Rollenlassen

Mein Geschwister schickt Bilder aus dem Urlaub in den Bergen und ich könnte fast wieder heulen, weil es mich an die gemeinsamen Urlaube mit meinem Mann erinnert. Wir sind direkt in dem Jahr, in dem wir uns kennengelernt haben das erste Mal zusammen in die Berge zum Wandern gefahren. 16 Jahre ist das her. Die Wandersocken, den Fleecepulli, die Jacke die wir dort gekauft haben habe ich immer noch und kann mich nicht davon trennen.

Dieses Jahr also Urlaub alleine. Das erste Mal ever. Auch erstaunlich. Aber ich bin über meinen Schatten gesprungen – auch weil ich mal Pause brauche von der Situation hier, die wir nach wie vor mit einer quälenden Langsamkeit bearbeiten. Ich werde Radurlaub machen, mit der Möglichkeit mich einer Gruppe anzuschließen, wenn ich das mag. Urlaub allein light sozusagen. Eine Weile habe ich mit dem Gedanken gespielt, eine Streckenwanderung zu machen, aber ich hatte Angst, dass mich dieses Alleinseingefühl da möglicherweise stärker trifft und umhaut, wenn ich nicht aufpasse. Mit mir allein sein, so richtig, kann ich immer noch nur wohldosiert.

Radfahren also. Ist emotional auch schwierig, weil es „unser“ Sport war. Und weil ich über das Radfahren viel von meinem Körperhass kompensiert habe; weil ich es als Werkzeug benutzt habe, es mir und den anderen „zu zeigen“, nur um daran zu verzweifeln, nie „gut genug“ zu sein. Das alles sind Gründe, warum ich lange Zeit nicht mehr regelmäßig auf dem Rad gesessen habe, obwohl es mir nun schon einer Weile körperlich besser geht. Seit ein paar Wochen fahre ich wieder ein-, manchmal zweimal die Woche. Und ich kämpfe darum, kein übergroßes „Leistungsding“ draus zu machen – auch wenn ich wieder mit Radcomputer unterwegs bin, schaue ich nicht nach dem Schnitt, während ich unterwegs bin. Ich versuche, nicht zu sehr auf die anderen zu schauen, die mir unweigerlich begegnen und mich auch überholen. Versuche, bei mir zu sein aber nicht übermäßig in mich reinzuhorchen. Versuche Spaß zu haben an der Bewegung, an der Landschaft, daran meinen Körper ein bisschen zu spüren.

Und es funktioniert ganz gut. Heute habe ich mich als Urlaubsvorbereitung auf eine Strecke gewagt, auf der fast ein bisschen Berg-Feeling aufkommt – Serpentinen, eine ganz ordentliche Steigung (so 12-16%). Ich hab mich gefreut über frisch gemähte Wiesen, Greifvögel, bizarre Wolkenformationen. Zum Schluss, auf dem Heimweg, über eine Nebenstraße durch die Felder. Wenn ich mich da die letzte kleine Steigung hochgekämpft habe, taucht am Horizont erst der Fernsehturm auf, dann der Dom und der Rest der Kölner „Skyline“. Weitblick für die nächsten ein, zwei Kilometer und ich muss jedesmal aufpassen, dass ich nicht in einem Weidezaun lande, weil ich von der Aussicht nicht genug bekommen kann. Ab da kann ich das Rad fast rollen lassen bis nach Hause und ich komme dort an voll mit diesem Panorama, das eigentlich unspektakulär ist, aber trotzdem irgendwie sehr weit und schön.

 

 

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Ein Gedanke zu „Rollenlassen“

  1. Hallo Tomi,
    ich kenne dieses überwältigende Gefühl, einen Weg zu schaffen, ohne Druck und Zwang. Die Sonne auf der Haut zu spüren und einfach nur rollenlassen. Die Freude in sich auf zu saugen.
    Mein liebstes Hobby sind die Pferde und reiten. Als ich noch nicht wußte was mit mir war, versuchte ich auch meine „Schwäche“ durch Perfektion zu kaschieren, ja nicht die Kontrolle verlieren, mit dem Ergebnis, ich war irgendwann körperlich und seelisch wie ausgebrannt. Am Ende meiner körperlichen Kraft, musste ich das Reiten schweren Herzens aufgeben.
    Ich kämpfe mich durch und genieße die kleinen Glücks-Momente, die ich auf den kurzen Strecken mit dem Fahrrad erlebe. Vor kurzem durfte ich auf das Pferd meiner Freundin (kenne die Stute seit dem sie geboren ist) und ich hätte vor Freude in Tränen ausbrechen können.
    Irgendwann galoppiere ich auch wieder über einem abgeernteten Getreideacker. Das ist mein Traum.
    Ich glaube fest daran, das Menschen wie wir, die sich durchs Leben kämpfen müssen, sich mehr über kleine und vielleicht manchmal auch über (für andere) unwichtige Dinge freuen können.
    Ich wünsche Dir viele kleine solcher Glücksmomente, damit du wieder Spass und Freude am radfahren bekommst.
    Aber pass auf den Weidezaun auf!! ;-)
    LG Kallimera

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