Nicht so, wie du denkst

Es tut doch nicht weh, einfach mal nicht automatisch und aus dem bloßen Augenschein heraus Annahmen darüber zu machen, was für ein Geschlecht eine andere Person hat. Könnte es nicht sein, dass es nicht so ist wie du denkst?

Das Zitat stammt aus dem Theaterstück, an dem ich mitgewirkt habe. Es war mein persönliches Statement – eine Botschaft,  die ich direkt und eigentlich fast ohne die „4. Wand“ ans Publikum richten konnte.

Ich habe mir gewünscht, dieses Publikum ein bisschen dafür zu sensibilisieren, wie sehr es mich und andere trans*Menschen belastet, dass alle Welt von (körperlichen) Äußerlichkeiten auf das Geschlecht schließt, um dann möglichst in jeder Kommunikation auf dieses angenommene Geschlecht zu verweisen und Bezug zu nehmen. Dieses falsch gegendert werden, jeden Tag, immer und immer wieder ist so unglaublich zermürbend. Jeden Tag aufs neue bekomme ich vor Augen geführt, dass mein Geschlecht für die anderen nicht nur unsichtbar, sondern nicht einmal vorstellbar ist.

Wir sind die Abweichung von einer Norm, die so mächtig und alles-durchdringend ist, dass es den meisten Menschen noch nicht einmal möglich ist zu sehen, dass ihre Art der alltäglichen Kommunikation für manche sehr verletzend ist und dass eben nicht alle Platz finden unter dem großen Schirm dieser Norm. Also lassen sie uns im Regen stehen.

Dabei würde es so wenig kosten, einfach mal ab und zu nach dem ersten visuellen Eindruck innerlich einen Schritt zurück zu treten und sich daran zu erinnern, dass der Augenschein nichts, rein gar nichts, über das Geschlecht einer Person verrät. Es kostet so wenig, ab und zu mal geschlechtsneutrale Formulierungen zu benutzen. Den cis-Leuten, die ihr damit ansprecht, tut es nicht weh. Aber falls durch Zufall eine trans*Person unter den Angesprochenen ist, könnt ihr für diese Person das Leben möglicherweise gerade ein bisschen erträglicher machen. Ihr könnt uns eine winzige Atempause verschaffen, in der wir einmal nicht daran erinnert werden, dass wir nicht in euer System passen.

Mich macht dieses falsch gegendert werden gerade mal wieder richtig kaputt und dünnhäutig. Jeden Tag schreibt ihr mit euren Worten die Frau ein, die ihr da zu sehen meint.

***

Vor ein paar Tagen in dem Laden, in dem ich mir die immer gleiche Suppe hole, wenn ich es mal nicht geschafft habe, mir mein eigenes Mittagessen mitzubringen. Eine Gruppe von Menschen diskutiert in Englisch und einer asiatischen Sprache darüber, was sie essen wollen. „Vielleicht möchte die Dame erst bestellen?“ Die Person hinter der Theke meint mich. Unsicherheit, Traurigkeit, und Wut steigen in mir hoch. „Nicht ‚Dame‘ bitte“. Zugegebenermaßen eine halbherzige Korrektur. Aber versucht mal, völlig fremden Menschen unter den Augen von etwa 8-10 Zuschauer_innen zu erklären, warum sie daneben liegen. „‚Junge Frau‘ dann?“ Mir gelingt es, den Fluch, der mir auf den Lippen liegt, wieder runterzuschlucken. „Wenn schon, dann ‚Herr‘. Oder einfach gar nichts“. Keine Reaktion. Es ist so, als hätte ich nichts gesagt.

***

An der Rezeption des Hotels, in dem ich vorgestern auf einer Dienstreise übernachtet habe. „Ich habe eine Reservierung auf den Namen <Nachname>“. Die Person tippt auf der Computertastatur. Guckt. Zögert. „Wie ist denn der Vorname?“ Ich nenne meinen männlichen Vornamen. „Ach….. ah so“. Ich rechne der Person an, dass sie zumindest versucht so zu tun, als sei sie nicht irritiert.

