Und jetzt?

Ich arbeite mich ganz langsam an eine Entscheidungsfindung bezüglich der Fortführung der Therapie bei meinem Therapeuten ran. Es ist schwierig. Ich habe ein sehr starkes Bauchgefühl das sagt, dass ich nicht weiter mit ihm arbeiten möchte. Es würde bedeuten, mich zu sehr zu verbiegen. Und genauso, wie ich seine Grenzen respektieren muss, die er da offensichtlich hat, wäre es halt auch gut meine eigenen Grenzen zu achten.

Nach wie vor finde ich es sehr schwierig zu formulieren, worum es mir eigentlich geht und noch schwieriger abzuschätzen, was davon eine angemessene Reaktion ist und wo Übertragung und frühere Erfahrungen_Erlebnisse zu einer „Verzerrung“ meiner Wahrnehmung führen. Andererseits: selbst wenn meine Wahrnehmung „verzerrt“ sein sollte – spielt das wirklich eine  Rolle? Das Ergebnis ist das gleiche: ich fühle ich unwohl dabei, mir ihm weiter zu arbeiten.

Erschwert wird die Situation für mich dadurch, dass mein Therapeut quasi in diesem Moment am Verlängerungsantrag für die Kasse sitzt. Ich habe die letzten Stunden eh schon aus eigener Tasche bezahlt, weil wir erst jetzt den Antrag stellen konnten. Wenn ich jetzt sage, ich will nicht weitermachen, dann war es das von jetzt auf gleich und ich werde auf absehbare Zeit wohl kaum die Chance haben, eine über die Kasse finanzierte Therapie machen zu können (es war bei der letzten Verlängerung schon eine ewige Hängepartie mit der Genehmigung). Auch ist die Frage, ob er mir den für den Mastektomie-Antrag geforderten Bericht noch schreibt. Aber jetzt nichts zu sagen und zu warten, dass die Verlängerung durchgeht, um dann die ganzen Probleme auf den Tisch zu bringen, widerstrebt mir auch sehr.

Ich denke, die beste Chance die ich habe ist, so offen wie möglich mit ihm über all diese Dinge zu kommunizieren. Ich wünsche mir nur, ich könnte gute Worte finden.

Ich kreise sehr darum, dass er sich offensichtlich nur zu einem gewissen Grad einlassen kann auf mich. Er hat mir mehrfach kommuniziert, dass er gerne weiter mit mir arbeitet, dass er aber keine Zeit hat, sich in die Thematik Trans* einzuarbeiten. Ich finde diese Erwartung, dass wenn ich Hilfe von ihm in dem Bereich möchte, ich ihm alle dazu notwendigen Informationen liefern muss, sehr belastend. Und ihm Indikationsschreiben vorzuformulieren oder ihm zu erklären, wie der formale Ablauf der Hormontherapie oder der Personenstandsänderung ist, ist das eine. Ihm aber wiederholt erklären zu müssen, warum ich das System der psychologischen Zwangsbegutachtung als pathologisierend und stigmatisierend bezeichne, empfinde ich vor dem Hintergrund dass diese (Auseinandersetzung mit der) Begutachtungssituation offenbar etwas ist, das frühere negative und vielleicht auch als traumatisierend erlebte Erfahrungen aufruft, als nicht zumutbar. Ich will mich als Betroffener dieser Pathologisierung nicht noch dafür rechtfertigen müssen, dass und warum ich mich pathologisiert fühle.

Ich will nicht, dass diese Person – die mir im Idealfall doch zur Seite stehen und mir helfen sollte, diesen Prozess zu durchlaufen – mein Erleben immer wieder relativiert. Darunter fällt für mich der Vergleich des Gutachterverfahrens mit der von ihm als unverhältnismäßig kompliziert angesehenen Ausbildung zum_zur Psychotherapeut_in. Oder die implizite Gleichsetzung eines Gutachtens zur Personenstandsänderung mit den Gutachten im Rahmen der medizinische-psychologischen Untersuchung bei Führerscheinentzug. Das hat mein Therapeut „so“ natürlich nicht gemeint, aber das war das erste Beispiel das ihm einfiel, um mir zu zeigen, dass er auch andere Gutachten ablehnt.

Und ich glaube die Kurzfassung ist, dass mir jemand, dem es zu viel Aufwand ist, sich mit dieser Materie wenigstens oberflächlich zu beschäftigen, gerade nicht genug Sicherheit gibt, um mich mit ihm an dieses große Thema Selbstakzeptanz und Selbstwert ranzuwagen. Denn ein Teil meines Problems diesbezüglich ist, dass ich immer denke, ich bin zu schwierig für andere.

Quod erat demonstrandum.

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6 Gedanken zu „Und jetzt?“

  1. Hallo,
    bin seit einer Weile stille Mitleserin, bin über „Farbensehnsucht“ auf deinem Blog gelandet.
    Zur Frage, ob es das war mit der kassenfinanzierten Therapie: Es gibt die Möglichkeit, das Verfahren zu wechseln. Dh wenn dein bisheriger Therapeut VT angeboten hast, suchst du dir jemanden der tiefenpsychologisch anbietet oder analytisch. Hat den Nachteil, dass quasi direkt nach den Probestunden ein Antrag mit Gutachten vom Therapeuten gestellt werden muss, und manche Therapeuten winken dann gleich ab.
    Ich hab das im letzten Jahr durch. Hab es gleich am Telefon gesagt, bei der Terminvereinbarung, weil ich meine und deren Zeit nicht „verschwenden“ wollte. Es gabe aber auch etliche, die meinten, ich solle mal kommen und dann sehen wir weiter. Nach einem ersten Gespräch waren die dann auch alle bereit, sihc in die Antragsformalitäten zu stürzen. Letztenendes kam von einer Person der Tipp, dass ich doch mal mit der Krankenkasse telefonieren solle. Manchmal verzichten die auch auf das Gutachten beim Verfahrenswechsel. Hat dann auch genauso geklappt.
    Such mal im Netz nach Psychotherapie und Verfahrenswechsel. Dann findest du mehr Infos…
    Alles Gute! L.

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  2. Sehr schwierig und verkniffelt! Rein subjektiv: Von einem guten Therapeuten erhoffe ich mir, dass er/sie sich so weit in die mich betreffenden großen Kontexte/Themen einarbeitet, dass wir diese Themen dann in der Therapie zusammen angehen können. Ich weiß, man kann es nicht ganz vergleichen, aber kommt z.B. einer meiner Schüler zu mir mit einem bestimmten Thema, das unsere gemeinsame Arbeit betrifft, versuche ich auch, mich darüber schlau zu machen, sofern ich von der Materie bis dahin keine oder wenig Ahnung habe. Das sehe ich sozusagen als Berufsethos ;-)

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