Freifall

Heute hatte ich also das erste Vorgespräch bezüglich der Mastektomie. Die Operateurin war sehr nett, offen, empathisch. Sie hat bestätigt, was ich schon erwartet hatte – ich werde um die sogenannten „großen Schnitte“ nicht herumkommen. Das bedeutet u.a. zwei Narben – oder, wenn es schlecht läuft eine durchgehende – quer über die Brust. Die Narben machen mir nicht solche Sorgen, mit denen hab ich eh gerechnet.

Es bleibt das ungute, verunsicherte Gefühl – es ist letztlich ein Blindflug. Ich habe keinen Einfluss darauf, wie das Ergebnis wird. Das Bauchgefühl muss stimmen. Hier stimmt es gerade nicht, aber ich merke auch, dass ich da noch ein paar Dinge für mich klarkriegen muss. Irgendwo gibt es ein Störgefühl…eine Alarmglocke, die zwar nicht laut schrillt, aber sie ist wahrnehmbar.

********

Ich fahre nach dem Termin zu H. Leihkamera für den Urlaub abholen. Es tut gut, gerade nicht allein mit mir zu sein, Kaffee zu trinken und so zu tun, als wäre nicht alles in Unordnung. Wir reden über Gott und die Welt und das Fotoprojekt. Über neue Locations und andere Blickwinkel. Mehr Bewegung. Ich in Aktion. Mein Körper reagiert prompt. Anspannung. Bingo. Wir haben mal wieder eine meiner Grenzen getroffen. Okay, Kunststück, davon gibt wahrscheinlich mehr, als ich zählen kann. Ich bin ein Minenfeld.

Vielleicht ist es eine von den Grenzen, die es wert sind ausgelotet zu werden.

*********

Zu Hause zwischen Wäschewaschen und Essen machen im Internet weiter nach OP-Erfahrungsberichten und Fotos suchen. Ich kriege Panik. Mache einen zweiten Termin für ein Infogespräch in einer anderen Klinik. Wartezeit: 7 Wochen. Mehr Panik. Ich hab das Gefühl, dass mir die Zeit davonrennt.

Erstmal aufs Rad, Beine machen und Gedanken laufen lassen. Bergauf – es arbeitet, mein Körper lässt viele Gedanken auf mich los, ungerichtet, scheinbar wahllos aneinandergereiht. Sie drehen sich um mich, das Gefühl unzulänglich zu sein, ein Versager. Sie drehen sich um Fotos, den Verlust von Kontrolle. Meine Beine brennen, warum geht da nicht mehr?

Bergab – hochschalten, den Lenker tief greifen, klein machen, antreten und mich fallen lassen. Abwärts mit 60, 65 km/h und meine Aufmerksamkeit ist nur noch vor mir auf der Straße, auf der nächsten Kurve. Volle Konzentration, eine Illusion von Kontrolle. Nicht denken.

Nach nicht mal einer Minute ist die Abfahrt vorbei. Wieder bergauf. Repeat.

50 Kilometer später haben verschiedene Dinge einen Namen, die wahllosen Gedanken eine zerbrechliche Ordnung. Nichts davon ist eine Überraschung. Oder vielleicht ist die Überraschung, wie ich es immer schaffe das Thema zu maskieren, um das sich scheinbar doch immer alles dreht: das mich selbst (nicht) als wertvoll ansehen können. Und das immer gleiche Muster: vergebliche Versuche, mehr Kontrolle über meinen Körper zu erlangen, in der Hoffnung, das Selbstwertvakuum damit irgendwie füllen zu können.

You’re doing it wrong!

Ich glaube, das ist es, was teilweise gerade hinter diesem selbstgemachten Druck steht, die Mastek jetzt, so schnell wie möglich zu machen. Am besten ohne die Hürden der Krankenkasse. Klar gibt es auch viele pragmatische Gründe, das jetzt schnell über die Bühne zu bringen. Aber ich setze mich mit dem „ich will das jetzt“, als Selbstzahler, unter Zugzwang und das macht mir Panik.

Also. Die Welt geht nicht unter, wenn ich mir mehr Zeit für die Entscheidung über das „wo“ nehme (haha, das klingt in der Theorie so gut). Keine Brüste mehr zu haben würde mein Leben sehr viel einfacher machen. Aber ich weiß auch, dass ich mich auch ohne Brüste nicht mehr werde wertschätzen können, als jetzt.

Mehr Kontrolle wird nicht dazu führen, dass ich mir selbst wertvoller werde. Im Umkehrschluss bedeutet ein bisschen Kontrolle aus der Hand geben vielleicht, dass ich neue Erfahrungen machen kann. Hatten wir das nicht schon mal? 

Fotos „in Aktion“ bedeuten auch Kontrolle abgeben (oder sie nur retrospektiv ausüben zu können, bei der Auswahl der Bilder). Bewegungen, Gesten, Mimik. Kann ich nicht alles kontrollieren und es gibt mir das Gefühl von Blöße und großer Verletzbarkeit.

Mal schauen, ob ich mich dem annähern kann.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s