Sternchen sind politisch

Heute ist etwas passiert, was mich echt immer noch ziemlich sprachlos macht. Ich habe eine Mail an den Verteiler einer institutionsübergreifenden Arbeitsgruppe verschickt, in der ich eine Formulierung mit Gendersternchen verwendet habe. Ich habe zugegebenermaßen kurz überlegt, ob ich das Sternchen nutzen soll – oder stattdessen eine Formulierung mit einem Partizip (z.B. Studierende) oder eine binäre Formulierung (z.B. Studentinnen und Studenten).

Aber schon über die Frage, ob ich mich jetzt „traue“, das Sternchen zu benutzen, habe ich mich geärgert. Ich finde es wichtig, inklusive Formulierungen zu benutzen – aber ich komme auch nicht gut damit klar „anzuecken“. Egal. Das Sternchen blieb, die Mail ging raus. Sollen „die Leute“ doch mit den Augen rollen.

Fünf Minuten kam eine deftige Antwort von einer Person, die sich aufgrund der von mir gewählten Schreibweise aus der Arbeitsgruppe verabschiedet hat.

Wegen eines Sternchens.

Das ist eine Person, die übrigens bei einem großen deutschen Unternehmen beschäftigt ist, das sich ganz klar für „Diversity“ ausspricht. Aber bei Sternchen hört der Spaß bei einzelnen Mitarbeitern*innen anscheinend auf.

Das Verhalen der Person ist eigentlich so lächerlich und unprofessionell, dass ich darüber nicht mal mit den Schultern zucken sollte. Aber es beschäftigt mich schon ganz schön – oder sagen wir mal, eigentlich beschäftigt meine Reaktion darauf mich mehr. Ich habe mich nämlich prompt gefragt, ob ich was falsch gemacht habe. Ich habe mich gefragt, wie die anderen Mitglieder der Arbeitsgruppe darüber denken – und ob die wohl hinter mir stehen, oder ob sie das auch unpassend und unangemessen finden. Und bei all dem ärgere ich mich über mich selbst, weil ich es immer allen recht machen will und Angst davor habe, was passiert, wenn andere mich nicht mögen … mich scheiße finden. Das ist mein Erbe aus Kindheit und Jugend. Ich ärgere mich darüber, weil ich es als Schwäche empfinde, wie stark ich immer nach den anderen schaue.

Was mich auch beschäftigt ist, dass diese Person, die sich da so unprofessionell verhalten hat, mich durchaus kennt – aus einer Zeit, in der ich schon mit männlichem Namen beruflich unterwegs war, aber in der ich noch nicht in der Hormontherapie war. Und klar frage ich mich, ob die Reaktion auch so ausgefallen wäre, wenn einer der cis-Männer aus der AG die Mail so geschrieben hätte. Oder ob es da halt doch auch um mehr ging, als „nur“ ein Sternchen.

Ein Glück, dass ich mit der Mail kein Foto mitgeschickt habe.

Von mir.

In meinem Einhorn-T-Shirt.

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5 Gedanken zu „Sternchen sind politisch“

  1. das ist so derartig lächerlich von dieser person. die angst etwas falsch gemacht und nun von anderen nicht mehr geliebt, gemocht, akzeptiert, einbezogen, eingeladen etc. zu werden kommt mir sehr bekannt vor. es ist unglaublich schwer, sich davon zu lösen. so uralte gefühle und verhaltensmuster haben leider eine wshnsinnig große macht – jedenfalls bei mit. vielleicht hilft es dir, noch einmal daran zu denken, dass nicjt du einen fehler gemacht hast, sondern diese andere person auf kindergartenniveau agiert hat.

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    1. Hey Curtis, danke für deinen Kommentar. Ja, diese Verhaltensmuster sitzen bei mir auch unheimlich tief. Es ist ziemlich frustrierend, wie schwer es ist, solche Mechanismen los zu werden o.O.
      LG Tomi

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      1. Hi Tomi,

        da hast du wohl recht – was jahre- oder jahrzehntelang dagewesen ist, lässt sich nicht einfach so abstellen. Das geht wohl leider in kleinen oder sogar kleinsten Schrittchen, was sehr frustrierend sein kann. Aber jeder Schritt kann auch ein Erfolg sein.
        LG
        Curtis

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