Gutedinge_schublade

Content note: Erwähnt  in der zweiten Hälfte (markiert mit ****)  selbstverletzendes Verhalten und beschreibt (m)eine Strategie zum Umgang mit SVV-Verlangen; benennt die Art des Verhaltens; erwähnt frühere Suizidgedanken. 

Heute habe ich mich an meinen Kleiderschrank gewagt. Kleidung ausmisten. Das schiebe ich schon eine Weile vor mir her, weil das Thema Kleidung durchaus „emotional verstrickt“ ist. In meinem Kleiderschrank gibt es Sachen, die ich trage (nur noch aus der „Männerabteilung“ oder Unisex-Sachen); alte „Frauenkleidung“; und Klamotten, an denen ich irgendwie hänge, die ich aber nicht mehr trage.

Kleidung ist insgesamt schwierig, weil ich das Gefühl habe, das mir nichts richtig passt und ich mit meinem nicht-Norm-Körper überall anecke, weil die Proportionen nicht dem Standard entsprechen – sowohl bei den Frauen*- als auch bei den Männer*-Sachen. Es gibt einen Grund, warum meine Garderobe aus 2×2 gleichen Hosen, 4 schwarzen Hemden und ca. 10 mehr oder weniger identischen T-Shirts besteht.

Die (für mich) große Challenge war, die weiblichen* Klamotten auszusortieren. ich weiß, dass viele trans*Menschen das als total erleichternd empfinden. Bei mir sind die Gefühle ambivalent – ich würde die Sachen nie wieder tragen wollen, aber sie stehen für einen langen Abschnitt meines Lebens, der geprägt war durch die Beziehung mit meinem Mann. Da ist mein Hochzeitskleid dabei (nein, kein „Traum in weiß“, ich bitte euch), die Schuhe, die ich zur Hochzeit getragen habe (Absätze, das erste und letzte Mal in meinem Leben).

Naja. Heute also. Die Scherben aufgelegt. „Wenn die Nacht am tiefsten…“. Nicht die beste Musik zum emotionsgeladenem Schrankausmisten sagt ihr? o.O Stimmt wahrscheinlich. Zu spät jetzt.

Jetzt habe ich einen Teil der alten Sachen direkt weggeworfen und zwei ziemlich große Säcke zum spenden gepackt, die liegen im Auto im Kofferraum. Mir geht’s so lala damit. Es hat geholfen, dass ich die Sachen nicht wirklich angeschaut habe und sie gar nicht lang genug in der Hand hatte, um zu viele Erinnerungen und Gedanken hochzuholen, die da vielleicht noch dranhängen. Jetzt gibt es halt noch einen Teil des Schranks, an den ich gerade nicht dran will. Da hängen zu viele Erinnerungen, unter anderem das Hochzeitskleid. Und eine Schublade, in der u.a. Zeug von unserer Hochzeit liegt, Schmuck, den mir mein Mann oder meine Eltern geschenkt haben.  Die bleibt auch erst einmal zu.

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Weil ich dann gerade dabei war, habe ich in dem Zimmer (mein Schlafzimmer) noch weiter aufgeräumt. Es stapelten sich mittlerweile ziemlich viele Geschenke, Bücher, Dinge, die mir wichtig sind und Kram etwas planlos auf einer Kommode. Da habe ich ein bisschen sortiert und ein paar Sachen in die Schublade von meinem Nachttisch geräumt. Das ist meine „Notfallschublade“. Ich habe mit Bezug auf das SVV lange nicht geschafft, einen Skill zu finden, der auch funktioniert. Mein Thera hat mir ganz am Anfang eine unglaublich lange Liste ausgedruckt, aber irgendwie war da wenig dabei, das sich passend anfühlte. Zum Beispiel gibt es ja viele Skills, die auf (körperlicher) Aktivität beruhen. Bei mir „passiert“ SVV fast immer nur spätabends, wenn ich alleine bin und eigentlich schlafen „müsste“. Schlaf ist auch eine ziemliche Baustelle. Zur Schlafenszeit noch mal kurz eine Runde joggen oder Liegestütze oder Sit-ups machen, war für mich nicht möglich. Erfolg versprechender waren da eher so Sachen wie, Hörbuch anmachen und Decke über den Kopf ziehen.

Jedenfalls habe ich in Zeiten, in denen ich ziemlich depressiv war und die Suizidgedanken quasi in Endlosschleife durch meinen Kopf liefen, angefangen so ein „Notfall-Set“ zusammenzustellen – bestehend aus Dingen, die mich an etwas Schönes erinnern. Da sind mittlerweile so Sachen drin, wie die ersten Weihnachtsgeschenkanhänger von meiner Familie mit dem neuen Namen drauf; Nachrichten, Briefe und Postkarten von Freund_innen; kleine Geschenke und andere Sachen, die mich an was Schönes erinnern (zum Beispiel der Glitzerflummi, den uns die Schauspielprofis zur Premiere unseres Stücks geschenkt haben und eine für mich gemachte Loombands-Vogelspinne :D).

Ich hab mehrmals mit dem SVV aufgehört und wieder angefangen. Ich hab es nur einmal geschafft, meine Klingen als eine Art symbolischen Akt wegzuwerfen (nur um mir dann ein paar Wochen oder Monate später wieder neue zu holen). Sie waren ganz lange immer einfach auf meinem Nachttisch, irgendwo zwischen Büchern oder anderem Kram, der da so liegt. Irgendwann habe ich sie in die „Notfallschublade“ gepackt. Unter die ganzen guten Dinge. Das bedeutet, wenn ich das Verlangen habe, mich zu verletzen und die Klingen rausholen will, ist da als allererstes ein ganzer Berg von Sachen, die mich an Schönes und Positives erinnern. Die eine Regel, die ich jetzt habe ist, mich zu allererst durch diesen Berg an guten Dingen zu arbeiten. Das funktioniert nicht immer, aber es hat sich als eine für mich ganz gute Strategie herausgestellt.

Und mittlerweile ist die Schublade ganz schön voll. Vielleicht brauche ich bald einen größeren Nachttisch.

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