Kon|figuration|en

Content note: In diesem Post geht es um körperliche Veränderungen durch Testosteron, Selbst-/Körperbild, Gewicht, psychologische Begutachtung für die Mastektomie

Mittlerweile bin ich etwas über drei Monate in der Hormontherapie. Es kommt mir viel länger vor, was glaube ich vor allem meiner Ungeduld geschuldet ist. Ich habe das Gefühl, die Veränderungen gehen nicht schnell genug und alles dauert viel zu lange.

Dabei gibt es natürlich viele kleine Veränderungen und ich warte darauf, dass sie die Schwelle überschreiten, an der sie dann in der Summe als veränderter „Gesamteindruck“ wahrnehmbar werden. Was mir gerade am meisten hilft, mich und meinen Körper besser zu akzeptieren, sind die Veränderungen beim Muskelaufbau. Das ist für mich spürbar und auch messbar, als Kraftzuwachs und Gewichtszunahme (ich hab so genanntes „Normalgewicht“, say whaaaaaaa?). Meinen Oberkörper kann ich manchmal im Spiegel anschauen (wenn es mir gelingt, die Brust auszublenden), ohne dass es diesen ganz schlimmen Hass auf mich/diesen Körper selbst auslöst. Das klingt nicht nach viel, ist aber für mich tatsächlich eine große Sache.

Und meine Stimme klingt manchmal schon ganz gut. Naja. Zumindest morgens ;).

Was ich auch merke ist, dass ich auch mit den Veränderungen, die mir zu Beginn der Therapie zumindest suspekt waren gut klar komme. Insbesondere die möglichen Veränderungen im Genitalbereich haben mir vorher etwas Kopfzerbrechen bereitet. Ohne dass ich mich vorher sehr damit auseinandergesetzt hätte, wie es dort ursprünglich mal aussah, finde ich das, was ich an Veränderungen dort wahrnehme okay.

Nachdem jetzt die HRT läuft, habe ich angefangen mich mit dem Thema Mastektomie (also operative Angleichung der Brust) zu kümmern. Dass ich die will, ist mir schon sehr lange klar – aber ich habe bis jetzt die Auseinandersetzung gescheut, die ich darüber mit der Krankenkasse führen werden muss. Der erste Schritt war, mich zu informieren, was sie überhaupt verlangen für den Antrag. Die Informationen habe ich jetzt (naja, ich hatte sie schon ein paar Wochen, hab mich aber nicht getraut reinzuschauen).

Und ja, es ist ungefähr so schlimm, wie befürchtet.  Sie fordern unter anderem:

  1. Zwei fachärztliche Gutachten (welche auch dem Gericht vorgelegt wurden)
  2. Gerichtsbeschluss über die Personenstandsänderung
  3. Psychiatrisch-psychotherapeutische Begleitung von mindestens 18 Monaten
  4. Psychiatrisch-psychotherapeutisch begleitete durchgängige Alltagserprobung insbesondere auch im beruflichen Bereich von mindestens 12 Monaten.

Punkt 2 ist nach meinem Kenntnisstand nicht zulässig und es regt mich unglaublich auf, dass sie es trotzdem versuchen. Wie kann man eine medizinisch notwendige Behandlung davon abhängig machen, ob ich die finanziellen Mittel und vor allem die psychische Stärke dafür habe, das gerichtliche Verfahren zur Personenstandsänderung (PÄ) zu durchlaufen. Diesem Teil werde ich widersprechen. Und wenn sie zwei „fachärtzliche“ Gutachten haben wollen, dann sollen sie Gutachter*innen bestellen und diese vor allem auch bezahlen – die Gutachten zur PÄ muss ich nämlich selbst bezahlen.

Der Punkt, wo sich mir aber komplett der Magen umdreht ist

8. Psychiatrisch-psychotherapeutischer Befund-/Verlaufsbericht mit Eckdaten zu folgenden Aspekten:

  • (…)
  • Erscheinungsbild, Verhalten, Erleben und Persönlichkeit
  • Körperliche Gegebenheit für das Leben in der neuen Geschlechtsrolle
  • Psychisches Befinden und Gleichgewicht, Sicherheit der Geschlechtsrolle, Sexualität, Beziehung zu Familie und Freunden, Arbeitsfähigkeit und soziale Akzeptanz.

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.

„Erscheinungsbild“, ernsthaft?

„Körperliche Gegebenheit“?

„Sexualität“?

„Soziale Akzeptanz?“

Was zur Hölle. Es geht meine Krankenkasse einfach nichts an.

„Also tut uns leid, aber sie kleiden sich ja überhaupt nicht männlich genug. Da könnten wir die Mastektomie leider nicht übernehmen“.

„Ach, aber Ihre Oberweite ist ja wirklich auch nicht so groß. Das schaffen Sie schon“.

„Sie haben noch Sex? Dann kann es ja nicht so schlimm sein.“

„Sie haben keinen Sex? Das ist ja total unnatürlich, da machen Sie erstmal eine Therapie für und dann schauen wir weiter“.

„Mit Ihrer Arbeitsfähigkeit sieht es doch gut aus, da kann der Leidensdruck ja nicht so hoch sein“.

Stellen die sich das so ungefähr vor? Die Aussicht, mich in dieser Form der Wertung meines Therapeuten aussetzen zu müssen – einer Bewertung meines Aussehens, meiner Sexualität, meines Körpers – macht mich fertig. Und das Wissen darum, was für ein Eiertanz es schon war, die Indikation für die HRT zu bekommen macht mich nicht optimistischer, was meinen Erfolg bei der Beantragung der Kostenübernahme angeht. Klar wird die Kasse wahrscheinlich irgendwann der Kostenübernahme zustimmen – aber der Weg dahin raubt mir Ressourcen, die ich eigentlich dringend für andere Dinge benötige.

Also denke ich jetzt wieder über Plan B nach. Ich habe Geld gespart, um die OP gegebenenfalls selbst zu bezahlen und vielleicht sollte ich mich einfach gar nicht weiter mit der Krankenkasse auseinandersetzen, sondern einfach machen.

 

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2 Gedanken zu „Kon|figuration|en“

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