Post

Letzte Woche hatte ich Post aus der Vergangenheit. Von meinem gut drei Jahre jüngeren Selbst. Einem Selbst, das noch gut vier Monate vor dem ersten Hinterfragen der eigenen Geschlechtsidentität stand. Und fast 12 Monate vor dem inneren Coming Out als trans*männlich.

Ich habe diesen Brief damals am Ende eines Kurses geschrieben, in dem es um Stressabbau durch Achtsamkeit und Meditation ging. Ich war körperlich und psychisch am Ende. Das war die Phase, in der die Nahrungsmittelunverträglichkeiten und die Erschöpfung mein Leben bestimmt haben. In dem Kurs bin ich ständig an meine Grenzen gestoßen. Achtsamkeit, Meditation – dieses „im Jetzt“ und „bei mir selbst“ sein habe ich nicht ausgehalten. Ich habe regelrechte Panikattacken bekommen, wenn ich in mich hineingehorcht habe. Manchmal bin ich ganz tief in mir drin an etwas gestoßen, das mir unglaubliche Angst gemacht hat. Heute denke ich, dass es vielleicht dieses „Geheimnis“ war, das ich so lange mit mir herumgetragen habe und das ich sogar vor mir selbst fast perfekt versteckt hatte.

In der letzten Stunde des Seminars sollten wir einen Brief an uns selbst schreiben. Die Kursleiterin versprach, dass wir ihn irgendwann im folgenden Jahr bekommen würden. Diesen Brief zu schreiben hat mich damals unglaublich viel Überwindung gekostet. Ich hatte mir nichts zu sagen, weil ich eigentlich kaum noch Hoffnung hatte, dass es für mich einen Weg zurück in ein irgendwie erträgliches Leben geben könnte. Ich weiß noch, wie ich da saß und um mich herum schrieben alle Zeile um Zeile auf ihre Briefbögen. An die Worte, die ich schließlich geschrieben habe, habe ich nicht wirklich geglaubt. Beinahe hätte ich ein leeres Blatt in den Umschlag getan.

Seitdem habe ich immer mal wieder an diesen Brief gedacht. Er kam nicht. Und irgendwie war ich ganz lange immer froh darüber. Irgendwann letztes Jahr war ich sicher, dass der Brief nicht mehr kommen würde. Nie losgeschickt, oder irgendwo verloren gegangen. Nicht schlimm. Hatte mir eh nichts zu sagen.

Nun ist er also doch da. Und ein bisschen habe ich doch über meine Worte gestaunt und ein wenig gegrinst innerlich. Im Nachhinein betrachtet sind sie viel richtiger und passender, als ich es mir damals vorstellen konnte.

Und dann schaue ich mir an, wie ich den Brief damals unterschrieben habe und frage mich, wieso ich eigentlich so lange gebraucht habe eins und eins zusammenzuzählen.

IMg

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s