Trainwreck

Morgen haben mein Mann und ich einen Termin bei dem „Paarberater“ bei dem wir Ende des letzten Jahres ein paar Mal waren um zu schauen, ob/wie es mit unserer Beziehung weitergehen kann. Mein Mann hat das damals abgebrochen. Morgen geht es nun eher um „Trennungsberatung“. Gespräche unter vier Augen zwischen meinem Mann und mir machen alles immer nur noch schlimmer, also versuchen wir es mit jemandem, der moderieren und vermitteln kann. Da meinem Mann mal wieder alles egal ist, Hauptsache ich kümmere mich drum, und ich diesen Berater ganz okay fand, gehen wir also (mit Zustimmung meines Mannes) wieder dorthin.

Nun kämpfe ich mit meiner Unlust, mich überhaupt mit meinem Mann und seinen Befindlichkeiten auseinanderzusetzen. Ich hab eine ziemliche Wut auf ihn, fühle mich von ihm hängen- und im Stich gelassen. Diese Selbstverständlichkeit, mit der er alles auf mich abschiebt, jede verdammte Entscheidung, um sich dann hinterher zu beschweren er könne ja immer nur reagieren, habe überhaupt keine Einflussmöglichkeit… Ich könnte unter die Decke gehen. Aber das ist keine gute Ausgangslage für ein einigermaßen konstruktives Gespräch und insofern sollte ich mir besser überlegen, was ich eigentlich möchte.

Irgendwelche Abrechnungen, verletzte Gefühle und Befindlichkeiten werden uns nicht weiterbringen. Insofern hoffe ich, dass es uns gelingt einen Schlussstrich unter das zu ziehen, was war, und dass wir unsere Energie stattdessen darauf verwenden können, so schnell wie möglich „klare Verhältnisse“ zu schaffen.

Mein größtes Interesse ist es, nicht länger in eine Umfeld leben zu müssen, in dem ich mich abgelehnt fühle, in dem ich mich verstecken, zensieren und selbst verleugnen muss. Ich möchte meine Zeit nicht mehr länger mit jemandem verbringen müssen, dem es nicht möglich ist, mich als die Person die ich bin – mit Haut und Haaren – zu akzeptieren und zu mögen. Und ich hoffe, dass wir morgen diese absurde Idee von „wir bleiben weiter zusammen wohnen“ endgültig vom Tisch bekommen. Ich bin Tomi und ich will endlich ganz normal so leben können, ohne ständig vermittelt zu bekommen, dass ich ein Affront bin, eine Kränkung, eine Verletzung.

Vorgestern waren wir bei meiner Schwiegermutter, die Geburtstag hatte. Sie weiß nichts – ich habe es meinem Mann freigestellt ob und was er ihr sagen will. Sie ist über 80, gesundheitlich nicht mehr gut dabei. In der Theorie dachte ich, dass ich damit gut klarkomme. Ihr zuliebe, weil ich sie mag. In der Praxis war es dann ziemlich gruselig. Ich hatte ständig Angst, dass meine Stimme mich verrät oder dass sie sieht, dass wir unsere Eheringe nicht mehr tragen. Es war unglaublich fremd und unangenehm, mit meinem alten Namen angesprochen zu werden. Ganz fürchterlich wurde es, als meine Schwägerin mit ihrem Mann noch dazu kam. Das Verhältnis zwischen meinem Mann und seinen Geschwistern ist eh nie entspannt gewesen und „lockere Unterhaltungen“ waren immer schon schwierig, aber vorgestern war es schon absurd schrecklich. Besonders, als dann Fragen zu „unserem“ Urlaub kamen. Ob’s schön war, was wir gemacht hätten. Hilfe. Menschen mal einfach so ins Gesicht zu lügen ist nicht eine meine Stärken.

Ich möchte solche Situationen nicht mehr aushalten müssen, egal für wen. Ich will einfach nur noch ich sein können, ohne Versteckspielen und ohne schlechtes Gewissen. Und seit diesem Besuch bei meiner Schwiegermutter denke ich nochmal mehr, dass es meinem Mann bei dem Vorschlag, ich solle mit ihm hier wohnen bleiben, nur darum geht, um jeden Preis diese Fassade vom glücklichen, bürgerlichen Leben aufrecht zu erhalten – nicht, weil ihm etwas an mir als Mensch liegt.

Ich hab auch Angst, dass er vielleicht außer dieser Fassade nichts mehr hat. Ich hab Angst, dass sein Leben ohne diese Fassade komplett aus den Fugen gerät. Ich weiß, dass ich nichts tun kann, das zu verhindern. Aber ich hab diesen Menschen mal mehr geliebt als mein Leben und es ist verdammt schwer, das so hinzunehmen.

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6 Gedanken zu „Trainwreck“

  1. Hi Tomi,
    dein Mann wird ja spätestens wenn du ausziehst und die Scheidung kommt, dazu stehen müssen, dass ihr euch trennt und diese Fassade zerbröckelt. Eventuell dann doch zwangsläufig auch dazu, was die Hintergründe eurer Trennung sind, oder? Menschen fragen schließlich nach. Vermutlich fürchtet er sich davor, dazu stehen zu müssen. Hat er denn überhaupt je mit jemand anderem darüber gesprochen?
    Ich verstehe, dass du dir Gedanken um ihn machst, aber dieses „Coming Out“ ist dann sozusagen seines. In irgendeiner Form wird er das bewältigen müssen.
    Ich wünsche dir ein hilfreiches Gespräch mit dem Berater, einen weiteren Schritt auf deinem Weg in ein Leben ohne Versteckspiel…Liebe Grüße!

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    1. Danke!
      Nein, ich glaube mit Ausnahme meiner Eltern hat er mit niemandem über die ganze Situation gesprochen. Er ist ein paar Mal zu einer Therapeutin gegangen (aber auch nicht aus eigenem Antrieb). Auch da geht er nicht mehr hin, obwohl er damals sagte, es täte ihm gut.

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  2. Ein sehr berührender Beitrag. Ich kann deine (und irgendwie auch seine) Gefühle gut nachvollziehen. Ich wünsche euch alles Gute für die Zeit der Trennung. Du musst und kannst keine Verantwortung für sein Leben übernehmen.

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