No person is an island

Content note: Ich schreibe hier über Suizidgedanken und -pläne (keine konkreten Schilderungen), die ich in der Vergangenheit hatte. 

Drüben bei Nelia auf dem Blog ging es letztens um das Thema Suizidgedanken und vor allem, wie es sich anfühlt, wenn man damit als Freund_in oder Angehörige_r konfrontiert ist. Ich musste daran denken, wie es bei mir im letzten Jahr und dem Jahr davor war. Dieses Thema ist mir immer noch sehr nah und ich musste in den letzten Tagen des öfteren daran denken – wegen des Blog-Artikels, aber auch wegen anderer Ereignisse und Begegnungen.

Es gab in dieser Phase, in der die Gedanken sehr akut waren und es zumindest vage Pläne gab, nur zwei Menschen, denen ich geschafft habe davon zu erzählen. Das waren mein Mann und mein Therapeut. Ansonsten wusste niemand davon. Ich habe in dieser Zeit sicher nicht glücklich gewirkt, aber ich habe weiterhin mehr oder weniger gut „funktioniert“ auf der Arbeit. Aus meinem Freund_innenkreis habe ich mich ziemlich rausgezogen. Bei meiner Familie habe ich Theater gespielt.

Hätten andere etwas merken können oder gar „müssen“? Ich denke nicht. Und wenn sie etwas gemerkt hätten, hätten sie wirklich etwas tun können? Ganz klar nein. Es gab in dieser Phase nur einen Menschen, der da wirklich einen Hebel gehabt hätte – das war mein Mann. Aber ihm war es nicht möglich, mir in dieser Zeit das zu geben, was ich gebraucht hätte (dass er sich auf mich und mein trans*-Sein einlässt und zu mir steht). Das klingt jetzt möglicherweise vorwurfsvoll – soll es aber nicht. Es war ihm einfach nicht möglich, ohne seine eigenen Grenzen zu missachten, und das ist okay.

Ich weiß nicht mehr in welcher Situation ich die Suizidgedanken gegenüber meinem Mann erwähnt habe, aber es muss eins von den ganz schlimmen (im Sinne von: emotionalen) Gesprächen gewesen sein, in einer Situation in der ich einfach nicht mehr konnte. Ich wollte dieses Thema eigentlich komplett von ihm fernhalten, denn wie zur Hölle redet man so in einem Beziehungssetting über dieses Thema, ohne dass der andere sich unter Druck gesetzt fühlt? Ich glaube, es war sehr schlimm für ihn, das von mir zu hören und er hat sich sehr hilflos damit gefühlt. Er wusste überhaupt nicht, wie er damit umgehen sollte. Ich kann es ihm nicht verübeln.

Was mir in der akuten Situationen glaube ich am ehesten geholfen hätte, wäre neben dem Gefühl, dass er mir eine gewisse Empathie entgegenbringt wahrscheinlich tatsächlich eher Pragmatismus und „Machen“ gewesen. Sowohl mit Blick auf die akute Krise, als auch mit Blick darauf, wie es mit der Beziehung und meine Transition weitergehen hätte können. Keine Versprechungen, dass schon alles gut wird, aber vielleicht ein „lass uns die Ärmel hochkrempeln und schauen, wohin der Weg uns führt“. Seine Hilflosigkeit und die Unfähigkeit irgendetwas zu sagen oder zu tun war für mich irgendwie doppelt schlimm. Neben dem „ich hab nicht die Kraft weiterzumachen“ hat es mir halt auch wieder vor Augen geführt, was er wegen mir durchleiden muss. Deswegen habe ich mir ohnehin schon ständig Vorwürfe gemacht und das wurde dadurch noch einmal verstärkt. Keine gute Kombi also.

Bis ich meinem Therapeuten von den Gedanken erzählen konnte, hat es ziemlich lange gedauert. Es ist einfach unglaublich schwer, so etwas Dritten gegenüber auszusprechen – da spielte zumindest bei mir Scham eine Rolle, aber auch die Angst davor, was passiert, wenn ich es sage. Lande ich dann im Nullkommanix in der Psychiatrie? Das war und ist ein Horrorszenario für mich, weil es neben vielen anderen Dingen in meiner Wahrnehmung einen absoluten Kontrollverlust bedeutet. Also habe ich so lange es irgendwie ging vermieden, mit meinem Therapeuten drüber zu reden. Als ich es dann getan habe, hat er zum Glück wirklich gut reagiert – schon empathisch, aber vor allem unaufgeregt. Das war für mich eine riesige Hilfe, weil es meine Hemmschwelle über das Thema überhaupt zu sprechen gesenkt hat. Irgendwie hat er es geschafft, dass ich mich gesehen fühlen konnte, ohne dass ich das Gefühl hatte, dass er die Situation übermäßig dramatisiert.

Wir haben immer, wenn die Gedanken bei mir zu viel Raum einnahmen, drüber geredet. Mir ist dabei ein Gespräch im Gedächtnis geblieben. Irgendwie kam es dazu dass ich sagte, manchmal muss man Dinge halt gegen die Wand fahren lassen. Gemeint war eigentlich ich. Ich war dabei vor die Wand zu fahren und ich habe niemandem die Möglichkeit gegeben, einzugreifen. Die anderen – vor allem mein Therapeut – konnten nur am Rand stehen und zugucken. Ich hab in seiner Reaktion darauf das erste Mal wirklich „erfahren“, dass ihn das berührt und betroffen macht und dass ich mich nicht in einem luftleeren Raum bewege. Natürlich wusste ich das vom Kopf her schon vorher, aber in diesem Gespräch habe ich das auch auf emotionaler Ebene „verstanden“. Das hat bei mir etwas verändert. Es hat mir ermöglicht zu erfassen, dass ich anderen nicht gleichgültig bin und dass es für sie schlimm ist zu sehen, wie ich mein Leben vielleicht einfach wegwerfe. Das hat die Suizidgedanken nicht weggezaubert (dafür musste ich mich tatsächlich für meine Transition entscheiden), aber es hat meine Perspektive auf eine hilfreiche Art und Weise verändert/erweitert. Es hat mir damals ermöglicht, mit den Augen anderer auf mich selbst zu schauen. Und es war einer der Momente, die mir gezeigt haben, dass es für mich gut ist, in Krisen mit anderen in Kontakt zu gehen, sie an mich ranzulassen – auch wenn es mir unglaublich schwer fällt.

 

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Ein Gedanke zu „No person is an island“

  1. Es ist ein wirklich schwieriges, schwer in Worte zu fassendes und tabuisiertes Thema … um so stärker finde ich es, dass und wie du jetzt darüber schreibst! Und es hat mir auch in meiner aktuellen Situationgeholfen, was du in Bezug auf deine damaligen Wünsche und Gedanken an deine Bezugsperson schreibst.
    Die Angst, Suizidgedanken gegenüber einem Arzt/Therapeuten auszusprechen, kenne ich auch sehr gut … Wie du geschrieben hast, tat mir dann, als ich es getan habe, aber die unaufgeregte Reaktion meines Gegenübers gut und auch das Signal „Ich unterstütze Sie.“

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