Wut|entbrannt

Bei mir brennt gerade was durch. Mein Mann ist schuld, Überraschung. Ich bin wütend, aber wie immer weiß ich nicht wohin mit der Wut. Den, gegen die ich sie eigentlich richten sollte, erreicht sie nicht.

Am Wochenende hatte ich mal wieder einen dieser Momente mit meinem Mann, in denen mir nur die Kinnlade runterfällt. So wie vor ein paar Wochen, als er vorschlug jetzt, wo doch „alles geklärt“ sei, könnten wir ja auch zusammen in Urlaub fahren. Das war das Gespräch, indem wir die Trennung ausgesprochen haben und in dem ich ihn gebeten hatte, sich zu überlegen, ob er im Haus bleiben will.

Dieses Wochenende hat er nun noch einen drauf gesetzt. Ob ich mir jetzt nach unserem letzten Gespräch mal Gedanken gemacht hätte.

Worüber jetzt? – Na, wie es weiter geht.

Ich hab ihn dran erinnert, dass er was zum Haus sagen soll, weil er halt das meiste bezahlt hat. Will er nicht entscheiden, war klar. Stattdessen schlägt er vor, wir könnten ja auch zusammen hier wohnen bleiben. Keine Pointe.

Wenn er mir das vor einem Jahr vorgeschlagen hätte, ich wäre glaube ich sehr froh und dankbar gewesen. Aber nach allem, was mittlerweile zwischen uns passiert ist, jetzt so einen Vorschlag zu machen… Ich verstehe es nicht. Zu absurd. Konnte ich natürlich nicht so sagen. Es kam nur ein „Ich kann mir nicht vorstellen, wie das funktionieren soll“ raus. Danach war das Gespräch vorbei.

Heute bekam ich dann eine Email. „Zugewinnausgleich“. Mein Mann schlägt mir was vor, will das mit mir besprechen. Anrede „Hallo <Deadname>“. Natürlich. Ich hab keine Ahnung, ob das, was er mir da vorschlägt okay ist. Ich kriege diese Mail nicht zusammen mit dem Vorschlag zusammen wohnen zu bleiben. Mein Mann will mich auszahlen. Das heißt: er will das Haus behalten. Aber sagen tut er das nicht, schickt mir nur irgendwelche Zahlen, zu denen ich so nichts sagen kann.

Er ist nicht zu Hause, als ich von der Arbeit komme. Ich bin wütend und traurig. Beste Voraussetzungen für ein klärendes Gespräch. Dass mein Mann dann irgendwann fallen lässt, dass er sich beim Anwalt hat beraten lassen zum Trennungsjahr und dem Zugewinn, macht es nicht besser. Ich sage ihm, dass ich seine Signale nicht verstehe, nicht verstehe, was er von mir will. Einerseits redet er vom gemeinsam wohnen, aber andererseits organisiert er sich hinterrücks für die Trennung. Das ist sein gutes Recht, aber wenn es ihm mit dem ersten ernst wäre, müsste er sich mit Blick auf das zweite anders verhalten und offener kommunizieren.

Die Retourkutsche kommt prompt und sie hat mich an einer empfindlichen Stelle getroffen. Mein Mann beschwert sich, dass ich ihn ja auch nicht zu Beratungsgesprächen mitgenommen hätte und dass er sich unfair behandelt fühlt, weil ich ihn in meine Transition nicht genügend eingebunden habe.

Ich implodiere.

Ich habe auch viele Fehler gemacht in den letzten Jahren. Und dass unsere Kommunikation nicht gut funktioniert, liegt nicht nur an ihm. Aber ich hab ihm verdammt noch mal so viele Angebote gemacht, so viele Versuche unternommen, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Selbsthilfegruppe. Paartherapie. Freund_innengespräche. Er hat alles abgeblockt. Jeden verdammten Versuch. Er hat mich angeschwiegen, ist mir aus dem Weg gegangen, hat mich ignoriert. Hat sich nicht das kleinste bisschen damit auseinandergesetzt, was das alles für mich bedeutet. Hat jetzt zwei Jahre lang den Kopf in den Sand gesteckt. Hat mich bestraft für jede Situation, in der er mit meinem trans* Sein konfrontiert wurde. Und jetzt wirft er mir vor, ich hätte ihn nicht einbezogen.

Ich möchte irgendwas kaputt machen. Ich weiß nicht, was ich mit dieser Wut machen soll und mit den ganzen anderen negativen Gefühlen, die das in mir auslöst. Wo ich mit den Killersätzen hinsoll, die mich jetzt in meinem Inneren anschreien und von denen der schlimmste ist: „Du bist es nicht wert“.

