Luftschlösser

Mir hängt der Termin von Freitag immer noch nach und mir geht es nicht besonders gut. Die ganze Anspannung ist in meinen Rücken gewandert, wie immer, und ich kann mich kaum bewegen vor Schmerzen. Das ist doppelt quälend, weil ich mich über Bewegung und Sport ablenke, wenn ich meinen Kopf mal ausschalten will.

Rückenschmerzen wegradeln hat schon mal nicht funktioniert o.O

Mein Mann bemüht sich, freundlich zu sein (glaube ich), aber ich kann darauf überhaupt nicht eingehen. Ich habe immer nur im Kopf, dass er mir das verweigert, was ich eigentlich am dringendsten von ihm bräuchte: dass er aufhört, meine Identität zu negieren. Für ihn gibt es „Tomi“ nicht, sondern nur seine Frau und es ist ihm nicht möglich, wenigstens drauf zu verzichten, mir diese Rolle über die Sprache immer wieder einzuschreiben.

Sticks and stones may break my brittle bones, but words can never hurt me.

Ich empfinde das als eine Missachtung meines Selbst, für dessen Anerkennung – durch mich und andere – ich so hart gekämpft habe, und es tut mir weh. Mir ist klar, dass er mich nie anders sehen können wird, aber ich würde mir wünschen, er könnte wenigstens respektieren, dass ich diese Rolle nicht mehr eingeschrieben bekommen will durch ihn. Ich wünschte, er könnte verstehen, wie sehr mich das belastet. Gleichzeitig denke ich immer, ich habe nicht das Recht, deswegen verletzt zu sein. Dass man ja auch Verständnis für ihn haben muss. Ist ja auch schlimm, was ich da mit ihm veranstalte. Also sage ich nichts und halte es weiter aus.

Eine von den Sachen, die mir von Freitag auch noch nachhängen ist seine These, dass seine Nichtakzeptanz mir quasi nur deswegen so sehr auffallen würde, weil ich ja sonst überall akzeptiert würde und jede_r mich unterstützt (das ist jetzt etwas schräg und überspitzt dargestellt, ich bekomme seinen genauen Wortlaut nicht mehr zusammen). Ich hab ihn daran erinnert, dass er über mein Leben einfach nichts weiß. Gar nichts. Er hat mich nie danach gefragt, wie meine Freund_innen und mein Bekanntenkreis reagiert haben oder wie es mit dem Outing im Beruf gelaufen ist (das war vor fast zehn Monaten). Er hat mit „unseren“ Freund_innen seit dem letzten Jahr praktisch kein Wort mehr gewechselt – der einzige Kontakt war, dass er bei meinem Geburtstagsessen erstarrt neben mir saß und augenscheinlich lieber woanders gewesen wäre. Und trotzdem weiß er, dass mein Leben ein fröhlicher Streichelzoo ist. Das hat mich geärgert dieses „bei dir ist doch sonst alles super, jetzt komm halt mit meiner Zurückweisung klar“.

Und auch wenn er nicht ganz falsch liegt und ich viel Unterstützung und Akzeptanz erfahre, gibt es da auch ganz viele Zwischentöne. Es gibt so viel, das auch schwer ist. Die ganze Auseinandersetzung mit Behörden und Krankenkasse zum Beispiel. Es gibt Dinge, die mich traurig und betroffen machen – Menschen, die sich vor mir zurückgezogen haben, weil sie anscheinend nicht damit umgehen können, welchen Weg ich da eingeschlagen habe. Und das wischt er einfach so weg.

Und auch das habe ich versucht zumindest zeitweise „wegzuradeln“. Also bin ich trotz der Rückenschmerzen auf mein Rad (indoor, wegen des Regens) und habe mir dabei angeschaut, wie Michael Kessler mit dem Postrad über die Alpen fährt. Er fährt dabei auch das Stilfser Joch rauf und damit verbinde ich sehr viel (hier ist die Folge derzeit verfügbar). Ich erinnere mich daran, wie es sich anfühlte da rauf zu fahren – die Aufregung und Freude, der Schmerz und die Selbstzweifel, das Glücksgefühl, wenn man die letzte Kehre erreicht und weiß, dass man gleich oben ist. Und ich habe angefangen Pläne zu schmieden und Ziele zu stecken fürs nächste Jahr – zum Beispiel, das Stilfser Joch noch mal zu „bezwingen“. Vieles von dem, was ich mir das vorstelle sind Luftschlösser, geschuldet dem Drang auszubrechen und dem Wunsch mein Leben hier und jetzt einfach zurückzulassen…Eskapismus. Aber diesen Berg  mit seinen 48 Kehren noch mal hoch zu fahren, das ist ein realistisches Ziel. Ich muss nur das Problem lösen, mich und mein Rad da hinzubekommen.

Dass ich überhaupt so ins nächste Jahr gucken und Luftschlösser bauen kann, ist eigentlich schon ein kleines Wunder in sich. Noch vor gut einem Jahr konnte ich mir kaum vorstellen, den nächsten Tag zu überstehen. Das sind die kurzen Momente, in denen mir klar wird, wie weit ich eigentlich schon gekommen bin und wie viel sich verändert hat.

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