(M)ein Rant zum Thema „Zwangstherapie“

Ich will schon eine ganze Weile etwas über den ganzen Themenkomplex „Zwangstherapie“ und psychologische Begutachtung von Trans*menschen schreiben. Angeregt durch eine Tweetkette fange ich jetzt mal mit dem ersten Thema an. Ich muss meine ganzen Gedanken dazu auch erst mal sortieren, zumal das auch in der Trans* „Community“ teils sehr kontrovers diskutiert wird. Kann gut sein, dass ich mich jetzt ziemlich in Rage schreibe.

Derzeit ist es so, dass ich mich als Trans*person, die medizinisch „geschlechtsangleichende“ Maßnahmen durchführen möchte, in eine psychologische Behandlung begeben muss. Nur ein_e Psycholog_in oder Psychotherapeut_in kann das Indikationsschreiben für die Hormonersatztherapie (HRT) und mögliche angleichende Operationen ausstellen. Hierbei spielt es in der Regel keine Rolle, ob ich die Maßnahmen selbst zahle, oder ob sie von der Kasse übernommen werden sollen. Bei der HRT kann es vorkommen, dass das Indikationsschreiben schon nach einer sehr geringen Anzahl von Sitzungen ausgestellt wird. Ich weiß von Fällen, wo die Trans*person es nach einer Sitzung hatte. Das ist aber die absolute Ausnahme. In der Regel werden Trans*menschen mehrere Monate, oft bis zu einem Jahr, auf die Indikation warten müssen.

Therapeut_innen und Psycholog_innen erfüllen hier also eine „gatekeeping“ Funktion. Sie entscheiden, ob und wann ein Trans*mensch diese (von uns in der Regel als lebensnotwendig erachtete) Behandlung erhält.

Spricht man darüber mit Menschen, die nicht trans* sind, erscheint ihnen das oft völlig logisch und unkontrovers. Als Begründung kommen dann etwa folgende Aussagen: „Natürlich! Es muss doch sichergestellt sein, dass Du Dir das gut überlegt hast und die Konsequenzen dieser Entscheidung überblickst“.

Ich persönlich finde das ziemlich absurd. Ich bin ein erwachsener, mündiger Mensch. Es wird ständig von mir verlangt (und zwar zu recht verlangt), dass ich Entscheidungen auch mit weitreichenden Konsequenzen selbst treffe.

    • Ich darf mich tätowieren lassen ohne Psychotherapie.
    • Ich darf heiraten ohne Psychotherapie.
    • Ich darf einen Kredit für eine große Anschaffung aufnehmen ohne Psychotherapie.
    • Ich darf mir die Mandeln rausnehmen lassen ohne Psychotherapie (Credit: das ist aus meiner Twitter-Timeline, ich weiß leider gerade aber nicht mehr, von wem – bitte melden und ich verlinke :-)).
    • Ich darf mich entscheiden schwanger zu werden_ein Kind zu zeugen ohne Psychotherapie.
    • Ich darf mit dem Rauchen anfangen ohne Psychotherapie

All diese Dinge können unerwünschte Folgen haben, die mir das Leben schwer oder mich unglücklich machen. Fast alle sind irreversibel und können im schlimmsten Fall auch erhebliche Kosten für die Allgemeinheit produzieren.

Ich bin erstens in der Lage, diese Entscheidungen zu treffen. Zweitens bin ich in der Lage mir aktiv Hilfe/Unterstützung zu holen, wenn ich diese benötige. Und ich glaube, dieser Aspekt ärgert mich fast am meisten an der ganzen Situation: dass mir die Fähigkeit abgesprochen wird zu erkennen und zu entscheiden, wann etwas zu groß oder komplex für mich wird und es gut für mich wäre, Unterstützung zu bekommen.

Ich habe mir zum Beispiel therapeutische Hilfe geholt, noch bevor ich überhaupt verstanden habe, dass ich trans* bin. Ich profitiere gerade sehr von dieser therapeutischen Begleitung, aber das bedeutet doch zum Teufel nicht, dass jede_r von uns therapiert werden muss. Es ist einfach grundsätzlich wichtig sicherzustellen, dass Menschen bei medizinischen Eingriffen informierte Entscheidungen treffen können – nicht nur bei trans*-bezogenen Dingen. Aber dafür braucht es nicht grundsätzlich Therapie, sondern sinnvolle und gute Aufklärungsgespräche und Beratungsangebote.

Stattdessen ist es nun so, dass eine Trans*person grundsätzlich in eine Therapie gezwungen wird, wenn sie_er medizinische, angleichende Maßnahmen benötigt. Die „Folgekosten“ (mal nicht nur monetär gedacht) halte ich für ziemlich hoch – sowohl für das Individuum, als auch für das System.

