Slow motion

Meine Gedanken kreisen. Gerade habe ich das Gefühl, dieser Berg vor mir wird nicht kleiner. Immer, wenn ich eine Hürde genommen habe, türmen sich fünf neue vor mir auf. Ich frage mich, mal wieder, ob ich jemals an einen Punkt komme, an dem ich „einfach nur so“ mein Leben leben kann. Ohne Kämpfen und Zweifeln und Angsthaben.

Ich weiß, dass ich in solchen Momenten versuchen sollte, nicht zu weit in die Zukunft zu denken. One day at a time. Aber es ist schwer diesen Berg der da vor mir liegt einfach so auszublenden. Und so wird gerade „one day at a time“ zu einem „one hour at a time“ und das ist sehr mühsam. In Minischritten zu gehen, wenn die Distanz, die du überwinden musst gefühlt noch die eines Ultramarathons ist, braucht ziemlich viel Willensstärke.

Mich belastet die Langsamkeit, mit der alles zu gehen scheint. Die Langsamkeit, mit der das Testo seine Wirkung entfaltet. Die nervenaufreibende Millimeterarbeit, zu der sich die Trennung von meinem Mann entwickelt hat. Meine Unfähigkeit, Prozesse zu beschleunigen – entweder, weil ich das Problem bin, oder weil es nicht in meiner Macht liegt. Oder beides.

Ein ganz großer Brocken, der da noch vor mir liegt ist die Personenstandsänderung. Ich bin mittlerweile soweit, dass ich die prinzipiell möchte. Aber ich habe den Antrag immer noch nicht gestellt, weil schon der Gedanke and die psychologische Begutachtung, der ich mich im Rahmen des Verfahrens unterziehen muss, in mir so viel Panik und dann auch so viel Wut lostritt, dass ich mich dem gerade nicht stellen kann. Mir ist in den letzten Wochen klarer geworden, dass diese Panik wohl auch etwas mit vergangenen, als traumatisch erlebten Situationen zu tun hat. Also arbeite ich mit meinem Therapeuten daran, damit besser umzugehen. Aber die von der Kasse bezahlten Stunden sind aufgebraucht und die Erfolgsaussichten für einen Verlängerungsantrag eher gering.

Und natürlich ist mein Körper immer noch eine genauso große Baustelle, wie eh und je. Different but same. Meine Gedanken kreisen um die Mastektomie und ich habe ziemlich große Angst davor, wie ich wohl mit mir selbst klarkomme, wenn ich vorher für mehrere Wochen das Testo absetzen muss und hinterher wochenlang keinen Sport machen kann. Testo und Bewegung sind das Klebeband, ohne das ich gerade einfach auseinanderfallen würde, weil so viele Risse durch mich und meinen Körper laufen.

Ich bin ein Labyrinth aus Bruchkanten.

 

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Ein Gedanke zu „Slow motion“

  1. Muß man nicht, wenn man ein neues Haus bauen möchte, zuerst das alte abreißen?

    Beim Abriß entdeckst Du verborgene Geheimgänge mit versteckten Schätzen und gehüteten Geheimnissen. Alte, tief verborgene Bunker mit all den Dingen, die für Ewigkeiten tot geschwiegen und verleugnet waren.
    Und Du kannst aussortieren, was Du noch gebrauchen kannst und willst für dein neues Haus – weil es gut war – und was endlich und endgültig weg kann.

    Sicher fühlt sich ein solches Trümmerfeld wie ein nie endendes Elend an.
    Und doch weiß man, dass Neues nur entstehen kann, wenn Altes weg ist.

    Aufräumen kann auch Freude machen.
    Befreien und bereichern.
    Ich wünsche dir einen wachen, sehenden Blick und viel Freude.

    Gefällt 4 Personen

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