What the…? (2)

Die ersten drei Tage auf dem Rad sind vorbei und meine Beine freuen sich über ein bisschen Erholung am Ruhetag heute. Ich bin unterdessen ziemlich froh, dass ich den Urlaub gebucht habe – auch wenn einige Mitreisende ziemlich anstrengend sind. Es tut gut, so weit weg von zu Hause zu sein und mit etwas Abstand auf die Dinge zu schauen, die mich da so jeden Tag beschäftigen.

Was mich ein bisschen … „verstört“ ist glaube ich das richtige Wort… ist, dass ich plötzlich offensichtlich weitgehend als Mann gelesen werde. Auch von Leuten, die meine Stimme noch nicht gehört haben (die mittlerweile beim Passing echt hilft) und die meinen Namen nicht kennen. How???? Ich finde es einerseits toll, aber mich begleitet auch eine unterschwellige Angst, die anderen aus der Gruppe könnten „Verdacht schöpfen“ und rausfinden, dass ich kein cis-Mann bin. Das ist einerseits eine Angst davor, dass sie mich dann anders behandeln würden, aber ich denke auch, dass da gerade bei den alleinreisenden Männern* einige dabei sind, die ein größeres Problem mit mir hätten.

Das führt dazu, dass ich ziemlich vorsichtig bin. Schwimmen werde ich nicht gehen, da der Schwimmbinder zu viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen würde. Ich trage unter dem Radtrikot den Binder und ein schwarzes Radunterhemd, damit er sich nicht abzeichnet oder durchscheint. Da meine Binder ziemlich bequem sind, schränkt mich das beim Fahren nicht weiter ein, denke ich. Zumindest habe ich keine merklichen Probleme mit der Luft. Was etwas nerviger ist ist, dass ich mich nicht getraut habe, meinen „Frauen*sattel“ aufs Rad zu machen. Ich hab zwar den Schriftzug „Ldy“ überklebt, aber es ist trotzdem ziemlich eindeutig ein Sattel für Leute mit einer Anatomie, die den meisten Leuten als „weiblich“ gilt. Morgen fahren wir einen „Marathon“ und ich glaube, ich werde ihn jetzt trotzdem drauf machen… das wird sonst noch mehr Quälerei, als programmgemäß ohnehin schon ;-). Last not least ist da noch das Problem Radhosen und fehlende Beule. Nachdem ich mir das zwei Tage bei den anderen angeschaut habe, habe ich mich entschieden, eins meiner Buff-Tücher umzufunktionieren. Das erfüllt den Zweck ganz gut und macht keine übertriebenen Wölbungen.

Dann ist da noch die Toilettensituation und die Sorge, ob es in den Cafés, in denen wir Zwischenstopps machen, auch wirklich immer Kabinen gibt. Scheint aber Standard zu sein.

Ein nicht so schöner Nebeneffekt des Passing ist, dass Tüpen(TM) mir gegenüber mit ihren sexistischen Sprüche nicht hinterm Berg halten. Meine Fresse. Der Amateur-Rennradsport ist in meiner Wahrnehmung eh ein Sammelbecken für Machotypen, sie sich und anderen irgendwas beweisen müssen. Mein Rad, mein Schnitt, meine gefahrenen Kilometer. Und natürlich wissen sie alles besser, was vor allem die beiden Frauen* volle Breitseite mitbekommen, die ohne Begleitung hier sind.

Das schlimmste ist, dass einer von den ganz üblen Tüpen mich offenbar ins Herz geschlossen hat UND dass er aus der gleichen Ecke kommt, wie ich und sich zum Radfahren verabreden will. Helpppppp o_O. Ich weiß nicht, ob das so ein Welpen-Effekt ist – ich glaube, es halten mich hier alle für ziemlich jung. Das macht wohl unter anderem der fehlende Bartwuchs… Aber das ist so ein Typ, wenn der mitbekommt, dass ich nicht hetero bin will er wahrscheinlich nix mehr mit mir zu tun haben. Vielleicht erzähle ich ihm was von einem eifersüchtigen Freund oder von meinem letzten Besuch beim CSD :D.

Jetzt geh ich mal mein Rad putzen und den „Mädchen*sattel“ draufmachen. Da ich sowieso ein Alu-Rad („aber Mann braucht doch CARBON!!!11!“) mit „Mädchenkurbel“ fahre (drei Kettenblätter statt zwei und damit ein paar leichtere Gänge), bin ich bei den Tüpen eh schon durchgefallen :D.

Radfahren gegen sexistische Kackscheizse, hell yeah!

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2 Gedanken zu „What the…? (2)“

  1. Hm…..
    Ich habe mich schon oft gefragt, welches Leben wohl „einfacher“ ist…
    Jenes dieser Macho-Typen, die laufend nur ihr Ding im Kopf haben – oder jenes ihrer Opfer (also das ihres Umfelds allgemein)

    Scheint ein großes Abgrenzungsthema zu sein – und nicht wirklich ein sexuelles.
    Die eigene Rolle finden; das Selbst.

    Ich wünsche dir viel Spaß beim Radeln und bzgl. des anderen Themas ein gutes Gespür für dich selbst. Vermutlich wüßte dieses Gefühl ganz genau, wie Du dich möglichst nah an dir selbst – und weg von merkwürdigem Gebahren, abgrenzen kannst.
    Liebe Grüße, Luise

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