Vertaktet

Content note: Depression; Alkoholkrankheit; Essen; #food

Nach einer ziemlich schlaflosen Nacht habe ich heute morgen die PsychCast Episode zu Symptomen der Depression gehört. Puh. Manchmal ist es irgendwie hart, so den Spiegel vorgehalten zu bekommen. Ich habe mich in mehr Dingen wiedergefunden, als ich mir üblicherweise so eingestehe – und ich merke mal wieder, dass ich einerseits dazu neige, negative Empfindungen und Probleme, die ich habe „kleinzureden“ und dass mir andererseits ganz oft gar nicht klar ist, dass nicht alle Menschen so denken_empfinden wie ich und dass das gar nicht so üblich ist, wie ich immer meine.

In Kombination führen diese beide Mechanismen dann dazu, dass ich zwar subjektiv das Gefühl habe, es geht mir nicht gut, mir dabei aber ständig sage: „Stell dich nicht so an; andere haben es auch schwer/noch schwerer als du und kommen auch damit klar; du hast doch gar keine wirklichen Probleme, deal with it“. Das liegt hauptsächlich daran, wie ich so gestrickt bin – aber vielleicht auch ein wenig daran, dass mein Bild von depressiv Erkrankten stark durch eine bestimmte Person aus dem familiären Umfeld geprägt ist. Diese war alkoholkrank und immer wieder stark depressiv. Es war dieser Person oft nicht möglich, das Haus zu verlassen und für sich gut zu sorgen, Ordnung zu halten, etc.

Bei mir ist es irgendwie anders (in meiner Deutung heißt das dann „nicht so schlimm, nicht der Rede wert“). Im Alltag, solange andere hinschauen, funktioniere ich ziemlich perfekt. Es ist alles durchgetaktet und ich habe meine Routinen (wann esse ich, wie oft gehe ich zum Sport?). Es gibt praktisch keinen Leerlauf, keine ruhige Minute. Insofern passe ich nicht in das stereotype Bild vom „antriebsarmen Depressiven“ und das führt dazu, dass ich andere Symptome, die ich durchaus habe, nicht ernst nehme.

Wenn ich so zurückschaue, zieht sich diese Strategie – mir einfach niemals Zeit zum Durchatmen zu erlauben – durch mein Leben. Es gab seit der Schulzeit und dem Abitur keine Atempause. Studium, Promotion, nebenher Arbeiten, unmittelbar danach ein weiteres Studium und noch vor Abschluss in den ersten Job in diesem Fachbereich; Arbeiten bis kurz vor Burnout; Sport bis zum Umfallen; Jobwechsel in eine neue, weniger verantwortungsvolle Position – downshifting quasi – und in diesem Moment gingen alle meine körperlichen Probleme los, die mich letztlich gezwungen haben, mich auf meinen Allerwertesten zu setzen und mich mit mir selbst auseinanderzusetzen.

Uff.

Probleme (die ich dann auch subjektiv als solche wahrnehme) bekomme ich vor allem dann, wenn mein Leben irgendwie „aus dem Takt“ gerät und ich plötzlich mehr Leerlauf habe, als ich mit exzessivem Konsum sozialer Medien füllen könnte. Oder Blogschreiben.

Wenn ich Urlaub habe und alleine bin, zum Beispiel o_O. Woher ich das weiß? Nun ja.

Wenn die Routine und die Struktur fehlen, dann merke ich plötzlich auch, dass es mit dem Antrieb schwer ist. Plötzlich fehlt das Korsett und alles verliert die Form. Es ist schon gemein – ich sehne mich nach etwas Ruhe und „Ausspannen“, aber sobald ich kein Programm mehr abzuarbeiten habe, wird es plötzlich schwierig mit der „Lebensbewältigung“ – kochen, essen, einkaufen… läuft nicht. Und obwohl ich dann Ruhe haben könnte, fühle ich mich einfach nur leer und traurig und ängstlich.

Wenn ich das merke, versuche ich gegenzusteuern – das ist schon ein großer Fortschritt gegenüber Phasen, in denen ich so ganz ganz unten war. Und auch wenn es da sicherlich noch Potenzial zur Optimierung gibt, habe ich mich bis hierhin in meinem Urlaub ganz ok geschlagen glaube ich (also, es gab nicht so viele Kollateralschäden).

Gegen die Einsamkeit und das Grübeln habe ich mich mit Menschen getroffen, mit denen ich gut Zeit verbringen kann, ohne dass es irgendwie eine große Anstrengung ist (im Gegenteil) – weil sie mich gut genug kennen und/oder weil ich nicht das Gefühl habe, mich irgendwie verstellen zu müssen. Menschen bei denen es in Ordnung ist, sich auch mal ein bisschen anzuschweigen ohne dass es komisch ist. Menschen, die toll sind. Menschen, die mich zum Lachen bringen. Ich bin echt dankbar, dass es die in meinem Leben gibt <3.

Verhungert bin ich bis jetzt auch nicht, aber da ist noch Luft nach oben.

Und nächste Woche kommt dann Urlaub Teil 2 mit ganz anderen Herausforderungen. Ab Samstag werde ich für eine Woche in meinem Radurlaub sein. Das heißt, über mangelnde Beschäftigung kann ich mich vermutlich nicht beschweren. Mit dem Essen klappt es hoffentlich auch einigermaßen. Dadurch, dass es jeden Tag geführte Touren geben wird, gibt es Struktur – yay! Leider gibt es da natürlich dann auch den Faktor „Mensch“ und der macht mich ein bisschen nervös. (Und warum habe ich immer noch nicht mein „Socially awkward cyclist“ T-Shirt?). Ich finde erfahrungsgemäß in (fremden) Gruppen nicht gut Anschluss und erfahrungsgemäß zieht mich das runter – ich vermute, weil es schlechte Erinnerungen weckt.

Dieses Gefühl „anders“ zu sein und „nicht dazu zu gehören“ ist manchmal ein ganz schönes Gewicht an meinen Füßen. Aber vielleicht lerne ich das noch mit dem Luftholen unter Wasser ;-).

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