Some days are worse than others

CN: Pathologisierung, Trans*feindliche Äußerungen, Zwangsbegutachtung, Übergriffigkeit von Gutachter*innen, Heteronormativität

Heute ist wohl so ein Tag. Ich kämpfe mit den Nachwirkungen von gestern und weiß immer noch nicht so recht wohin mit meinen Gefühlen und meiner Wut. Ich versuche, nicht in eine „ist doch eh alles sinnlos“ Haltung zu verfallen, obwohl diese Gedanken gerade sehr stark sind. Ich weiß auch, dass diese Gedanken wieder weggehen, aber es ändert nichts daran, dass es ätzend und anstrengend und kraftraubend ist, sie zu haben.

Ich bin wütend auf meinen Therapeuten, aber auch wütend auf mich, weil ich mal wieder denke, es steht mir nicht zu und ich hab kein Recht auf diese Gefühle. Zumal sie mich nicht weiterbringen, ich kann halt gute Mine machen und das Spiel mitspielen oder nicht. Ist ja meine Entscheidung. Haha.

Ich bin wütend auf ihn, aber viel wütender bin ich auf das System. Das System, dass mich pathologisiert und als „krank“ abstempelt. Das System, dass es gleichzeitig nicht hinbekommt, mir als trans*Person eine gute, trans*freundliche medizinische Behandlung zu gewährleisten. Stattdessen sitze ich da mit einem Therapeuten, der mich allen Ernstes fragt, warum ich das Begutachtungsverfahren als demütigend und pathologisierend empfinde. Der mir dann sagt, dass er sich auch über die Hürden ärgert, die ihm in den Weg gelegt werden, um als Psychotherapeut von der Kasse anerkannt zu werden, aber er sich dem halt trotzdem ergeben muss, wenn er diese Anerkennung will.

Es. ist. nicht. vergleichbar.

Ich muss mich diesem Verfahren unterwerfen, weil der Gesetzgeber(tm) mich als krank betrachtet. Ich muss mich diesem Verfahren unterwerfen, weil es in einem Gesetz festgeschrieben steht, das auch heute noch fordert ich müsse für die Änderung des Geschlechtseintrags

  • „dauernd fortpflanzungsunfähig“ (sprich: sterilisiert) sein
  • und mich „einem [meine] äußeren Geschlechtsmerkmale verändernden operativen Eingriff unterzogen [haben], durch den eine deutliche Annäherung an das Erscheiungsbild des anderen [sic] Geschlechts erreicht worden ist“ (TSG §8 (1)).

Ein Gesetz, in dem auch steht, dass eine Vornamensänderung wieder rückgängig gemacht wird, wenn

  • „nach Ablauf von dreihundert Tagen nach der Rechtskraft der Entscheidung ein Kind des Antragstellers geboren wird“
  • oder wenn „der Antragsteller eine Ehe schließt“ (TSG §7 (1)). 

Keiner dieser Paragrafen darf mehr angewendet werden, da es seit Mitt der 2000er Jahre nach und nach Gerichtsurteile gab, die diese und andere Paragrafen als unwirksam erklärt haben, weil sie mit dem Grundgesetz nicht vereinbar sind. (Siehe z.B. https://de.wikipedia.org/wiki/Transsexuellengesetz)

Dennoch: das ist der Diskurs, in dem wir uns bewegen, wenn wir über psychologische Zwangsbegutachtung reden. Zwangssterilisation. Zwangsscheidung. Das wurde so praktiziert. Der ganze Tenor dieses Gesetzes ist: Du bist eine pathologische Abweichung von der Norm. 

Und es hilft nicht, dass der Gesetzgeber seit über zehn Jahren weiß, dass dieses Gesetz in großen Teilen verfassungswidrig ist und bislang keine Anstrengungen unternommen hat, es zu reformieren. Erst jetzt kommt langsam Bewegung in die Sache. Aber die Würde des Menschen ist unantastbar, ne?

Dieser gesetzliche Rahmen wird gleichzeitig von vielen Gutachter*innen als Freibrief mißbraucht, trans*Menschen zu demütigen und zu pathologisieren. Ich weiß aus persönlichen Gesprächen von Fällen, in denen der zu begutachtenden Person vorgeworfen wurde pädophil zu sein und in denen „körperliche Untersuchungen“ erzwungen wurden; Gespräche, in denen die zu begutachtende Person vor dem_der Gutachter_in „schaulaufen“ musste. Es ist absolut üblich, dass in den Begutachtungsverfahren Intelligenztests durchgeführt werden; dass Abweichungen von der Norm der Heterosexualität negativ kommentiert und kritisch hinterfragt werden; es besteht ein massiver Druck, überkommenen Geschlechterklischees und generell der Binärgeschlechtlichkeit zu entsprechen. Es ist die Regel, dass Begutachtungsgespräche stark auf den Bereich der Sexualität fokussieren, weil bei vielen Gutachter*innen immer noch nicht angekommen ist, dass trans* keine sexuelle Orientierung ist.

Natürlich gibt es Gutachter*innen, die respektvoll mit uns umgehen und die bemüht sind, uns keine Steine in den Weg zu legen. Aber viele von uns haben nicht die Möglichkeit zu wählen, weil z.B. die Gerichte nicht überall Wünsche der Antragsteller*innen berücksichtigen – oder weil sie einfach keine trans*freundlichen Gutachter*innen in ihrer Nähe kennen.

Und ich will vor diesem Hintergrund von meinem Therapeuten verdammt noch mal Verständnis dafür, dass ich mich über dieses System aufrege. Klar muss ich mich dem Verfahren unterwerfen und mitspielen, wenn ich irgendwann mal offizielle Dokumente mit meinem richtigen Namen und Geschlechtseintrag haben will. 

But I won’t come quietly.

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