***

Bei der dienstlichen Veranstaltung, auf der ich gestern war. Der Organisator vertut sich im Plenum direkt in der ersten halben Stunde mit der Anrede. Danke. Damit auch alle, die vielleicht vorher zumindest minimal unsicher waren, wie es um mich und mein Geschlecht denn wohl so bestellt sein mag, auch wissen, was Sache ist. Klar. Keine böse Absicht. Ich kann es ihm noch nicht mal übel nehmen. Er spricht nur das aus, was eh alle sehen. Aber ich hasse meinen Körper so dafür, dass er so aussieht wie der einer Frau. Und ich bin so sauer auf dieses „cistem“, das mir jeden Tag wieder vor Augen führt, dass ich eine Abweichung bin.

***

Und dann ist da die Person, die mich abends auf dem Bahnsteig anspricht. „Hey Bruder, hast du ein bisschen Kleingeld für mich?“ Und ich traue mich nicht mehr, den Blick zu heben oder was zu sagen aus Angst, dass er feststellen könnte, dass er sich „vertan“ hat.

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7 Gedanken zu „Nicht so, wie du denkst“

  1. Das ist ein wahnsinns großes Thema, das Du da mit dir herum trägst und irgendwie habe ich das Gefühl, ich müsse etwas dazu schreiben – andererseits denke ich, es wäre besser, ich würde die Klappe halten….

    Man kann über „Dokus“ auf Vox oder RTLII sagen, was man will und sie können noch so oft weit an der Realität vorbei gehen – aber ich bin auch oft sehr dankbar darüber, dass es sie gibt. Und dass es Menschen gibt, die bei „sowas“ mitmachen.
    Weil man als CIS dadurch zwar vielleicht nie wirklich fühlen können wird; wissen und auch kaum eine wirkliche Wahrheit erfahren wird – aber weil man doch zumindest schon mal was davon gehört hat, dass es „sowas“ gibt.
    Gott…. klingt das grausig…..

    Schwer, die richtigen Worte zu finden. Es tut mir Leid.
    Aber gut – in solchen „Reportagen“ darf man zumindest etwas darüber erfahren, dass das Spektrum von Geschlechteridentitäten wesentlich größer ist, als nur männlich oder weiblich.
    Man hört etwas über Trans*; über Hermaphroditen und andere Menschen, die sich nicht eindeutig fühlen oder einem gerne gewünschten „Standard“ entsprechen.

    Somit ist man zwar noch weit entfernt von irgendeinem „Wissen“ – aber ebenso weit weg davon, zu glauben, dass es nur Männer und Frauen gibt und alles nur „einfach“ und „eindeutig“ sei.

    Das löst aber noch nicht das Problem mit der Anrede oder dem Gaffen.

    Wenn ich hier in meinem Kaff einen Menschen sehe, der irgendwie „anders“ erscheint, dann strebt irgendetwas in mir danach, herauszufinden, was dieses „anders“ denn ist.
    Und ich ertappe mich beim Hinsehen, um es herauszufinden.
    Dafür schäme ich mich dann – weil ich es bei anderen Menschen oft so grausam finde, wenn sie so aufdringlich gaffen und meist tuscheln oder flüstern.

    Manches Mal traue ich mich dann auch, den Menschen anzusprechen und mich für mein Ansehen zu entschuldigen. Scheinbar steckt es in den Menschen drin, zu gucken.
    Aber letztlich ist dies MEIN Problem und nicht jenes des Menschen, den ich da ansehe.

    Das ist so bei Menschen mit Behinderung; außergewöhnlicher Kleidung; fremder/anderer Sprache; …. – einfach oft, wenn etwas „anders“ ist.

    Aber was tut man denn besser, als gucken?
    Ich frage mich oft, was angemessen wäre; was dem anderen lieber, bzw. angenehmer wäre.
    Offensiv; offen; direkt ansprechen?
    Ehrlich sein? Authentisch?
    Einfach nachfragen?

