T+3

Am Freitag war der „große Tag“. T day. Um 10 Uhr hatte ich den Termin in einer urologischen Praxis, die auch Hormontherapie für Trans*Menschen durchführt. Indikationsschreiben in der Tasche. Nervös. Puh.

Den Arzt kannte ich schon vom Januar. Da war ich zu einem ersten Gespräch dort und es wurde auch schon Blut abgenommen. Insofern konnte es theoretisch sofort losgehen.

Ich werde aufgerufen. Herr Tomi. Ganz selbstverständlich. Ich sitze dem Arzt gegenüber, er guckt auf den Bildschirm seines Computers. Ich sag nix. Er sagt nix.

„Wir haben hier einen weißen Schimmel“. Äh, was? „…’privates Outing ist privat erfolgt'“. Er korrigiert die Notizen in der Patient_innenakte. Ach so. Ich dachte, er redet über meine Blutergebnisse o_O. Ich gebe ihm das Indikationsschreiben – er schaut eigentlich nur beiläufig drauf (dabei musste ich durch so viele brennende Reifen springen, um es zu bekommen. Pah ;-)).

Wir sprechen noch kurz über die Darreichungsform: ich möchte Gel. Er empfiehlt das auch, weil es einfach am Anfang etwas mehr Kontrolle gibt.  Kontrolle ist mir wichtig, denn zu behaupten ich hätte kein mulmiges Gefühl wäre glatt gelogen. Es ist paradox: ich wünsche mir nichts sehnlicher, als die Veränderungen, die das Testo machen wird. Aber ich habe auch einen Höllenrespekt davor. Deswegen lehne ich auch das Angebot ab, zusätzlich einen Östrogenblocker zu nehmen – mir ist es gerade ganz lieb, wenn es nicht so rasend schnell geht mit den Änderungen. Sonst kommen mein Kopf und meine Gefühle nicht mit, glaube ich.

Zack habe ich das Rezept in der Hand. „Danke“. Schweigen. Ich warte, ob er noch was zu sagen hat, oder ob ich gehen kann. Der Arzt erzählt von seiner Einbürgerung vor 20 Jahren. Wie ernüchternd dieser administrative Akt auf dem Amt war, der so bedeutsam für ihn war.

Ja, genauso nüchtern ist dieser Moment in dem Sprechzimmer. Aber es ist OK, ich kann „nüchtern“ glaube ich besser, als überschwänglich emotional. „Jetzt freu dich doch mal!“ – wie sehr verabscheue ich diesen Satz. Und ich bin froh, dass ich ihn an diesem Tag nicht zu hören bekomme!

Und dann stehe ich schon wieder draußen an der Empfangstheke mit meinem Rezept. Plötzlich geht die Tür des Sprechzimmers noch mal auf. „Herr Tomi, kann ich Sie noch mal kurz sprechen?“. Oh, oh. „Habe ich eigentlich einen gynäkologischen Befund von Ihnen, aus dem hervorgeht, dass Sie nicht intersex sind?“ Nein, hat er nicht. Zum Glück ist es halb so wild. Er bietet an, ein Ultraschall zu machen. Ich erzähle von der Bauchspiegelung, bei der vor vielen Jahren mein „Innenleben“ da unten ziemlich genau unter die Lupe (und unters Messer) genommen wurde. Ich soll den Befund einfach in Kopie bei ihm nachreichen. Kein Problem.

Und zack stehe ich wieder mit meinem Rezept draußen auf dem Gang.

Ich hab durchaus ein mulmiges Gefühl, als ich die erste Dosis des Gels auftrage. Ich habe mich entschlossen nicht bis zum nächsten Tag zu warten, sondern direkt loszulegen. Nicht so sehr, weil ich es nicht mehr abwarten kann, sondern schon auch, weil ich Sorge habe, dass die Hürde wirklich anzufangen bis zum nächsten Tag noch ein bisschen höher geworden ist.

Ich denke, meine Angst vor den Veränderungen hat vor allem mit der derzeitigen Wohnsituation zu tun. Denn ich lebe immer noch einem privaten Umfeld, in dem ich mich nicht wirklich frei entfalten kann. Aber auch dafür wird es eine Lösung geben.

Und jetzt habe ich also schon Tag 3 mit Testo geschafft. Gestern bei der Theaterprobe habe ich zwei Mal einen fürchterlichen Lachanfall bekommen. Au weia. Das kann ja heiter werden mit dieser Pubertät ;-).

 

 

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