Ach, ach!

Ich hab’s geschafft: Weihnachten und Silvester überstanden. Nicht ohne Krisen, aber egal – hauptsache vorbei. Bei Weihnachten war der größte Stressfaktor das Aufeinandertreffen meiner Familie (die meinen neuen Namen schon benutzt) und meines Mannes (der diesen Namen zwar kennt, aber für den es sicher sehr schwer sein wird, mit ihm im Alltag konfrontiert zu werden). Ich wollte, dass mein Mann sich wenigstens halbwegs wohlfühlen kann, aber ich wollte auch meiner Familie keinen zusätzlichen Namensstress machen. Wir hatte dann aber letztlich keine andere Wahl, da auch meine Schwiegermutter mitgefeiert hat, die von nichts weiß. Also alles auf Geburtsname. Aber meine Geschenke waren mit dem neuen Namen beschriftet, das hat sehr gut getan.

Silvester war für mich dann emotional deutlich schlimmer. Denn egal, ob man sich jetzt vornimmt zu feiern oder nicht – es ist zumindest für mich fast unmöglich gewesen mich nicht zu fragen „was wird nächstes Jahr“. Und ich habe einfach ganz viel Angst vor dem, was da kommt. Die Gedanken „nächstes Jahr geht meine Ehe kaputt“, „nächstes Jahr verliere ich mein zu Hause“ einfach auszublenden – oder durch etwas Positives zu ersetzen – ist mir nicht gelungen. Das Verhalten meines Manns war nicht besonders hilfreich (Überraschung!). Er zieht sich nur noch aus allem raus. Wenn ich frage „was machen wir heute?“ oder „was sollen wir kochen?“ kommt von ihm nur noch ein „weiß nicht“, „mir egal“ oder „was du möchtest“. Er sitzt vor dem Computer, vor der Glotze oder auf dem Rad. Er wirkt unglaublich deprimiert. Das verwundert natürlich nicht, aber es tut mir unglaublich weh ihn so zu sehen.

Irgendwann zwischen Weihnachten und Neujahr wurde dann dieser Artikel in mein Twitterfeed gespült: Self-Care Tips For Folks Who Struggle With Codependency von Sam Dylan Finch. Sam führt aus, wie schwer es in solchen Beziehungen ist, „self-care“ – Selbstfürsorge – zu praktizieren, d.h. Dinge zu tun, die uns selbst gut tun oder uns helfen, mit Stress, Ängsten, etc. umzugehen.

Ich denke nicht, dass die Beziehung zwischen meinem Mann und mir wirklich „co-dependent“ ist. Es gibt sicherlich Ansätze davon, aber so ganz passen wir glaube ich nicht in das Schema. Aber – mir hat das Lesen des Artikels vor Augen geführt, dass ich in punkto Selbstfürsorge einfach auf ganzer Linie versage; und dass ich meine Bedürfnisse eigentlich immer hinter den vermuteten(!) Bedürfnissen meines Manns zurückstelle.

Das fängt auf einer sehr grundlegend körperlichen Ebene an: ich trinke nicht, wenn ich durstig bin; ich esse nicht, wenn ich hungrig bin; ich kümmere mich nicht um mich, wenn ich Schmerzen habe oder mich unwohl fühle. Gleichzeitig „umsorge“ ich meinen Mann. Frühstück/Kaffee machen. Kochen oder Backen… you name it. Alles irgendwie in der Hoffnung, dass er mir dafür ein bisschen Zuwendung gibt. Macht er meistens nicht. Aber ich kann’s ja noch mal probieren.

Und auf einer psychischen oder sozialen Ebene sieht es nicht anders aus. Ich gestehe es mir nicht zu Dinge zu tun, die mir Freude bereiten oder einfach gut tun. Silvester war so ein Beispiel. Ich wäre lieber rausgegangen und hätte die Situation zu Hause einfach gerne mal hinter mir gelassen. Ich hätte auf eine Feier gehen können, aber ich habe mich verpflichtet gefühlt, den Abend mit meinem Mann zu verbringen. Denn was bin ich denn für ein schlechter Partner, ihn an so einem Abend sitzen zu lassen. Also habe ich den Abend geplant (mein Mann hatte ja zu nichts eine Meinung), mich ums Essen gekümmert, etc.

Anderes Beispiel: die Treffen der Selbsthilfegruppe, zu der ich gehe. Ich bin dort sehr gerne, aber ich habe jedes Mal ein schlechtes Gewissen und sitze da wie auf heißen Kohlen. Oft fahre ich nach Hause, obwohl ich gerne noch länger bleiben würde. Mein Mann „fordert“ das nicht. Diesen Käfig (nee, vergoldet ist er nicht… ist eher so ein billiger verzinkter ;-)) baue ich mir ganz alleine.

Testosteron? Genau das gleiche Spiel. Ich wünsche es mir. Ich bin überzeugt, dass es mir damit deutlich besser gehen wird. Aber ich gestehe es mir nicht zu, weil es meinem Mann weh tut.

Diese ganzen Mechanismen kenne ich und ich bin mir schon bewusst, dass das nicht gesundheitsförderlich ist und ich mir damit schade. Das sind Verhaltensweisen, die ich wahrscheinlich schon mein Leben lang kenne und die entsprechend schwer abzulegen sind. Es sind Automatismen, die ablaufen ohne dass ich überhaupt viel drüber nachdenke.

Genau für dieses Nachdenken war aber der Artikel gut. Ich mache eigentlich keine „guten Vorsätze“ – denn das letzte was ich brauche ist, mich mit irgendwas noch mehr unter Druck zu setzen, als ich ohnehin schon tue. Aber ich habe mir trotzdem vorgenommen, besser für mich zu sorgen. Das habe ich dann zum Beispiel an Silvester in die Tat umgesetzt, indem ich nachmittags raus gegangen bin. Ich war beim Sport und habe mich zum Kaffee mit einem anderen „Transtypen“ getroffen – meine Laune war hinterher um 300% besser und die Schuldgefühle haben sich in Grenzen gehalten.

Liebes 2016, mehr davon bitte.

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4 Gedanken zu „Ach, ach!“

  1. Hi Tomi,
    ich kenne das Co-Abhängigkeits-Thema selbst sehr gut. Ich hab das vorletztes Jahr bei mir erkannt und erstmal einen seitenlangen Abstinenzvertrag geschrieben, in dem ich alle co-abhängigen Verhaltensweisen von mir aufgeschrieben hab und, was ich nicht mehr oder stattdessen tun möchte. :-D
    Mir hilft es gerade im Kontakt mit Menschen, zwischendurch immer wieder mal aus der Situation zu gehen und mich zu fragen „Wie geht’s mir gerade?“ und „Was brauche ich gerade?“ (und in ganz vielen Fällen check ich das auch heute noch nicht, aber ich werde besser darin. :-D )

    Ich wünsche dir sehr, dass du einen guten Weg für dich findest, besser auf dich aufzupassen! :)

    Liebe Grüße
    Ash

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      1. Wenn du magst, kann ich dir meinen auch mal mailen. :-D Ich hab das damals mit einer Person zusammen gemacht, die das gleiche Thema hat und war ein Mal in ’ner 12 Schritte-CoDA-Gruppe und das hat mir sehr geholfen. :-)

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      2. Danke! Ich glaube, ich taste mich erst Mal selbst ran – ich glaube, für mich ist da eventuell der Weg (also das „eine Form finden“) schon ein wichtiger Teil des Ziels. Aber ich komme auf jeden Fall auf dein Angebot zurück, wenn ich Inspiration/Orientierung brauche <3

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