Nostalgie

Nos|tal|gie: vom Unbehagen an der Gegenwart ausgelöste, von unbestimmter Sehnsucht erfüllte Gestimmtheit, die sich in der Rückwendung zu einer vergangenen, in der Vorstellung verklärten Zeit äußert. . . . (Duden)

Ja, sie plagt mich manchmal, die Nostalgie. Im Moment ist jeder Tag in meinem Leben so traurig und ich versuche irgendwie zu überleben.

In der Zeit direkt nach meiner „Selbsterkenntnis“ war ich ziemlich euphorisch. Das berichten viele Trans*menschen. Ich war froh, dass das Kind endlich einen Namen hatte. Ich wußte endlich, was mit mir los war und warum ich mich immer „anders“ gefühlt habe. Und ich hatte eine Idee, wo die Reise hingehen sollte. Aber die schwierige Situation mit meinem Mann (und die Tatsache, dass ich es mir offenbar nicht zugestehen kann meinen Weg zu gehen bevor ich nicht ganz am Boden war) machen es mir gerade sehr schwer, nach vorne zu schauen.

Anfang des Jahres hat mein Therapeut mich noch gebremst. Ich hätte am liebsten gestern die Indikation für die Hormontherapie gehabt. Habe sie natürlich nicht gekriegt. Hätte man mich zu diesem Zeitpunkt gefragt, ob ich mir wünsche, ich hätte lieber nicht verstanden, dass ich trans* bin – wegen der ganzen Probleme, die es mir machen wird – ich hätte das verneint. Ich war einfach so froh, Klarheit zu haben.

Würdet ihr mich jetzt fragen: wünschst du dich in eine Zeit zurück, in der du es nicht wusstest? – an manchen Tagen würde ich wohl mit „ja“ antworten. Ich merke, dass ich mein Leben vor dem coming out (mir selbst und meinem Mann gegenüber) verkläre. Glücklich war ich nicht. Aber zumindest gab es in der Zeit bevor mein Körper mich mit den ganzen Nahrungsmittelunverträglichkeiten und der Erschöpfung gequält hat doch auch Phasen, die OK waren. Ich hab mich einigermaßen sicher gefühlt. Und das erscheint mir gerade so viel besser als das, was ich (subjektiv) jetzt noch habe.

Ich habe das Gefühl aus eigener Kraft weder vor noch zurück zu können. Wieder frage ich mich, wie ich wieder ein Minimum an Handlungsfähigkeit zurückerlangen kann. Ich muss aus dieser Passivität und dem Gefühl der Gelähmtheit raus. Doch wie macht man das, wenn man keine Kraft mehr hat?

Ich hoffe, der „Alltagstest“ gibt mir ein bisschen Aufwind. Aber ich hab nach wie vor auch solche Angst dass es das auch nicht ist. Zum Beispiel fremdele immer noch mit meinem neuen Namen. Es fühlt sich komisch an, wenn andere mich so ansprechen. Ich hab schon auch eine Idee, woher das möglicherweise kommt (und es hat nichts mit „nicht trans genug sein“ und alles mit „mir das nicht zugestehen“ zu tun) – aber es führt trotzdem dazu, dass ich mich frage, ob ich auf dem Holzweg bin. Ich mag gerade weder meinen alten Namen, noch bin ich über den neuen besonders euphorisch (obwohl alle mir sagen, er würde gut zu mir passen und es sei ein schöner Name). Aber einen besseren, schöneren habe ich nicht gefunden.

Und dann habe manchmal auch eine Art „Phantom-Nostalgie“ – Nostalgie für ein Leben, das ich nie hatte. Ein Leben, eine Kindheit als cis-Menschlein, ohne diesen ganzen Ballast. Wobei das dann wirklich die Momente sind, in denen ich gerne mal kräftig durchschütteln möchte. Denn das bin nun wirklich so gar nicht „ich“.

Wäre bestimmt total langweilig so ein Stromliniengender-Leben.

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3 Gedanken zu „Nostalgie“

  1. Traurig, unfähig dich zu bewegen – und wohl keinen Weg zu sehen. Hm. Woran liegt es? Angst vor der Zukunft? Oder eher Angst davor, Dinge aufgeben zu müssen (was ich mal vermute)?

    Du hast lange für diesen Weg gekämpft, dass du ihn gehen darfst. Jetzt stehst du vor der Tür und willst nicht durch „weil alles andere ja doch so viel besser ist“? Also vielleicht auch Angst vor dem Unbekannten?

    Ich glaube, egal welchen Weg man im Leben geht – keiner ist so, wie man sich das am Anfang des Weges vorgestellt hat. Ist zumindest meine Erfahrung. Ohne Ziele, ohne Plan läuft der Mensch allerdings planlos durch die Welt. Kann schön sein, kann Spaß machen – ist aber nach einer Weile langweilig, finde ich.

    Das schwerste wird vielleicht der Verlust deiner Beziehung sein. Okay, das schmerzt sicherlich – doch wenn es nicht anders geht? Dann ist das eben so – dafür wirst du neue Freundschaften finden. Ich denke, da wäre es gut, wenn du einen für dich gangbaren Weg dafür findest, mit dem Verlust umzugehen bzw. diesen auszugleichen. Wenn man etwas zurückläßt, kann man etwas anderes dafür (später) mitnehmen. Also ist das ein Vorteil.

    Wie erging es dir mit dem (neuen) Namen nach der Hochzeit? Da hast du doch sicher auch Zeit gebraucht, dich dran zu gewöhnen. Also wird das mit dem neuen Vornamen sicher auch klappen. Und wenn dich etwas stört, hast du doch dann immer noch die Möglichkeit, nach einer Lösung dafür zu suchen.

    Wankelmütigkeit aufgrund von Angst bringt dich nicht weiter. Mach dir einen Plan für dein weiteres Vorgehen, steck dir kleine Ziele, die du erreichen kannst und wo(rauf) du ein Weilchen ruhen kannst. Du schaffst das schon. Es hat ja niemand gesagt, dass das nicht mit Arbeit verbunden ist … ;)

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    1. Hey, ich glaube, diese empfundene Handlungsunfähigkeit ist für jemanden schwer zu verstehen, der selbst noch nicht in einer „Depression“ steckte. Ist glaube ich schwer zu vermitteln und da kommst Du mit Logik und „gesundem Menschenverstand“ nicht weiter.

      Und warum meinst Du, dass ich nach der Hochzeit einen neuen Namen lernen musste? ;)

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      1. Nun ja,
        glaub mir, ich verstehe diese Handlungsunfähigkeit voll und ganz. Denn ich erfülle auch deinen zweiten Part der Anforderungen. Und auch wenn „man da mit Logik nicht weiterkommt“ – doch, man kommt damit weiter. Man kann analysieren und gucken – denn einen Grund hat das Ganze ja (oder mehr als einen). Und wenn du den kennst, kannst du zielgerichtet vorgehen. Kannst. Macht man vielfach nicht, ist ja einfacher ;)

        Und ich vermute schon, dass es Ängste sind, die dich da grad ein wenig lähmen. Und wenn dem so ist, erkenne sie. Stell dich ihnen, setzt dich mit ihnen auseinander. Und finde Lösungen – Akzeptanz, Kompromisse, was auch immer. Und dann geht es besser. Vielleicht noch nicht gut, aber besser.

        Und tja, der neue Name – ok, war konservativ gedacht. Hätte ich vermutet, scheint aber nicht so ;) Aber mußt du trotzdem durch, gehört eben dazu.

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