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5 Gedanken zu „Wut|entbrannt“

  1. Darf ich mich sehr weit aus dem Fenster lehnen?
    Darf ich sehr (zu?) weit gehen mit dem, was ich bei deinem Text denke? Fühle?

    Sehr oft wenn ich dich lese, sehe ich dich ganz verzweifelt auf eine Aktion deines Mannes warten – damit dann Du RE-agieren kannst.
    Meist erwartest Du von ihm zumindest „irgendwas“ – damit dann Du entsprechend auch etwas tun kannst.
    Du fühlst dich gelähmt; ausgebremst; behindert; gefangen – eingekerkert in einen nicht wirklich definierten Rahmen, den dein Mann um dich herum aufstellt (oder sogar aufstellen SOLL).
    Einerseits forderst Du diesen Rahmen; willst ihn und bist frustriert, weil Du ihn nicht klar erkennen und sehen kannst.
    Andererseits bist Du wütend, weil Du dich an der Unklarheit dieses nicht-wirklichen-Rahmens nicht orientieren kannst.

    Wäre es nicht auch eine Möglichkeit, dich einfach vollkommen FREI zu machen von diesem Rahmen oder nicht-Rahmen deines Mannes?
    Wäre es nicht ein Weg zu sagen „Wenn er nicht sagen kann, was er will oder braucht, dann orientiere ich mich ganz alleine an meinem EIGENEN Rahmen“?

    Seine Entscheidungen oder nicht-Entscheidungen sind vollkommen unwichtig und irrelevant, wenn DU weißt, was DU willst.

    Es ist dein Leben und dein Weg, den Du entschieden hast zu gehen.
    Du kannst einfach laufen.
    Ich wünsche dir viel Mut und nette andere Menschen in deinem Leben.

    Gefällt 2 Personen

    1. Danke – da schreibst du etwas sehr Richtiges/Wahres. Es ist dieses frei machen, das ich noch nicht schaffe. Mein Mann hat sich in diesem Prozess von Anfang an auf dieser „ich kann ja sowieso nichts tun, nur reagieren“ Position eingerichtet und mir die A…karte zugeschoben, alles anstoßen und entscheiden zu müssen – ohne diesen Rahmen, den du da beschreibst und den ich in der Tat gerne hätte. Auch weil es mir sehr schwer fällt, mich von der Hoffnung zu verabschieden, dass wir *gemeinsam* einen für jeden von uns guten Weg finden können (also, z.B. einen möglichst einvernehmlichen Weg in die Trennung). Er verweigert sich dem komplett. Das sollte ich tatsächlich endlich mal ernst nehmen und mich frei fühlen, mich dem einfach zu entziehen. *seufz*

      Gefällt 1 Person

      1. Es ist mir damals äußerst schwer gefallen, meinen 1. Mann zu verlassen – er war auch so ein „Dicht-macher“.
        Dieses Leiden mit solch einem Partner erhöht den Druck derart ungemein, dass man irgendwann entscheiden muß, grob gesagt „auf ihn zu scheißen“ oder selbst förmlich zu verrecken.

        Ich hatte auch sehr lange gewartet – und ging am Ende mit nichts.
        Hätte fast sogar meine Tochter geopfert – weil mir nur noch die radikale Flucht blieb.
        Und auch begleitet von dieser Angst, „sowieso nichts zu können“; „es alleine nicht zu schaffen“ u.a.

        Als ich dann weg war – und auch der Druck; die Angst; das Minderwertigkeitsgefühl zwangsweise von mir wichen, weil ich viel zu sehr beschäftigt war, mir mein Leben einzurichten – war alles gut.
        Man hat Angst vor dem Unbekannten – aber nur so lange, bis man es sich „bekannt macht“.
        Es kann große Freude machen, das Fremde zu wagen. Ohne Reißleine und Sicherheitsnetz.

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  2. Lieber Tomi,

    die widersprüchlichen Botschaften deines Mannes, puh, ganz ehrlich, da wäre ich auch sehr wütend und verwirrt. Mein erster langjähriger Freund schlug mir nach dem Ende unserer Beziehung damals auch vor, zusammen wohnen zu bleiben (dabei hatte er zu diesem Zeitpunkt bereits eine neue Freundin, für die er mit mir Schluss gemacht hatte). Ich weiß nicht, was hinter so etwas steht – Pragmatismus (Geld sparen), Bequemlichkeit oder ein stückweit die Angst, den langjährigen Partner trotz allem anderen komplett augzugeben? Auf jeden Fall ist es nicht fair, diese Uneindeutigkeit. Manche Menschen muss man nicht verstehen …
    Denke an dich, du bist sehr viel wert.

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