Kurzschlüsse

In den letzten Monaten haben mein Therapeut und ich ja eher „Schadensbegrenzung“ betrieben. Lebensrettende Sofortmaßnahmen sozusagen (<– mit weniger Ironie geschrieben, als mir lieb ist).

Das Outing auf der Arbeit hat viel Druck rausgenommen, ich bin selber ein bisschen überrascht. Ich habe vorher eigentlich jeden Tag, jede mehr oder weniger unbeobachtete Minute nur geheult. Hat mich jemand gefragt wie es mir geht, hab ich geheult. Hat jemand meinen Mann erwähnt, hab ich geheult. Das hat jetzt – zumindest für den Moment – aufgehört (auch wenn ich dem Frieden nicht so recht traue) und das verschafft mir mal eine Atempause.

Jedenfalls wäre es jetzt gut in der Therapie wieder auf Themen zu fokussieren, die nur bedingt was mit trans* zu tun haben, mir aber trotzdem das Leben schwer machen. Da dreht es sich vor allem um meine Unfähigkeit, mir zuzugestehen, dass es mir besser/gut gehen darf; Schuldgefühle, wenn ich meine Bedürfnisse vor die der anderen stelle…. und so weiter. Habt ihr schon mal gehört hier, ne? ;-)

Mir fällt das natürlich in der derzeitigen Lebensphase sehr auf die Füße, weil es mir die Transition so schwer macht – aber eigentlich ist das ein altes Thema, das ich mein Leben lang kenne. Ich habe eine Idee, woher es kommen könnte, aber das ist Spekulation und wahrscheinlich kommen viele Faktoren zusammen. Egal. Es macht mir das Leben schwer, und im Zusammenhang mit meiner Transition so schwer, dass ich mehrfach am sprichwörtlichen Abgrund stand. Ich will einerseits gar nicht ran an dieses Thema, weil es anstrengend und schmerzhaft wird. Andererseits möchte ich, dass sich da doch irgendwann mal etwas ändert und ich es schaffe, mein Leben zu leben – für mich, nicht für andere.

Dieser Konflikt ist für heute in der Therapiesitzung direkt noch mal sehr spürbar/erfahrbar geworden. Ich bin schon manchmal erstaunt, wie schnell bestimmte Sätze/Themen eine für mich gar nicht steuerbare oder kontrollierbare Reaktion hervorrufen können. Interessant, wie ich so verdrahtet bin.

Reaktion Nummer 1 war auf die Feststellung meines Theras, dass meine Entscheidung für Transition und HRT meinen Mann nicht glücklich machen. Das ist keine neue Erkenntnis und war auch nur noch mal eine Zusammenfassung dessen, was wir vorher besprochen hatten. Trotzdem hat das in dieser Formulierung dann für kurzzeitigen Stromausfall bei mir gesorgt – es hat in den Ohren gerauscht und ich konnte nur noch denken: „Er hat es verdient glücklich zu, ich nicht“.  On repeat. Zum Glück bekomme ich mittlerweile rechtzeitig mit, was da passiert und kann dann doch irgendwie reagieren, bevor ich komplett „abtauche“. Mein Thera hat glaube ich auch mitbekommen, was los war und hat mir geholfen, wieder ins hier und jetzt zu kommen.

Danach sind wir dann auf die HRT gekommen. Ich möchte im März eigentlich gerne anfangen (was aber halt auch heißt, dass ich meine Schuldgefühle in den Griff bekommen muss) – ein Grund für diesen Terminwunsch ist, dass ich im März vierzig werde (Echt jetzt? Ich fühl mich eher wie vierzehn o_O). Ich hab so viele entsetzliche Geburtstage gehabt die letzten Jahre („feiern“ fließt mir in diesem Zusammenhang nicht aus den Tasten). Ich würde dieses Jahr gerne einen Geburtstag erleben, an dem ich irgendwie mal wieder etwas positiver in die Zukunft blicke. Das habe ich versucht meinem Therapeuten zu erklären, aber da habe ich dann von jetzt auf gleich doch wieder sehr mit den Tränen gekämpft. Weil mir klar geworden ist, dass ich noch so einen Geburtstag ohne Perspektive einfach nicht ertrage und dass diese Stabilität, die ich momentan empfinde, ziemlich fragil ist.

Das waren zwei ziemlich starke, emotionale und körperliche Reaktionen, genau bei den neuralgischen Themen: meinem unbedingten Wunsch (Zwang), anderen nicht zu schaden und bei der Wahrnehmung, dass ich so nicht weitermachen kann, also handeln muss.

Ich bin wie das Kaninchen, das vor der Schlange erstarrt.

Hoffentlich ende ich nicht in der Schlange o_O.

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Ein Gedanke zu “Kurzschlüsse”

  1. Also vermute ich nun noch etwas fester Fisch ;)
    Nun ja, alles rumeiern wird dir nicht helfen – du willst es ja stabil und „sicher“ haben. Also sorge dafür. Und fokussiere dich mal auf deine Bedürfnisse. Wie ich ja schon schrieb, ich kann deinen Mann verstehen. Letztlich geht es dir aber in der momentanen Situation nicht gut, deshalb machst du das alles ja hier. Also solltest du dich vordergründig auch um dich und deine Bedürfnisse kümmern – das andere sind, so blöd es klingen mag (ich hasse das Wort ja eigentlich) Kollateralschäden. Also eher unvermeidlich, vielleicht im Umfang reduzierbar. Aber um da etwas am Schaden zu mindern, gehört auch Bewegung auf der anderen Seite.

    Und wenn dein Mann da – aus Schockstarre oder vielleicht Sturheit oder Unwissen oder anderen Gründen – so verharrt, dann kannst du einfach nichts dran ändern, wenn du deinen Weg fortsetzen möchtest. Das ist dann (leider) so.

    Es wird sich an deinem Zustand und deinem Wohlbefinden nichts ändern, solange du nichts änderst. Also ändere, damit es dir besser geht. Geh deinen Weg.

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