewegt. Ich muss immer „nachbohren“ und ich denke, dass ich die Kraft dafür eigentlich nicht habe.

Jede_r Außenstehende denkt wahrscheinlich „Mach Dir nichts vor, jetzt zieh es endlich durch“. Würde ich auch tun. Es gibt da definitiv den
Realisten und Zyniker in mir, der sich drüber lustig macht und der sich_mir sagt: lass endlich los. Aber es gibt andere Anteile von mir, die das nicht wollen oder können, weil sie zu ängstlich, zu optimistisch oder zu romantisch-verklärend sind. Und die haben auch ihre Berechtigung. Und auch wenn es schräg klingt, ich habe trotz allem das Gefühl, dass ich auch an meinen Erfahrungen wachse.

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Ein Gedanke zu „Türen“

  1. Hm,
    also letztlich scheitert dein „Durchziehen“ daran, dass er damit nicht einverstanden ist?

    Seine Position:
    – du machst die Hormontherapie (die ja nun Bestandteil des Ganzen ist) nicht, weil du seine Bedenken teilst, dass sie dich zu sehr verändert.

    Deine Position:
    – ihr findet einen Weg für die Zeit nach (und auch während) der Hormontherapie – dann würdest du starten.

    Wenn a auf b wartet, während b auf c wartet – dann wird das nix. Ihr soltet als Ziel den Weg danach haben. Und ihm sollte klar werden, dass
    – du das durchziehen willst und _wirst_
    – du mit ihm einen gemeinsamen Weg während und nach der Transition beschreiten willst.

    Und dass ihr genau diesen Weg suchen solltet. Alles andere ist Zeitverschwendung, bringt keinen von euch weiter (nicht einen Millimeter) und macht euch nicht glücklicher. Ergo gilt es, ihn davon zu überzeugen, dass er seine Hoffnungen begraben muß und eine Entscheidung für deine Entscheidung fällen muß. Und die muß er finden – und vor allem muß er es akzeptieren. Denn mit seinem „am Strohhalm klammern“ hält er dich ja bis jetzt erfolgreich ab.

    Und du mußt der Möglichkeit ins Auge sehen, das ohne ihn durchzustehen. Dafür solltest du dir einen Alternativplan schon mal ausarbeiten.

    So sehr ich ihn verstehe und so traurig das für ihn ist – und das ist es bestimmt – so sehr muß ich sagen: arbeitet an dem Weg danach. Alles andere ist entweder ein von ihm bewußt herbeigeführtes Verzögern oder nur ein Klammern, bringt euch jedoch nicht weiter.

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