Anecken

 

Heute wurde ich (mal wieder) von einer fremden Person im Schwimmbad dafür angemacht, dass ich in der „falschen“ Dusche sei. Ich solle gefälligst „zu den Männern“ rübergehen. Die Person stürmte raus und ich hatte Angst, dass sie als nächstes mit einer Badeaufsichtsperson wiederkommt.

Das Schwimmen ist für mich wichtig. Es tut meinem Körper gut. Auch, weil es mir hier viel besser gelingt, meine (Leistungs-)Grenzen zu achten, als zum Beispiel beim Radfahren. Und es ist für mich eine wenig voraussetzungsvolle Möglichkeit, soziale Kontakte zu haben, denn wir sind eine feste Gruppe, die sich jede Woche trifft. Normalerweise machen wir einen „Technikkurs“ zusammen (Schwimmtraining light ;-)). Der Vorteil des Kurses ist, dass er in einem nicht-öffentlichen Bad stattfindet und ich dort also nicht ständig fremden Menschen begegne. Seit ich einen Schwimmbinder habe fühle ich mich zumindest im Wasser halbwegs ok damit, dass mein Körper so ist, wie er ist.

In den Sommerferien, außerhalb der Kurszeiten, gehen wir gemeinsam in verschiedene öffentliche Schwimmbäder. Und das wird merklich schwieriger, denn ich ecke mit meinem Aussehen in den binär-gegenderten Bereichen mehr und mehr an.

Ich versuche die Zeit, die ich mich in Toiletten oder Duschen aufhalte so kurz wie möglich zu halten. Den „Herrenbereich“ zu benutzen traue ich mich nicht, solange ich die Mastektomie (Angleichung der Brust) nicht hinter mir habe. Trotzdem falle ich auf und werde offensichtlich von anderen irgendwie als Bedrohung wahrgenommen.

Aus diesem Grund habe ich zum Beispiel aufgehört, mich in Sammelduschen mit dem Rücken zu den anderen zu drehen – obwohl ich mich so deutlich wohler fühlen würde – , da die Kombination aus „Herren“Badehose und Statur offenbar schnell dazu führt, dass Personen mich ansprechen und auffordern, den Damenbereich zu verlassen. Die „full frontal“ Taktik hat heute leider aber auch nicht geholfen. Keine Ahnung, ob die Person ihre Brille abgelegt hatte und nicht gut sehen konnte. Ich hab jetzt nicht gerade C-Körbchen, aber da gibt es trotzdem nicht viel zu deuteln… o.O

Die Person ist dann aus dem Duschbereich in Richtung Schwimmbecken rausgegangen, ich fluchte (mehr oder weniger) leise vor mich hin und wollte nur so schnell wie möglich mein Zeug zusammenpacken und weiteren möglichen Konfrontationen aus dem Weg gehen.

Es war noch eine weitere Person in der Dusche, für mich nur teilweise sichtbar, weil in der Mitte des Raums ein Sichtschutz war, sodass man die Duschen auf der anderen Seite nicht komplett einsehen konnte.  Plötzlich stand sie neben mir.

„Machen Sie sich nichts draus. Mich stört das nicht. Jeder soll das so machen, wie es für ihn richtig ist“.

Ich war_bin so dankbar für die Worte dieser Person, die offenbar zumindest eine Ahnung davon hatte, was da gerade los war und die mich ganz offensichtlich beruhigen und unterstützen wollte. Ich glaube, wenn sie nicht gewesen wäre, würde mir wahrscheinlich der Mut fehlen, mich nächste Woche wieder in ein Schwimmbad zu trauen. So oder so kostet es mich jedesmal Überwindung. Aber nicht mehr Schwimmen zu gehen bedeutet halt auch, die positiven Begleiterscheinungen, die es für mich hat, aufzugeben – und das will ich eigentlich nicht.

Also bis auf weiteres Augen zu und durch /o\.

 

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3 Gedanken zu „Anecken“

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