Horror vacui

Content note: erwähnt essen, Gewicht, Gewichtsverlust

horror vacui (lat. «Scheu vor der Leere») bezeichnet in der Kunst den Wunsch, alle leeren Flächen, besonders in der Malerei und im Relief, mit Darstellungen oder Ornamenten zu füllen.“ (Wikipedia)

Erkenntnis der letzten Tage: I don’t know how to urlaub o.O

Ich habe mich ja eigentlich sehr auf die Zeit hier alleine gefreut, aber die Kombi aus „alleine sein“ und „Urlaub haben“ ist schwieriger, als gedacht. Ich muss mich ziemlich anstrengen, meinen Tagen ein bisschen Struktur zu geben und nicht zu viel Zeit mit Grübeln zu verbringen. Ich schlage mich ganz gut, aber zu dem Preis, dass ich nicht wirklich zur Ruhe komme.

Was nicht funktioniert ist regelmäßiges Kochen/Essen. Wenn ich arbeiten muss, klappt das irgendwie besser – wahrscheinlich, weil ich insgesamt meine Tage inklusive Essen besser planen muss, wenn ich von morgens bis abends unterwegs bin. Home alone fehlt mir die Lust, mir irgendwas zu machen. Prompt ist es mit dem Gewicht wieder abwärts gegangen. Nicht viel, aber ich habe die – für mich – magische 70er Grenze wieder unterschritten. Ich habe ziemlich lange dafür gekämpft, die zu knacken und bin ein bisschen deprimiert, dass ein paar Tage reichen, wieder drunter zu rutschen.

Überhaupt bin ich irgendwie verunsichert, dass das Testo beim Gewicht nicht mehr bewirkt bislang. Ich habe ganz am Anfang der Behandlung einen Satz gemacht, der mich halt auch über diese magische Grenze gehoben hat, aber nun stagniert es wieder. Ich hatte mich mental auf 8-10 Kilo im ersten Jahr eingestellt – was bei meiner nicht ganz unbelasteten Geschichte mit Blick auf essen/Gewicht gar keine so leichte Vorstellung war und ist. De facto waren es nach sechs Monaten in der Spitze mal 2,5 hart erkämpfte Kilo, mit denen ich mich sehr wohl gefühlt habe. Was mich daran frustriert ist, dass geringe Gewichtszunahme auch eine Stagnation bei den Muskeln bedeutet. Ich bin und bleibe ein „hard gainer“ wie er im Buche steht, fürchte ich. Und zack ist da wieder eine Grenze, die mir mein Körper mir setzt und die mich dazu zwingt, mich mit Themen auseinanderzusetzen, an die ich eigentlich nicht ran will.

Same old, same old. Selbstwertvakuum und so.

Was mich auch angefressen hat ist, dass meine Eltern sich in ihrem Urlaub mit meinem Mann getroffen haben. Sie sind in derselben Urlaubsregion, zufällig, und er hatte das vorgeschlagen. Samstag trudelte ein Foto von (m)einem fröhlich aussehenden Mann und meiner Mutter in meine Inbox. Und plötzlich habe ich Angst, was meine Eltern und mein Mann wohl über mich reden. Denke, dass sie – oder zumindest mein Mann – meinen Geburtsnamen und die falschen Pronomen verwenden; dass er das Treffen benutzt, um mich in ein schlechtes Licht zu rücken… Letzteres spielt sich höchstwahrscheinlich nur in meinem Kopf ab, aber ich merke, wie stark bei mir die Angst ist, meine Eltern könnten ihre Unterstützung für mich „relativieren“. Es gibt keinen Anlass, das zu denken – aber das gemeine an solchen Ängsten ist ja, dass man sie mit rationalen Überlegungen nicht unbedingt ausräumen kann.

Um mich auf andere Gedanken zu bringen (haha, Vorsicht, Sarkasmus), hatte ich mir für heute vorgenommen, mich mit dem Thema Vornamens- und Personenstandsänderung zu beschäftigen. Also: einen Musterbrief für den Antrag suchen/anpassen und vor allem den trans*bezogenen Lebenslauf anzufangen, den manche Gerichte – vor allem aber die Gutachter_innen – haben wollen. Dieser Lebenslauf soll dazu dienen, einen Überblick darüber zu geben, welche Entwicklung man so vollzogen hat bis zu der Entscheidung, die Personenstandsänderung in Angriff zu nehmen.  Angefangen von „Schon als Kind wollte ich nie mit Puppen (respektive Baggern) spielen“ bis hin zu coming outs, bereits ergriffenen medizinischen Maßnahmen etc. (Ich hab übrigens mit Barbies und Baggern gespielt).

Mit Unterstützung aus zwei Internetforen und meiner Twitterbubble habe ich die wichtigsten Punkte für diesen Lebenslauf nun zusammen. Ich muss sie morgen nur noch „schön“ formulieren. Um den zeitlichen Ablauf meiner Selbstfindung und der frühen Schritte in meiner Transition nachvollziehen zu können, musste ich noch mal ziemlich viel in einem meiner eigenen Threads in einem der Foren wühlen und aua, das hat mich mitgenommen – da sind natürlich all die Tiefs drin, die ich mit meinem Mann durchlebt habe in den letzten zwei Jahren.

Wenn ich den Lebenslauf fertig habe, muss ich mich noch um eine Geburtsurkunde und Meldebscheinigung kümmern – und mich entscheiden, welche Gutachter_innen ich vorschlagen möchte. Beim für mich zuständigen Amtsgericht ist das zum Glück möglich und ich könnte sogar meinen eigenen Therapeuten vorschlagen. Das hätte den Vorteil, dass ich nicht vor zwei wildfremden Menschen die Hosen runterlassen muss und dass die Kosten vielleicht nicht so hoch ausfallen, weil er mich und meine Geschichte ja kennt und entsprechend nicht so viel Zeit auf das Gutachten verwenden müsste. Und (win-win): er könnte es für den von der Krankenkasse geforderten Bericht über mich und meine Entwicklung teilweise wiederverwerten, wenn ich die Kostenübernahme für die Mastektomie beantrage. Darüber werde ich mit ihm beim nächsten Termin in zwei Wochen sprechen.

In mir sträubt sich nach wie vor alles gegen dieses Gerichtsverfahren und die psychologische Begutachtung. Aber ich will das auch nicht mehr ewig vor mir haben. Ich sehne mich nach einer Zeit, in der ich einfach mal nichts mehr in Angriff nehmen muss in Bezug auf die Anerkennung meines Geschlechts oder in Bezug auf körperliche Angleichung. Keine Ärzt_innen-, Gerichts- oder Gutachter_innentermine mehr. (Ach ja, und keine Scheidung mehr vor mir haben, das würde auch helfen). So eine Transition frisst einfach so viel Zeit und so viele Ressourcen.

Ich sag’s euch, das hat sich das cistem ausgedacht, damit wir die queerfeministische Revolution nicht nebenher planen können!

 

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2 Gedanken zu „Horror vacui“

  1. Diese Ängste, was die anderen (bei dir Mann und Eltern) über dich reden – ich kenne sie so gut. Ich habe sie oft und sie fühlen sich so beklemmend an. Wie du sagst, hilft da auch meistens keine Ratio. Tief durchatmen tut manchmal gut und sich selbst umarmen – aber ein wirkliches Rezept kenn ich auch nicht 😉

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