The one and only

Gestern bin ich durch Zufall auf einer Seite geladet, auf der ich letztes Jahr mal einen Kommentar zu einer Reportage über zwei trans* Jugendliche hinterlassen hatte. Ich schrieb dort

Ich finde die Reportage gut gemacht.

Anknüpfend an einen früheren Kommentar: Das Thema angleichende OPs und ob/wie man darüber berichtet ist schwierig. Ich persönlich bin es leid, immer wieder implizit oder explizit die Botschaft vermittelt zu bekommen, dass man erst mit dem „richtigen“ Körper ein „richtiger“ Mann / eine „richtige“ Frau ist. Körper sind erstmal Körper mit verschiedenen Merkmalen. Die Bedeutung der Merkmale (Bart = männlich, Brüste = weiblich) hat nichts mit Biologie zu tun, sondern ist sozial konstruiert. Das ist etwas, das man in der Reportage vielleicht noch etwas kritischer hätte beleuchten können (z.B. auch, indem man nicht so oft von „Jungen-/Mädchenkörpern“ spricht).

Erst gestern habe ich dann gesehen, welche Reaktionen auf den Kommentar kamen. Von anderen trans* Personen. Ah nee, entschuldigung. Von wahren Transsexuellen muss es natürlich heißen!

Meine Sternchen und Unterstriche sind nämlich nicht nur für wackere weiße Cis-Männer ein Graus, sondern auch für die einzig RICHTIGEN trans* Menschen: nämlich die, die behaupten, man könne nur richtig trans* sein, wenn man sich transsexuell nennt, an ein binäres Geschlechtersystem (Männer, Frauen, Punkt) glaubt und eine komplette medizinische Angleichung anstrebt. Diese „Transmedikalisten“ lehnen die Vorstellung ab, dass Geschlecht sozial konstruiert sei. Körper sind männlich oder weiblich, haben ein „biologisches Geschlecht“. Dass die Bedeutung, die wir diesen körperlichen Merkmalen zuschreiben nichts naturgegebenes ist sondern das Resultat eines sozialen Aushandlungsprozesses, wollen diese Menschen nicht hören oder verstehen.

Unter diesen selbsternannten, einzig wahren „Transsexuellen“ leiden zum einen diejenigen, die es – aus welchen Gründen auch immer – ablehnen, angleichende operative Maßnahmen zu ergreifen. Aber noch viel heftiger werden Menschen angegriffen, die eben nicht Männer oder Frauen sind, sondern ein anderes Geschlecht haben welches sich nicht mit dem herkömmlichen binären Modell fassen lässt. All diesen Menschen sprechen die Transmedikalisten ihr Geschlecht nämlich mal komplett ab. Entsprechende Äußerungen begegnen mir ständig in den sozialen Medien und mir kommt echt jedes Mal die Galle hoch. Aber, wie auch bei den anderen Trollen und Hatern die einem dort so begegnen: diskutieren bringt nichts. Ich versuche immer ein klares Statement gegen diese Sicht abzugeben und dann nicht weiter zu diskutieren.

Auf die Kommentare zu meiner Aussage oben hätte ich schon gerne noch geantwortet, aber leider sind Kommentare nicht mehr offen. Ist auch ein bisschen spät.

Selbstbezeichnungen darf und soll jede_r wählen so wie es für ihn_sie richtig ist. Aber sobald mir eine Person erzählen will, dass ihre Selbstbezeichnung die einzig wahre sei und dass sich alle anderen dem unterzuordnen haben, stelle ich meine Ohren auf Durchzug.

 

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6 Gedanken zu „The one and only“

  1. *facepalm*…
    Gerade die sollten doch am besten wissen wie es ist, wenn andere meinen, einem die gefühlte Geschlechtsidentität absprechen zu können.
    Meine Vermutung ist, dass – da Menschen außerhalb des binären Geschlechtssystems meiner Erfahrung nach gesellschaftlich noch weniger akzeptiert sind als die von dir bezeichneten „richtigen“ Transsexuellen – diese „richtigen“ Transsexuellen eventuell unbewusst Angst haben davor, dass sie durch die Existenz von nichtbinären Menschen entweder nicht mehr so sehr wahrgenommen werden oder dass die durch das Unverständnis der Bevölkerung entstehende Diskriminierung gegenüber Nichtbinären quasi auf sie zurück fällt und sie sich davon deutlich abgrenzen wollen.
    Aber, egal woran es liegt, richtig finde ich es nicht. Gerade als Minderheiten sollten wir doch zusammenhalten. Wir wissen doch, wie es sich anfühlt, durch das übersteigerte Machtbedürfnis irgendwelcher Hirnies unterdrückt/diskriminiert/… zu werden…da sollten wir doch gleich doppelt und dreifach aufpassen, eben nicht in die Rolle der Unterdrücker zu fallen, nur um uns besser zu fühlen.-.-

    Gefällt 2 Personen

  2. Irgendwie erahne ich darin eine Parallele zur Religionsfrage.
    Weil auch hier stets über den „wahren und einzigen“ Gott gestritten wird und darüber, wer nun Recht hat oder wer/was „besser“ ist; hochwertiger.
    Und am Ende – so zumindest meine Meinung – haben ALLE die Frage falsch begriffen.
    Weil es niemals ums Rechthaben geht, sondern um Liebe.

    Liebe und Respekt vor all den bunten Lebewesen, die es halt so gibt. Und jedes ist sie Wert.

    Gefällt 3 Personen

  3. Mir ist es auch nicht ’nachfühlbar‘, wie ein Mensch mit eigener Diskriminierungserfahrung diskriminieren kann… Die psychologische Theorie dahinter verstehe ich (du bist Mitglied des machtlosen Gesellschaftsteils und suchst dir deshalb jemanden, der*die noch weiter „unter“ dir steht, damit du dich besser – im Sinne von machtvoller – fühlst.)
    Dabei fehlt mir aber die Empathie, die jede*r Mensch einer Minderheitengruppe ja auch selbst erfahren möchte.
    Ich mag die Einteilung von Menschen in Kategorien prinzipiell nicht. Wenn „die richtigen Transsexuellen“ für sich Geschlecht binär definieren, ist das für sie selbst richtig, sollte aber nicht für alle Menschen generalisiert werden. Verallgemeinerungen grenzen aus, marginalisieren und behindern die Vielfalt der Menschheit, vorallem durch die implizite Bewertung, die mit Kategorien einhergeht.

    Es ist sehr schön auf deinem Blog zu lesen, lieber Tomi, weil du so offen und alle einschließend schreibst. Danke dafür! :-*

    Gefällt 1 Person

  4. Oh ha, das kommt mir doch bekannt vor, dachte ich gerade, als ich deinen Blog-Beitrag las. In der Tat kenne ich persönlich Menschen, die zu einer Minderheit gehören, die diskriminiert wird, sich aber selbst nicht im Geringsten scheuen, nach unten zu treten, zu diskriminieren und auszugrenzen, wenn es darum geht, sich selbst besser, höher, mächtiger etc. zu fühlen. Erklären kann ich mir das, wirklich verstehen und emotional nachvollziehen – nein, das gelingt mir einfach nicht. Mit ‚Pächter*innen der Wahrheit und des heiligen Grals‘ zu diskutieren bringt zumeist gar nichts; das ist jedenfalls meine Erfahrung. An manchen Tagen finde ich das unendlich schade und es macht mich traurig; an anderen werde ich ziemlich wütend und rege mich sehr auf und dann gibt es die Tage, an denen ich einfach nur resigniert und deprimiert bin.
    Wenn schon keine Diskussion möglich ist, sollen die Anhänger*innen von ‚The one and only‘ wenigstens zur Kenntnis nehmen, dass ihre Vereinnahmungen, Ansichten etc. nicht widerspruchslos hingenommen werden.
    LG
    Curtis

    Gefällt 1 Person

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