    Was geht es mich denn in Wirklichkeit an?
    Mit welchem Recht will denn dieses Etwas in mir immer gucken und herausfinden, was da „anders“ ist?!
    Und was ginge mich denn – in deinem Fall – dein Geschlecht; deine Sexualität an?
    Weshalb solltest Du dich denn ständig und immer wieder bei Hinz und Kunz erklären müssen?

    Manchmal denke ich, es ist die verdammte Aufgabe jedes einzelnen Menschen, an sich SELBST zu arbeiten.
    Sich SELBST zu entwickeln und seelisch offener, freier, großzügiger und verständnisvoller zu werden. Zu wachsen. Man SELBST zu werden.
    Und einfach zu lernen, dass es im Leben darum geht, nur sich selbst zu verbessern – und nicht ständig zu versuchen, andere „passend“ zu zwingen; zu manipulieren; zu verändern.

    Dann wäre die Welt völlig anders.
    Und dann könnte man andere Menschen einfach sein lassen, wie sie sind, ohne sie ständig bewerten zu wollen oder einsortieren.
    Bevor ich das alles jetzt wieder lösche, weil es vielleicht dummes Gequatsche ist, wünsche ich dir einfach schnell noch viel Kraft auf deinem Weg zu dir selbst.

    Gefällt 2 Personen

    1. Wenn ich wollte, dass andere „die Klappe halten“, gäbe es doch keine Kommentarfunktion ;).
      Auf die Frage „ansprechen oder nicht“ gibt es keine allgemeingültige Antwort schätze ich. Mir ist es meistens lieber, wenn Menschen mich (respektvoll und nicht grenz-überschreitend) direkt fragen, was ihnen unter den Nägeln brennt. Aber wenn ich einen schlechten Tag habe, dann nervt es mich vielleicht trotzdem. Aber Fragen stellen heißt ja auch immer (naja, meistens), etwas lernen zu wollen. Und das ist ja toll!
      LG Tomi

      Gefällt 1 Person

      1. Hm… ich geh´halt oft von mir selbst aus…. Wenn mich jemand komisch ansieht, frag ich mich den halben Tag lang, was der wohl so blöd gegafft hat. Das nervt mich.

        Wenn ich dann wenigstens den Mut zusammen raffe, einem Menschen wenigstens zu sagen, weshalb ich so gucke, dann braucht er sich deshalb wenigstens nicht blöd zu fühlen und kann sich aussuchen, ob und was er dazu sagen mag – oder auch nicht.
        Dennoch sehe ich darin mein eigenes „Problem“ (ich guck ja schließlich; könnte es ja auch bleiben lassen, wenn ich könnte) – nicht jenes des anderen.
        Der andere ist einfach nur, der er ist.

        Gefällt 2 Personen

  2. Das Anstrengende ist glaube ich auch, dass du dir nicht aussuchen kannst, wann und ob du gerade einen Mitmenschen „weiterbilden“ möchtest. Die Situationen (wie im Artikel oder von Luise Kakadu beschrieben) entstehen spontan, egal ob du gerade Lust darauf hast oder eigentlich nur deine Ruhe haben möchtest. Und das macht es in meinen Augen so ermüdend, dass es Tage gibt, an denen dich diese ganze Cisnormativität total an den nervlichen Rand treibt. Mir geht das mit der Heteronormativität genauso. Da gibt es Tage, wo ich mich am liebsten zu hause mit meiner Frau einschließen möchte und nur Freunde reinlasse, die nicht normieren.
    Ich wünsche dir viel Kraft und dass du das Glück hast auf viele offene und dich so wie du bist nehmende Menschen zu treffen.

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    1. Danke! Ja, das mit dem es mir nicht aussuchen können ist ein wichtiger Faktor. Das war ein schöner Aspekt an dem Theaterprojekt – da hatte ich (relative) Kontrolle über das was und wie.
      In meiner Bubble sind eigentlich auch alle toll und akzeptieren mich. Es sind eher diese alltäglichen Interaktionen mit fremden Menschen, die sehr kräftezehrend sein können.

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