A million miles away

Heute, gut sieben Wochen nach der ersten Fotosession, sind wir wieder auf den Dachboden gestiegen. Freitagnachmittag. Das Gebäude menschenleer. Unterm Dach ein ganz anderes Licht, als letztes Mal, aber dafür etwas vertrautere Atmosphäre. Ich weiß, ich muss mich nicht verstellen. Muss nicht fröhlich wirken, obwohl ich es vielleicht nicht bin. Kein „Jetzt lächel doch mal“.

Ich sehe mich selbst, wie ich mich in der Linse spiegele wenn sie ganz nah kommt.

H. balanciert auf einem Stuhl, ziemlich wackelig. „Wenn ich jetzt runterfalle, lachst du dann?“ – „Bitte nicht!“ sage ich und fange an zu lachen.

Lachen ist schwierig. Es macht meine Gesichtszüge weich und meine Stimme hell. Es erinnert mich an Zeiten, in denen mein Mann und ich zusammen lachen konnten und es den Anschein hatte, als könnten wir vielleicht glücklich sein.

Mit anderen lachen heißt, für einen Moment meinen Schutzschild senken. Und da auf dem Dachboden ist es irgendwie ok.

Später. Fotos durchgucken. Kaffee. Reden über jetzt und früher. Über Geschlecht und sexuelle Orientierung. Über Mastektomie und Haare auf meinem Bauch.

H. fragt nach Bildern aus meinem Früher. „Früher“ ist meine Blackbox in die ich nicht gerne schaue. Ich mache sie auf, zu Hause.

1999. Ich mit knallroten Haaren, Sonnenbrille, mit einem Menschen, in den ich sehr verschossen war.

2006. Ich mit Fohawk. Im Rock und Flipflops.

2007. Ich, grinsend hinter einer Flasche Brown Dog Ale.

2010. Ich, im Kostüm. Lila Strumpfhose. Lachend.

2012. Ich, in einer violetten Bluse, die auch ein Hemd sein könnte.

2013. Ich, im Wind, verschmitzt dreinschauend.

So viele Fotos auf denen ich lache, obwohl mir nicht zum lachen zumute war. So viele Fotos, auf denen ich meinen Mann sehe, als er noch glücklich aussah. Ich weine um diesen Mann. Und um diesen anderen Menschen da auf den Bildern, der ich mal war, aber auch nicht.

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