Hier, dings, Sprache!

Ich habe meine Kritik an der BILDblog-Kolumne von meinem Blog runter genommen – weil ich die Möglichkeit bekommen habe, ihn auf dem Blog des Autors* der Kolumne zu veröffentlichen. Hier habe ich den Beitrag jetzt versteckt, weil ich nicht eine zu offensichtliche Verbindung zu meinem Blog haben möchte – einfach, weil er in erster Linie für mich persönlich ist und mir beim „Durcharbeiten“ der Dinge dient, die mich bewegen. Dass ich das hier so semi-öffentlich tue ist zwar in gewisser Weise auch politisch, aber aufgrund der viel größeren Reichweite des Blogs, auf dem der Beitrag nun steht habe ich mich entschieden, das zu trennen. Ich bin mit der vergleichsweise geringen Reichweite, die ich jetzt habe sehr zufrieden. Natürlich freue ich mich über neue Leser*innen, aber ich will auch nicht überrannt werden ;).

Ich finde es toll, dass der Autor* der Kolumne meiner Kritik, die ja durchaus nicht zimperlich und in Teilen vielleicht auch polemisch war, diesen Raum gegeben hat. Er hat mich ausdrücklich ermutigt, meine Argumentation nicht „zu verwässern“ und so habe ich meine Vorwürfe nicht noch mal abgemildert oder relativiert. Das ist etwas, das mir ziemlich schwerfällt – weil ich immer schnell denke, meine Gedanken/Gefühle haben keine Berechtigung.

Gleichzeitig habe ich ein bisschen Sorge, was für Reaktionen von anderen kommen – insbesondere auch denjenigen, die meine Art zu Schreiben für anstrengend und unnötig halten. Damit beziehe ich mich nicht so sehr auf meine (zugegebenermaßen auch anstrengenden) Schachtelsätze, sondern auf die Sternchen, Unterstriche und Wortneuschöpfungen, die ich so verwende um meine Texte mit Blick auf gerschlechtsspezifische Formulierungen inklusiver und weniger starr binär zu gestalten.

Für diejenigen von Euch, die sich damit noch nicht so viel beschäftigt haben vielleicht ein paar Worte dazu, was das eigentlich soll: ich möchte anerkennen und sichtbar machen, dass es Menschen gibt deren Geschlechtsidentität sich nicht in die oft ausschließlich verwendeten Kategorien „Mann“ oder „Frau“ einordnen lässt. Ich wünsche mir, dass es sprachliche Normalität wird, Geschlecht nicht mehr als etwas darzustellen, das nur „1“ oder „0“ sein kann. Mann oder Frau. Es gibt Männer und es gibt Frauen, aber das sind eben nur zwei Geschlechter unter vielen anderen. Wenn wir sprachliche Mittel wie das Binnen-I oder einen Schrägstrich verwenden – also LeserInnen, Leser/-innen – dann machen wir diese Identitäten unsichtbar und schließen sie aus.

Persönlich habe ich mich schon immer sehr über die „Alibi-Fußnote“ in den vielen (gerade auch akademischen) Texten aufgeregt, in der steht: „Wir verwenden die männliche Form, aber Frauen sind natürlich mitgemeint“. Mal abgesehen davon, dass die gewählte Formulierung wieder suggeriert es gebe nur zwei Geschlechter – Menschen lesen und verstehen Texte in der rein männlichen Form anders, als wenn Formulierungen gewählt werden die alle Geschlechter einschließen. Es gibt Studien die zeigen, dass unser Gehirn sich schwer damit tut, beim Lesen und Verstehen die Transferleistung zu erbringen die männliche Form auf alle Geschlechter zu beziehen (Anatol Stefanowitsch schreibt z.B. immer mal wieder darüber, siehe z.B. hier auf dem Sprachlog).

Mir ist es wichtig ein größeres Bewusstsein dafür zu schaffen, dass „gendergerechte Sprache“ nicht nur Sprache ist, die Männer und Frauen einschließt. Ich wähle dafür die Sternchen und die Unterstriche, oder ich versuche sogenannte „substantivierte Partizipien“ zu verwenden (z.B. „die Teilnehmenden“). Letztere sind dann aber halt weniger eine Sichtbarmachung, mehr eine Neutralisierung.

Ich schreibe deswegen trans* und bezeichne mich so – auch wenn ich wahrscheinlich sehr weit im „männlichen“ Bereich des Spektrums der Geschlechter bin. Ich nutze diesen Ausdruck um zu sagen: denkt daran, dass es nicht nur trans* Menschen gibt, die Männer oder Frauen sind.

