A fragile equilibrium (T+184)

Morgen bin ich 184 Tage in der Hormonersatztherapie. Am 22. April ging es los. Es war der für mich radikalste Schritt in meiner „Transition“. Radikaler und furchteinflößender als all die Coming Outs, im privaten und beruflichen.

Irgendwie kommt es mir vor, als wäre das gerade erst ein paar Tage her. Aber 183? Dass es mir vorkommt wie gestern, liegt wohl auch daran, dass ich mich oft fühle, als hätte sich kaum etwas verändert an mir, meinem Körper.

Dabei stimmt das nicht. Vieles hat sich verändert. Ich bin auf dem Weg, mir ein neues Leben zusammenzustückeln. Baustein für Baustein. Jeder ist hart erkämpft. Da ist nichts von der Geradlinigkeit, die ich bei anderen sehe. Da ist nichts durchgetaktet, Schlag auf Schlag. Ich mäandere. Zwei Schritte nach vorne, einen zurück. Manchmal zwei.

Das Gebäude, das ich mir da zusammenschustere ist schief und verwinkelt. Es ist Bricolage und es ist wackelig. Es ist oft einsam. Aber es ist trotzdem verwoben mit anderen. Alten und neuen Menschen in meinem Leben. Einer „Community“, der ich mich zugehörig fühle.

Manche Menschen sind mir verloren gegangen in diesem Jahr. Ein sehr wichtiger, aber auch andere. Nicht so sehr mit einem Knall, sie haben sich einfach irgendwie aus meinem Dunstkreis geschlichen. Es macht mich traurig – es waren Menschen, die mir etwas bedeutet haben und mit denen mich etwas verbunden hat. Aber wichtiger sind die, die geblieben sind und die, die ich dazu gewonnen habe. Die, die weiter mit mir Achterbahn fahren.

183 Tage Testosteron. Es hat Dinge verändert. Am merklichsten wohl meine Stimme. Im Gegensatz zu meinem Spiegelbild mag ich die mittlerweile ganz gerne. Manchmal. Meistens? Wenn ihr mögt, könnt ihr unten nachhören, wie sie sich entwickelt hat.

Auch bei meinem so verhassten Spiegelbild muss sich etwas verändert haben, denn seit etwa drei, vier Wochen scheinen viele (die meisten?) fremden Menschen mich männlich zu lesen. Selbst dann, wenn ich noch nichts gesagt habe. Passing. Es fühlt sich noch an, wie auf Eierschalen zu gehen. Bei jeder Begegnung habe ich unterschwellig Angst, mein Gegenüber könnte mich doch in die weibliche „Kiste“ sortieren. Wenn es passiert, bin ich enttäuscht, verunsichert. Ich bin froh, dass diese Momente weniger werden und ich sehne mich nach einem sicheren Passing. Weil es mein Leben einfacher machen würde und weil es Anspannung rausnehmen würde aus sozialen Interaktionen, die ich ohnehin oft als stressig und aufreibend empfinde.

So sehr ich auf der sozialen Ebene dankbar bin für „Passing“, fürs richtig gelesen und gegendert werden – ich habe auch begriffen, dass Testosteron nicht das grundlegende Problem lösen wird, das ich mit mir und meinem Körper habe. Ich mag jede der Veränderungen, die es bis jetzt bewirkt hat – die Stimme, die Haare auf meinem Bauch, meinen Beinen, langsam auch auf meinen Unterarmen. (Aber immer noch nicht in meinem Gesicht, damnit). Ein paar mehr Muskeln. Nichts davon würde ich wieder hergeben wollen. Aber das sind nicht die Dinge, die dazu führen werden, dass ich mich selber mehr mögen kann.

Ich lerne, dass richtig gegendert werden und sich selbst mögen zwei verschiedene Paar Schuhe sind.

Aber immerhin steckt in den Schuhen jemand, dessen Stimme ich mag :).

 

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4 Gedanken zu „A fragile equilibrium (T+184)“

  1. Die Veränderung deiner Stimme ist wirklich beeindruckend und faszinierend. Meine Frau und ich saßen staundend vor dem Laptop und haben uns deine Stimme angehört. Schon bei der 2. Aufnahme könnte man denken, dass es ein männlicher Jugendlicher spricht. Nr. 3 ist noch etwas uneindeutig, 4+5 aber sehr deutlich männlich. Meine Frau sagte: nicht nur eine männliche, sondern auch noch so eine _schöne_ männliche Stimme! Ich wünsche dir sehr, dass du lernst dich in deinem Körper wohl zu fühlen und dich zu mögen.

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  2. W-O-W! Die Stimmveränderung ist der Hammer! Der Größte Sprung ist zwischen T19 & T34. Ab T34 finde ich hört man eindeutig einen (jungen) Mann sprechen und nach 5 Monaten hast du jetzt auch noch eine richtig sexy Stimme bekommen O.o
    Also da kann man dich doch garnicht mehr falsch lesen :D

    Gefällt 1 Person

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