Ausschlüsse. Kurzschlüsse.

Content Note für Situationen in denen gemeinsam gegessen/gekocht wird, Erwähnung von selbstverletzendem Verhalten

Heute habe ich mal wieder erleben „dürfen“, wie wenig es braucht, um meinen Selbsthass so richtig anzuschalten und ich versuche gerade ein bisschen zu verstehen, was da eigentlich passiert ist.

Und ich sag’s schon mal vorab: long and winded read o.O

Für mich sind Situationen, in denen gemeinsam gegessen oder gekocht werden soll ein echtes Minenfeld. Da spielen einige ungünstige Faktoren ineinander: Faktor 1 sind meine Lebensmittelunverträglichkeiten. Die machen es schwer, einfach mal „spontan“ irgendwo irgendwie was zu essen. Ich muss immer viel fragen, abändern, Sonderwünsche äußern.

Faktor 2 ist aber, dass ich mit der daraus unweigerlich resultierenden Aufmerksamkeit nicht gut klarkomme. In mir drin gibt es eine sehr laute Stimme, die sagt: „Du darfst nicht auffallen. Du darfst nicht kompliziert sein. Du darfst anderen nicht zur Last fallen“. Das sind Gefühle, die irgendwie aus meiner Kindheit und Jugend stammen. Sie begleiten schon, mich solange ich mich erinnern kann und für einen Teil von mir sind sie eine „Überlebensregel“.

Faktor 3 ist, dass ich abgespeichert habe „wenn du kompliziert bist, wenn du eine Last bist, dann lehnen Menschen dich ab“.

Zusammengenommen führen diese Faktoren dazu, dass ich solchen Situationen aus dem Weg gehe. Und wenn ich ihnen nicht aus dem Weg gehen kann oder mich drauf einlasse , dann bewirkt Faktor 3, dass ich nicht sagen kann, wenn etwas nicht gut läuft oder für mich ein Problem darstellt.

Letzte Woche kam eine Mail – ein Freund hat mir und anderen engen Freund_innen vorgeschlagen, gemeinsam zu kochen. Das kommt öfter mal vor. Ich finde es stressig, aber in der Regel klappt es, dass wir zumindest eine Komponente in der Mahlzeit haben, die ich auch essen kann. Das ist eine Extrawurst für mich, aber nur eine kleine halt. Das ist normalerweise eine der Situationen, in denen ich mich ganz gut auf dieses Essensding einlassen kann: mit Freund_innen, die aware sind und bei denen ich mich einigermaßen sicher fühle.

Dann wurde auf Wunsch einer Freundin der Plan geändert. Nicht kochen, sondern Essen gehen. Okay. Krieg ich schon irgendwie hin. Hab ein Restaurant vorgeschlagen von dem ich weiß, dass ich da was auf der Karte finde – sogar ohne was abändern zu müssen. Der Vorschlag wurde gar nicht wahrgenommen, stattdessen andere Restaurants vorgeschlagen. Bei einigen hätte ich sofort sagen können, dass ich da außer Pommes wohl nichts finden werde. Hätte. Können konnte ich es aber nicht.

Dann wurde wieder alles umgeworfen. Von der gleichen Freundin, wie beim ersten Mal (das ist okay, sie hat ein Kind und manchmal sind Dinge halt nicht so gut planbar): „Ihr kommt alle zu mir und wir machen Flammkuchen“. Flammkuchen ist halt eins der Gerichte, die nur aus Komponenten bestehen die ich nicht essen kann. Ich hab’s nicht hingekriegt dazu irgendwas anderes zu sagen als „kann ich nicht essen, bringe mir was eigenes mit“.

Aber es arbeitet in mir und hat was losgetreten. So richtig verstehe ich die Heftigkeit meiner Reaktion nicht. Ich verstehe glaube ich, was da abläuft, aber mein erwachsener Anteil (ja, ich hab sowas) wertet die Reaktion halt sofort ab und tut sie als Überreaktion ab.

Der verletzte Teil von mir denkt sich: Das sind meine engsten Freund_innen. Die kennen alle meine Geschichte mit den Unverträglichkeiten. Und trotzdem haben wir jetzt doch wieder eine Situation, in der ich einfordern müsste, dass sie an mich denken beim „gemeinsamen“ kochen und essen. Dieses „gemeinsam“ denkt mich offensichtlich nicht mit. Ich gehöre nicht dazu und die Situation, die dann morgen eintreten wird (wenn ich mich denn entscheide doch hinzugehen) wird das für mich noch mal bekräftigen. Da werden fünf Personen etwas gemeinsam kochen und essen und ich werde daneben stehen und zugucken.