Menschen werden gezwungen, ihr Seelen- und in der Regel auch Sexualleben* vor einer wildfremden Person auszubreiten (*denn Transidentität ist in der Vorstellung vieler – der meisten? – Menschen untrennbar mit Sexualität und sexueller Orientierung verknüpft). Selbst wenn es Probleme gäbe, über die sie sprechen wollten – die Wahrscheinlichkeit, dass sie sie ansprechen ist gering. Denn immer schwingt die Angst mit, dass dadurch Nachteile bei der Indikationsstellung entstehen. Das ist umso schlimmer, wenn wirklich noch Fragen oder Restzweifel bestehen. Es wäre unbedingt notwendig Trans*menschen die Möglichkeit zu geben, sich (auch psychotherapeutische) Hilfe zu suchen, ohne dass sie Angst haben müssen, dadurch ihre Transition weiter hinauszuzögern.

Häufig werden Trans*menschen sich gezwungen fühlen sich möglichst stereotyp „geschlechtskonform“ zu verhalten – aus Angst die Indikation für eine Behandlung nicht zu bekommen. Das ist vor allem bei nichtbinären Trans*menschen (deren Geschlecht, stark vereinfacht gesagt, weder ganz Frau noch ganz Mann ist) ein massives Problem. Aber auch für binäre Menschen, die sich eben nicht so kleiden oder verhalten, wie es als „besonders männlich oder weiblich“ erachtet wird, ist das purer Stress. Und leider haben viele Psycholog_innen und Therapeut_innen offenbar noch die Vorstellung dass man, wenn man Mann oder Frau „werden“ (sic!) möchte, sich gefälligst auch erwartungskonform zu verhalten und zu kleiden habe.

Das hat absurde Konsequenzen: im schlimmsten Fall spielen wir dann in dem Therapiesetting auch wieder nur eine Rolle – und zwar eine Rolle, die die „therapierende“ Person wiederum in ihrer_seiner Meinung bestärkt, Trans*menschen würden sich in der Regel stereotyp geschlechtskonform verhalten – und man könne nur dann „wirklich trans“ sein, wenn man dieses Verhalten zeigt. Damit nimmt dieses System sich von vornherein die Möglichkeit zu lernen, wie vielfältig die Gesichter und Ausprägungen von Transidentität eigentlich sind (und ich unterstelle einfach, dass dieses System eigentlich nicht lernen will). Das schlimme ist: indem wir als „Betroffene“ aus Angst, dass uns eine notwendige Behandlung verweigert wird, es eben weiter fortschreiben schaden wir auch noch denen, die nach uns kommen. Solange niemand aus dem System ausbricht, was angesichts der Machtverhältnisse extrem schwierig ist, wird es einfach weiter fortbestehen.

Ich glaube, fertig bin ich mit dem Thema noch nicht. Aber für heute soll es reichen ;-).

 

 

 

Advertisements

2 Gedanken zu „(M)ein Rant zum Thema „Zwangstherapie““

  1. Ich habe mich in meinem Leben nie viel mit unserer Politik auseinander gesetzt, ebenso wenig mit unseren Gesetzen. Aber wenn ich ganz vereinfacht, plump und „unwissend“ diese zusammenfassen sollte, würde ich sagen, beides wurde in Deutschland „gut gemeint“ – und somit wie alles nur Gutgemeinte, leider nicht gut gemacht.

    Zumindest selten für die wirklich Betroffenen.
    Das ist das selbe Problem wie bei Mißbrauch, Gewalt, Prostitution und anderen Themen, die Menschen sehr persönlich betreffen und deren gesetzliche „Lösungsansätze“ verdammt hinderlich und meist schmerzhaft und langwierig sind.

    Da ich mich niemals in die Gefühle eines Trans-Menschen einfühlen kann, kann ich dies also niemals aus deiner Perspektive bewerten.

    Ich kann es nur aus meiner.
    Durch all die Gewalt in meinem Leben gab es eine Zeit, in der ich mein Mädchen-sein haßte; es verabscheute; mich als Junge zurecht machte; versuchte, mein weiblich-sein zu verbergen. Meinen Mißbrauch hatte ich völlig verdrängt.

    Völlig irre und hypothetisch – und hoffentlich für dich weder triggernd noch provokativ:
    Aber hätte es eine Möglichkeit gegeben – ich sags jetzt mal, wie ich es mir gewünscht hätte und wie es niemals sein könnte – im Supermarkt einfach mal kurz für kleines Geld das andere Geschlecht einzukaufen, dann hätte ich es damals wohl getan. In der Hoffnung, alles wäre hierdurch anders; besser, leichter.

    Vielleicht leuchtet CIS daher all die therapeutische Behinderung ein, die ihr durchwandern und ertragen müßt.
    Damit all jene, die aus anderen Gründen und unentdeckten seelischen Wunden heraus einem Irrweg folgen, herausgefischt werden können.
    Damit es für Menschen wie mich andere Wege einzuschlagen gilt.
    Auch, wenn dies niemals eine Rechtfertigung sein kann, darf und sollte, Euch den Weg derart zu erschweren.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s