Aus dem gleichen Grund versuche ich vermehrt, statt von „Transmännern“ von trans*Männlichkeiten oder trans*maskulinen Personen zu sprechen – um auszudrücken, dass ich auch Personen einschließen möchte die sich vielleicht – wie ich – im „männlichen Bereich“ des Spektrums bewegen, sich aber deswegen trotzdem nicht als „Mann“ beschreiben. Analog dazu trans*Weiblichkeiten statt Transfrauen.

(Überhaupt muss ich noch mal über den Begriff des „Spektrums“ nachdenken, weil mir das eigentlich zu wenig Dimensionen impliziert).

Bei all dem bin ich auch nicht immer konsequent. Vor allem im Gesprochenen fällt es mir noch schwerer, solche Formulierungen selbstverständlich zu verwenden. Auch weil ich Angst vor negativen Reaktionen bei meinem Gegenüber habe. Aber ich versuche, konsequenter zu werden.

Ein Problem mit den Sternchen und Unterstrichen ist, dass sie die Lesbarkeit von Texten für Menschen erschwert, die z.B. auf Screenreader oder auf Leichte Sprache angewiesen sind. Das sind Schuhe, die ich mir auch anziehen muss – meine Texte sind generell nicht sehr barrierefrei.

Auf den cismännlichen Akademiker dem das einfach „zu umständlich“ ist nehme ich eher keine Rücksicht. (Das bedeutet, dass ich die Diskussion darum auf der Arbeit ziemlich oft führe. Wenn ich denn die Chance dazu überhaupt bekomme: Sternchen sind politisch, wenn ihr euch erinnern möchtet).

Zum Thema Sprache für alle Geschlechter gibt es ein tolles Video von Ash. Vor allem geht Ash auch auf die gesprochene Sprache ein. (Überhaupt findet Ihr auf Ashs Blog viele wichtige Anregungen und Erklärungen zu den Themen Geschlecht, Sprache, beHinderungen).

Und die Rosenblatts haben gerade ein schönes erklärendes Poster zu Leichter Sprache veröffentlicht. Das Poster enthält auch weitere Links dazu.

Advertisements

3 Gedanken zu „Hier, dings, Sprache!“

  1. Uff….
    Ich anerkenne und verstehe als cis-Frau, was Du meinst und weshalb es dir wichtig ist.

    Dennoch bin ich unschlüssig, ob am Ende all die ** und ___ etwas ändern können an der Dummheit und Ignoranz mancher Menschen.

    Wenn ich denke, dass mein Mann aufgrund irgendeiner Problematik mit dem Blutdruck einst beim Endokrinologen war…
    Dieser ihn gefragt hatte, wie er sich denn als Mann so fühlen würde; ob alles ok sei und alles funktioniere?!
    Aufgrund des Jas meines Mannes dann sagte, wenn dem so sei, sei es am Besten, er würde einfach Blutdruckmittel nehmen, um die Nierenstörung auszugleichen, da diese weniger Komplikationen und Probleme brächte, als eine Hormonbehandlung.

    Mein Mann akzeptierte diese Lösung und es wurde um die genaue Diagnose auch kein weiteres Aufhebens gemacht – aber wir denken uns unseren Teil.

    Ich glaube, am Ende ist es keine Frage der Worte, sondern immer eine Frage des Gegenübers.
    Dessen Akzeptanz und Vorstellungsvermögen von vollkommen unterschiedlicher Individualität. Und gegen Dummheit ist leider noch kein Kraut gewachsen.

    Gefällt 1 Person

    1. Für mich ist die Frage, ob ich andere davon überzeugen kann, ihren Sprachgebrauch zu überdenken erst mal zweitrangig (obwohl es natürlich schön wäre, wenn ich Denkanstöße geben könnte). Aber zunächst ist es mir wichtig dass ich so schreibe und sprechen kann – im Idealfall ohne dass ich mir Gedanken um Anfeindungen machen muss – denn mir ist es wichtig.
      Allerdings glaube ich auch, dass es schwer ist, Akzeptanz für etwas zu fördern, wenn es (sprachlich) unsichtbar bleibt. Dieser Arzt hat sich anscheinend nicht die Mühe gemacht, deinen Mann zu sehen. Ich möchte, dass andere sich in meinem Sprachgebrauch gesehen fühlen.

      Diejenigen, die sich durch so einen Sprachgebrauch provoziert und anhegriffen fühlen werde ich eh nicht erreichen – egal mit welchen Worten. Und das hat auch nichts mit Dummheit zu tun. Viele Menschen, die von den Ignoranten als „dumm“ beschimpft werden – weil sie vielleicht kognitive Einschränkungen haben – haben ein viel besseres Verständnis und bessere Akzeptanz von Geschlechtervielfalt als diese – Achtung, schönes neues Schimpfwort: Kackspaten :D.

      Gefällt 2 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s