Und gleichzeitig habe ich diesen anderen Anteil, der sagt „stell dich nicht so an“. Das kriege ich normalerweise auch hin und stelle mich nicht an. Aber dieses Mal hat es mich richtig getroffen. Und wie immer hab ich nicht etwa „Wut“ auf die Freund_innen (weil die haben ja gute Gründe für ihr Verhalten), sondern die Wut richtet sich auf mich.

All the Selbsthass. Weil ich zu kompliziert bin; weil ich nicht reinpasse ins Schema; weil ich so eine Mimose bin; weil ich mich anstelle.  Das Gefühl ist das gleiche, das ich in Bezug auf meinen Mann und sein Verhalten/seine Reaktionen jetzt so lange hatte. Es ist genau dieses Gefühl, das ein ganz großer Auslöser für die Selbstverletzungen war. Mein Mann schafft es nicht mehr, das auszulösen – da habe ich irgendwie die Kurve bekommen aus dem Schema auszubrechen. Umso kälter hat es mich jetzt erwischt, weil der Auslöser aus einer ganz anderen Richtung kommt.

Klar weiß der erwachsene Anteil in mir, dass die Freund_innen es nicht böse meinen; dass sie halt einfach nicht meine Erfahrungen teilen und nicht wissen können, wie es sich anfühlt; dass sie mich trotzdem mögen; dass für sie Essen wahrscheinlich einfach nicht so eine Bedeutung hat. Aber dieser erwachsene Anteil spielt halt in dieser unmittelbaren Reaktion überhaupt keine Rolle – die Reaktion ist schon da, mit voller Wucht, bevor der „Erwachsene“ sich überhaupt eingeschaltet hat. Und entsprechend ist das einzige, was der Erwachsene tun kann, die Reaktion nachträglich zu bewerten – was sie aber ironischerweise in meinem Fall noch verstärkt.

Und ich hab in Endlosschleife das Gefühl nie irgendwo dazuzugehören und nie irgendwo wirklich erwünscht zu sein.

Ab in die Rakete damit, ey.

Nachtrag:

Ich hab gerade einen echt starken Drang, den Beitrag wieder rauszunehmen und ich finde das sehr krass. Es geht in dem Beitrag (und in meinen Gefühlen, die ich da beschreibe) eigentlich nicht ums Essen. Es geht um meine Unfähigkeit, mich selbst wichtig zu nehmen und mich selbst als „wertvoll“ oder liebensmögenswert zu sehen. Und auch um meine Unfähigkeit, solche heftigen, (vermeintlich) „unangemessenen“ Reaktionen nicht zu bewerten und selbst zu zensieren. Ich „police“ mich und meine Emotionen. Es wäre gut, damit aufhören zu können. 

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6 Gedanken zu „Ausschlüsse. Kurzschlüsse.“

  1. Lieber Tomi,
    gerne würde ich etwas Hilfreiches oder Tröstendes schreiben, aber scheitere am „was“. Hilft dir „Ich kenne das so gut“ ein bisschen? Kleine, alltägliche eigentlich undramatische Situation, große Auswirkungen im Selbst, den Gedanken und Gefühlen. Ich glaube, das zu ändern braucht einfach viel viel Zeit und Geduld und Selbstfürsorge von uns …
    Wir kennen uns nicht persönlich, aber auf deinem Blog und durch deine Kommentare erlebe ich dich als sehr wertvoll und mögenswert, als empathisch, klug und stark.

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  2. Hallo Tomi, wie gut ich diese Situationen kenne! Ich hatte ganz lange erhebliche Hemmungen, in Gesellschaft zu essen, aus ähnlichen Gründen (habe intensiv daran gearbeitet und inzwischen ist es besser). Ich kenne so viele transmännliche Personen, die Essstörungen und ähnliche Erfahrungen haben. Das ist ein bisschen überzufällig, und ich glaube, dass Selbstwert/Fürsorge/Anerkennung, wichtige Emotionen generell vor allem über Mahlzeiten und Essen verhandelt werden, ist eine Hypothek der weiblichen Sozialisation.

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