Vertigo

Die Krise, die sich die letzten Tage so langsam aufgebaut hat, hat mich heute mit voller Wucht erwischt. Der Schmerz, die Schuldgefühle, der Schmerz… kein Ausweg in Sicht. Bei meinem Therapeuten habe ich 60 Minuten durchgeheult. Wir haben versucht ein bisschen zu schauen, was ich jetzt brauche, um einen Schritt weiterzukommen, aber eigentlich war ich zu sehr und viel zu unmittelbar in diesen ganzen negativen, beängstigenden Gefühlen gefangen. Ich kann in solchen Momenten keinen klaren Gedanken fassen. Ich kann auch gerade nicht sagen, was schlimmer ist: die Schuldgefühle oder die Trauer um den Verlust, der mir bevorsteht (oder den ich gerade schon erlebe). Es schwankt sehr.

Dieses Schuldding. Es lähmt mich vollkommen. Wenn ich mich schuldig fühle, bin ich komplett in einer kindlichen Rolle gefangen und ich bin völlig handlungsunfähig. Es gab in meiner Kindheit Erlebnisse die offenbar unter anderem dazu geführt haben, dass ich mich schuldig fühle wegen jedem Mist. Ich bin verantwortlich dafür, wenn es anderen nicht gut geht. Ich muss was machen, damit es ihnen besser geht. Das ist so sehr bei mir „verdrahtet“, dass es mir kaum möglich ist, da mit Rationalität irgendwie zwischenzufunken. Wenn der Schuldfilm läuft, kann ich ihn nicht mehr stoppen. Das überrollt mich, wie ein Zug.

Ein Exkurs: Eins der Puzzleteile aus meiner Kindheit ist glaube ich, dass ich ein sogenanntes Voijta-Baby bin. Voijta ist eine Art von „Krankengymnastik“, die früher (und leider manchmal auch noch heute) bei Fehlstellungen – z.B. der Wirbelsäule – an Kindern praktiziert wurde. Im Klartext bedeutet dies, dass meine Mutter mit mir unmittelbar nach meiner Geburt beginnend jeden Tag diese Gymnastik machen musste, die mir offenbar Schmerzen bereitet hat sodass ich nur geschrieen habe. Meiner Mutter ging es damit extrem schlecht. Mir wohl auch. Man kann sich vorstellen, was das mit einer Mutter-Kind-Bindung macht…

Wie auch immer.

Mein Thera hat also 60 Minuten lang versucht, mir Handlungsoptionen aufzuzeigen. Einfach um zu schauen, ob wir einen Hebel finden, an dem wir ansetzen können. Ich hab nicht wirklich viel aufnehmen können. Aber das Wort, auf das ich „angesprungen“ bin ist – Überraschung – Distanz. Also. Ich weiß, dass  eine Trennung ohne Schuldgefühle nicht möglich sein wird. Die Frage ist also, was muss passieren, damit ich die Schuldgefühle besser aushalten kann. Im Moment kann ich keine Distanz zu diesen Gefühlen aufbauen. Mein erwachsener Anteil sieht zwar ganz genau, dass es rational keinen Grund gibt, mich schuldig zu fühlen. Aber das hilft dem Teil, der in diesen Schuldgefühlen versinkt, gerade nicht. Der Teil muss Distanz bekommen. Das kann (und wir wahrscheinlich irgendwann) räumliche Distanz sein. Aber um das zu erreichen muss ich emotionale Distanz schaffen. Ich muss aus dieser Unmittelbarkeit meiner Schuldgefühle raus. Scheiße ey.

Nach der Sitzung saß ich heulend auf dem dunklen, verregneten Parkplatz im Auto und wusste nicht, wie ich es überhaupt schaffen soll, nach Hause zu gehen. Die Lösung für den Moment war dann, mir zu sagen, dass jetzt in dieser Beziehung sowieso schon alle Kinder in alle erdenklichen Brunnen gefallen sind. Es gibt nichts mehr, was ich durch irgendein Verhalten von mir verschlimmern oder verbessern kann. Es ist egal, ob ich jetzt versuche mit meinem Mann small talk zu machen, ob ich ihm was zu essen mache, ob ich ihn frage, wie sein Tag war, ob ich versuche, ihn zur Begrüßung zu umarmen oder auf die Wange zu küssen. Egal. Nichts macht mehr einen Unterschied. Damit hab ich es wenigstens geschafft, nach Hause zu fahren.

Es folgte dann absurderweise (weil genau das brauchte ich heute auch noch) eine von meinem Mann initiierte Unterhaltung. Während ich versuchte, irgendwie genug Nerven zusammenzukratzen, um noch irgendetwas essbares zu machen. Seine Therapeutin(!) hat ihm als Aufgabe aufgetragen mich folgendes zu fragen: „Was (denke ich) kann ich tun, damit es ihm besser geht“. Ich hab mich davon in dieser Situation erst einmal überfordert und in die Ecke gedrängt gefühlt. Wir haben aber die Kurve zu einem einigermaßen ruhigen und OK-en Gespräch gekriegt. Allerdings ist so klar, dass wir beide wissen, dass es nur auf eine Trennung hinauslaufe kann – und keiner spricht es aus. Oder wenn wir es aussprechen, nehmen wir es irgendwie wieder zurück.

Meine Antwort auf seine Frage war: Damit es ihm besser geht, müsste ich die Zeit zurückdrehen. Das geht nicht. Und da das nicht geht, muss ich wahrscheinlich gehen.

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6 Gedanken zu „Vertigo“

  1. lieber Tomi, ich fange mal hinten an:
    – ‚Das geht nicht. Und da das nicht geht, muss ich wahrscheinlich gehen.‘ Was heißt wahrscheinlich? Warum zur Hölle zögerst Du das noch immer hinaus?
    – ‚Was (denke ich) kann ich tun, damit es ihm besser geht.‘ Dass ich nicht lächle, was erzählt der iuhr denn? Dir soll es besser gehen. Er blockt doch eh alles weg.
    Ich denke, dass seine Therapeutin genau erkannt hat, wie sie Dich klein kriegt. Du solltest zum Selbstschutz endlich klare Verhältnisse schaffen. Da er sich allen Versuchen mit anderen Betroffenen zu kommunizieren widersetzt, ist für mich der Zeitpunkt klar erreicht, das alles zu beenden.
    Also Wohnung nehmen und weg … vielleicht nicht endgültig, aber doch so lange, bis sich da Bereitschaft zur tiefergehenden Kommunikation einstellt ….
    Du wirst sehn, es geht Dir besser und das ist das wichtigste.
    Was sagt Dein Therapeut dazu?
    Lg
    Petra

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  2. Hallo Tomi, bin nicht bei Twitter oder Facebook … Hast ja meine mail-Adresse. Habe eine gute Idee, was bei Dir die Ursache für das Gnaze ist und was Dir helfen könnte (aus eigener Erfahrung!). Gruß Kafka

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