13 ways of looking at a blackbird (T+184 II)

Zum Halbjahres-T-Tag sind H. und ich zum Fotos-machen verabredet. Ich finde mich ein bisschen albern dafür, dass mir diese sechs Monate wichtig sind. Ich hab es nicht mit Jahrestagen, Feiertagen, Geburtstagen, meinen eigenen schon mal gar nicht. Diese symbolische Überfrachtung von Tagen, die eigentlich doch sind wie jeder andere (und für mich heißt_hieß das oft: genauso schlimm, wie jeder andere). Aber ich freue mich über diese sechs Monate und der Tag hat eben doch eine Bedeutung, steht für dieses holprige neue Leben, auf das ich mich da einlasse.

Wenn schon, dann also richtig: mit Fotos. Auch wenn der zynische Teil von mir, der über so einem Schnickschnack steht, insgeheim mit den Augen rollt.

Dieser Teil von mir verdreht auch die Augen darüber, dass ich nicht weiß, was ich anziehen soll. Wie so ein Teenie. Alles eine Antwort auf die Frage, wie ich Kontrolle über diese Bilder ausüben kann und wie ich es schaffen kann das, was ich sehe, vielleicht okay zu finden.

Blaue Socken und buntgestreifte Boxershorts, die eh keiner sieht. Das ist einfach.

Welches der 365 schwarzen oder dunkelgrauen T-Shirts?

Das Amselshirt. Ich denke an Wallace Stevens‘ „Thirteen Ways of Looking at a Blackbird“. Die präzisen, scharf umrissenen, minimalistischen Bilder, die er mit seinen Worten malt. Passt doch ganz gut.

Ich habe noch eine Unterhaltung vom letzten Mal im Ohr. Ich habe ein Bild gefunden, dass ich ganz gut finde. „Du suchst immer nur das eine“, sagt H., der offenbar ganz anders auf die Bilder guckt.

Ja. Aber was eigentlich? Irgendwie gucke ich danach, ob ich mich okay finden kann auf den Fotos. H. sieht irgendwas anderes, als ich. So, wie andere Menschen offenbar auch etwas anderes sehen in mir als ich selbst, wenn ich in den Spiegel schaue. Wir landen wieder bei diesem Thema während des Fotografierens. Was will ich eigentlich sehen? Es geht gar nicht per se darum, besonders hart, kantig, machomäßig rüberzukommen. Das bin ich nicht und werde es nie sein. Aber das weiche, feminine Gesicht, das jeden Tag aus dem Spiegel zurückschaut wenn ich mir die Zähne putze… das will ich auch nicht sehen.

Ich will keine Frau sehen, aber diese „Sehgewohnheit“ ist schwer abzulegen. Ich fürchte, ich werde sie immer noch sehen, jeden Morgen im Spiegel, wenn alle anderen schon längst nur noch „Tomi“ sehen.

Thirteen ways of looking at a blackbird.

Ich gucke skeptisch in die Kamera.

Thirteen ways of looking at a blackbird.

Ich gestikuliere und habe die Augen geschlossen.

Thirteen ways of looking at a blackbird.

Ich gucke ernst, mit verschränkten Armen.

Thirteen ways of looking at a blackbird.

Ich lache.

Thirteen ways of looking at a blackbird.

Ich schaue in die Kamera, das Gesicht halb im Schatten.

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