Um Worte ringen

Ich kämpfe immer noch damit, gute Worte für das zu finden, was mich seit den von der Polizei durchgeführten Kontrollen und der Diskussion darüber – in den Medien, in meinem sozialen Umfeld – beschäftigt und bewegt. Wütend macht. Desillusioniert hat. Traurig und wieder ein bisschen resignierter gemacht hat.

Im Kern stammen diese Gefühle glaube ich daher, dass ich – mal wieder, aber irgendwie auch heftiger als zuvor – erlebe, wie wenig Bewusstsein es eigentlich in der so genannten „Mehrheitsgesellschaft“ für (strukturelle, alltägliche) Diskriminierung und Feindlichkeit gegenüber bestimmten Menschengruppen gibt. Und wie wenig Bereitschaft es oft gibt diejenigen zu Wort kommen zu lassen und zu hören, die unmittelbar betroffen sind – sei es bei der Bewertung bestimmter Ereignisse oder bei der Schilderung der Konsequenzen, die solche Ereignisse für diese Menschen in ihrem Alltag haben.

Dabei werden oft alle Register des „Silencing“ gezogen. Zum Beispiel, indem die Art und Weise wie die Kritik geäußert wird abgewertet wird („zu emotional“, „unsachlich“, „zu aggressiv“). Oder indem die Erfahrungen dieser Person als „Einzelfall“ abgetan werden, der im Vergleich mit den Erfahrungen und Deutungen der Mehrheit nicht beachtenswert und relevant ist.

Ich bin weiß. Ich habe keine Möglichkeit zu wissen oder auch nur ansatzweise nachzuempfinden wie es ist, von Rassismus betroffen zu sein. Aber ich weiß, wie ich mich fühle, wenn ich zum hundertsten Mal mit einer transfeindlichen Meinung oder Aussage konfrontiert werde. Und da geht es ganz häufig nicht um große, offensichtliche Ungerechtigkeiten oder Beschimpfungen. Es sind die kleinen Nadelstiche, die ich jeden Tag abbekomme, die mir unglaublich zusetzen und die bei mir z.B. dazu führen, dass ich irgendwann keine Kraft mehr habe für ruhige, sachliche Diskussionen.

Für mich sind es z.B. die dreihundert Variationen von „Aber IN WIRKLICHKEIT/URSPRÜNGLICH bist du eine Frau“, die mich aushöhlen. Ich erkläre dann vielleicht 299 Mal mehr oder weniger gedulgig, dass die körperlichen Merkmale eben nichts darüber aussagen, welches Geschlecht eine Person wirklich hat. Und dann kommt der nächste schlecht recherchierte Artikel bei SPIEGEL Online, der ZEIT, oder der Süddeutschen, der genau das wieder reproduziert und beim 300. Mal platzt mir der Kragen. Mir dann von Personen, die nicht das Gleiche erleben wie ich, Aussagen anhören zu müssen wie: „Jetzt reg dich nicht so auf“, „die wissen es nicht besser/meinen es doch nicht böse“, „von jemandem, der so emotional ist, lasse ich mir gar nichts sagen“ ist…. sagen wir mal nicht hilfreich.

Diese und ähnliche Aussagen werten meine Erfahrungen ab und relativieren das, was ich jeden Tag erlebe. Sie drücken, wenn ich es mal überspitze, solche Dinge aus wie: „Aber wir haben es doch auch schwer mit diesen ganzen Minderheiten die alle wollen, dass wir uns auf die einstellen“. Oder „Wenn dein Ton mir nicht passt kann an dem Inhalt deiner Botschaft auch nichts Ernstzunehmendes sein“.  Und „Jetzt erkläre ich dir mal, was ich als nicht-betroffene Person für Diskriminierung halte“.

Und das Schlimme für mich ist, dass solche Aussagen ganz oft auch von Menschen kommen, die mir und anderen trans* Personen prinzipiell wohlgesonnen sind. Die „wollen“ mir eigentlich gar nichts – aber trotzdem passiert es, dass sie aus ihrer (mit Blick auf die Cisgeschlechtlichkeit privilegierten) Position heraus verletzende_diskriminierende Strukturen rechtfertigen und/oder teilweise reproduzieren.

Ich würde mir wünschen, dass grundsätzlich die Stimmen derjenigen mehr gehört werden, die von Diskriminierung betroffen sind. Und dass diejenigen, die nicht unmittelbar betroffen sind solche – oft ungemütlichen, vielleicht auch als ungerecht oder „unpassend“ empfundenen – Standpunkte trotzdem erst einmal stehen lassen und sie nicht einfach sofort wegwischen. Ich wünsche mir, dass vor allem etwas differenzierter mit diesen Standpunkten umgegangen wird – wenn ihr nicht alles davon richtig findet oder annehmen könnt, vielleicht sind trotzdem einzelne Gedanken und Aussagen dabei, die bei euch an der richtigen Adresse sind oder die für euch einen guten Einstieg in die Beschäftigung mit dem Thema darstellen.

Nein, ich habe keine Regel, keine Empfehlung, wo man da die Grenze ziehen sollte – was man aushalten und einfach mal hinnehmen sollte. Mein eigenes Rezept ist, einfach möglichst oft meine Standpunkte und Aussagen zu hinterfragen und möglichst viel und oft Menschen zuzuhören, die anders als ich von Diskriminierung betroffen sind. Denn das, was ich hier schreibe gilt für mich genauso. Ich haue auch ganz oft daneben und merke immer wieder, wie stark ich bestimmte diskriminierende, „-istische“ Sichtweisen und Denkmuster internalisiert habe. Auch transfeindliche, heterosexistische – obwohl ich von beidem selbst betroffen sind. Und eben auch rassistische oder behindertenfeindliche Denkweisen, die mir noch nicht einmal bewusst waren, bis ich mit der Nase drauf gestoßen wurde.

Also. Ein Plädoyer für mehr Zuhören. Und dafür, die Stimmen von Betroffenen vielleicht einfach mal zu verstärken, auch wenn ihr nicht 100% der gleichen Meinung seid.

Übrigens finde ich, dass Johannes Kram vom Nollendorfblog das echt gut hinbekommen hat, nachdem ich ja hier Kritik an seiner Wortwahl in seinem Artikel über Identitätspolitiken geübt hatte. Meine Kritik steht nun auf seinem Blog, einfach erst mal so, ganz unkommentiert durch ihn. Ich finde gut, dass er das erst einmal so „aushält“ und so stehenlässt, obwohl er vermutlich meine Sicht immer noch nicht zu 100% teilt (dabei hab ich mir solche Mühe gegeben ;-)).

Das war jetzt ziemlich durcheinander und der rote Faden ist ein bisschen ausgefranst. Ich lasse noch drei Dinge zum Nachlesen bzw. Ansehen da, die ein paar Aspekte die mir wichtig sind weiter erklären oder ausführen und vielleicht noch mal etwas anders beleuchten.

 

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8 Gedanken zu „Um Worte ringen“

  1. Ich überlege schon seit ein paar Tagen, wie ich am besten schreiben kann, was ich gerne zu deinem Artikel schreiben möchte, weil ich das Thema so wichtig und deinen Text sehr gut geschrieben finde. