Machtspiele

Wahrscheinlich ist heute genau der richtige Tag um mir die Wut über ein Thema von der Seele zu schreiben, das mir gerde in der trans* „Community“ immer wieder begegnet.

In der Kurzfassung ist es die „Ich hatte es schwer und deswegen musst du es auch schwer haben“ Argumentation. Verbunden mit einem: „Weil ich diesen steinigen und pathologisierenden Weg gegangen bin, darfst du dich nicht darüber aufregen, dass er steinig und pathologisierend ist“.

Echt, wenn ich mal ein „Was trans* Menschen zu anderen trans* Menschen sagen“  Bullshit Bingo entwerfe, kommen diese Sätze ganz oben auf die Liste. Zu hören bekommt sie zum Beispiel, wer sich beklagt

  • dass das Verfahren zur Personenstandsänderung sich zu lange hinzieht;
  • dass dieses Verfahren pathologisierend und insgesamt kritikwürdig ist;
  • dass Gutachter*innen willkürlich agieren und irgendwelche Machtspielchen spielen…

Man braucht sich nur hinsetzen und langsam bis zehn zählen und schon kommt jemand um die Ecke und belehrt die Person, die sich darüber beklagte, dass andere dieses Verfahren schließlich auch durchstehen mussten und dass diese Erfahrungen eben dazugehören. Gerne wird noch eingeschoben, dass wir dankbar sein müssen „weil wir es hier so viel besser haben, als trans* Menschen in anderen Ländern“.

Letzteres ist eine Abwandlung der „Haben wir keine wichtigeren Probleme als xyz“ Logik, die sich z.B. auch in der Aussage wiederfindet etwas sei ein „Erste Welt Problem“ (first world problem).

Das sind keine Argumente. Es sind Taktiken, andere zum Schweigen zu bringen und sie sind aus ganz vielen Gründen problematisch. Schon allein diese Annahme man könne nicht sowohl „kleine“ Probleme als auch die großen parallel angehen bringt mich dazu, mit den Augen zu rollen – und das ist nur ein kleinerer von vielen Gründen, warum diese „Argumentation“ kritikwürdig ist. Bei „Everyday Feminism“ gibt es zwei Beiträge, die die Probleme damit erklären (leider auf Englisch, aber ich habe bis jetzt keine guten deutschsprachigen Beiträge dazu gefunden): hier („What You’re Really Doing By Dismissing US Feminism for ‘Real’ Issues“, Comic) und hier („Africa Is Not a Derailment Tactic: Why Belittling ‘First World Problems’ Is Oppressive“).

Für mich persönlich ist diese Art andere zum Schweigen zu bringen auch deswegen schlimm, weil sie bei mir die Gedanken verstärkt, mit denen ich meine eigenen Probleme relativiere: „Stell dich nicht so an. Anderen geht es viel schlechter als dir und die meistern das auch. Du hast gar kein Recht, dich wegen solcher Lappalien schlecht zu fühlen“. Es sind die Gedanken, die mich unter anderem daran hindern mir Hilfe zu holen, die ich eigentlich benötigen würde.

Und dieses „Ich musste damals auch den langen, steinigen Weg gehen – deswegen darfst du dich nicht darüber aufregen“?

Merkste selber, ne?

„Das haben wir schon immer so gemacht“.

Diese Logik (eine „Argumentation“ ist es ja gar nicht) rechtfertigt Stillstand und macht es unmöglich, Dinge kritisch zu hinterfragen. Wenn es immer schon so war, dann wird es schon richtig gewesen sein – umso mehr, wenn ich mich diesem System unterwerfen musste. Bei sowas kommt mir echt die Galle hoch. Damit werden Unterdrückungsmechanismen schöngeredet und legitimiert. Und zwar nicht durch diejenigen, die dieses System aus einer Machtposition heraus geschaffen haben, sondern durch die gegen die es sich richtet.

Was bewegt Menschen, so zu „argumentieren“? Internalisierte Trans*feindlichkeit ist vielleicht eine Antwort, wenn ich auf meinen Kontext schaue. Vielleicht hat es manchmal etwas damit zu tun nachträglich einer als sinnlos, entmündigend und demütigend erlebten Prozedur einen Sinn zu verleihen. Aber ganz oft verkürzt sich das in meiner Vorstellung eben zu einem neidvollen „ich gönne anderen nicht, dass sie es leichter haben als ich“.

Ich wünsche mir so sehr, dass Menschen solche Strukturen und Logiken mehr kritisieren anstatt sie unhinterfragt hinzunehmen. Und dass es ihnen gelingt anderen einfach zu gönnen, dass sie es vielleicht mal leichter haben.

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7 Gedanken zu „Machtspiele“

  1. Ganz spontan kam mir in den Kopf, dass Du mich hoffentlich bisher nie mißverstanden hattest, wenn ich mein und dein Thema hin und wieder zusammen werfe…
    Weil ich hier ganz sicher niemals relativieren wöllte, sondern vielmehr sagen, dass ich dich nachfühlen kann, auch wenn ich andere Themen habe.

    Aber auch hier fällt mir diese gesellschaftliche Parallele auf.
    Weil auch bzgl. der Prostitution und Gewalt gegen Frauen ständig Leute sagen „das war schon immer so“.

    Erst kürzlich wieder hatte ich in einem Buch über Manipulation in Partnerschaften gelesen, dass es Manipulation schon immer gegeben hätte und sie notwendig sei.
    Und dass Notwendiges, Immerwährendes also als normal gilt.
    Und alles das normal sei, müsse man automatisch als etwas Positives akzeptieren.

    Da ging mir die Galle hoch.

    Früher hatten die Menschen Feuersteine und starben mit 20; das war normal.
    Aber offensichtlich hat es sich dennoch verändert.

    Nein, es ist gut aufzuklären, laut zu sein und sich zu erheben.
    Es ist gut zu sagen, wenn andere Fehler machen und Dinge nicht begreifen.
    Nicht immer muß man sich anpassen und selbst verändern. Manchmal ist man auch einfach völlig in Ordnung; einfach gut; einfach liebenswert, so wie man ist.
    Und die anderen sind es, die ihren Blickwinkel ändern müssen/sollten und etwas dazu lernen.

    Ich wünsche dir dennoch – oder jetzt erst Recht ;) – fröhliche und schöne Feiertage.

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    1. Liebe Luise, nein keine Sorge – ich empfinde deine Kommentare überhaupt nicht als relativierend! <3
      Uns geht offenbar bei sehr ähnlichen Themen die Galle hoch ;).
      Liebe Grüße und Danke! Ich wünsche Euch auch schöne Feiertage!

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  2. Ich weiß genau, was du meinst, und ich empfinde diese ‚Schachzüge‘ eigentlich als perfide. Früher, als Kind, wenn es mir schlecht ging und ich gelitten habe, musste ich mir immer anhören, wie froh wohl Kinder in Afrika wären, wenn sie an meiner Stelle sein könnten, oder dass ich doch dankbar sein sollte, gerade Glieder zu haben und nicht z.B. im Rollstuhl sitzen zu müssen. Ja, natürlich habe ich keinen Hunger gelitten und war körperlich nicht eingeschränkt, aber die Tatsache, dass andere Menschen (auch) leiden, hat mein Leiden für mich nicht kleiner gemacht, sie hat allerdings ein ganz tiefes Schuldbewusstsein und schlechtes Gewissen bei mir hinterlassen, unter dem ich heute noch leide: Ich stelle mich an, ich jammere auf hohem Niveau, während es anderen ‚wirklich‘ schlecht geht, und eigentlich habe ich gar kein Recht, überhaupt meinen Mund aufzumachen und mich zu beklagen oder zu beschweren. Das wirkt bis heute nach, da ich oft immer noch denke, dass meine Probleme, mein Leiden gar keine Berechtigung haben, ich damit einfach selbst fertig werden muss angesichts der ‚richtigen‘ Probleme und Leiden anderer Menschen.
    Letztendlich sind das alles Strategien, die darauf abzielen, eine Person mehr oder weniger mundtot zu machen, zu suggerieren, ihre Wahrnehmung, Empfindung etc. habe keine Berechtigung, und ich glaube, egal in welcher Community Personen sich bewegen, es wird immer diese Menschen geben, die anderen ein kleines Stück Erleichterung, weniger Kampf und Krampf nicht gönnen wollen. Das ist schade und verhindert echte Solidarität.
    Dennoch: Frohe Weihnachten!

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  3. Ich habe den Eindruck, diese Mechanismen sind leider in so vielen Lebens- & Themenbereichen am Werk. Dieses anderen in einer Situation, die einem selbst vertraut ist, nicht gönnen wollen, dass sie es womöglich einfacher haben könnten als man selbst es damals hatte ;-(

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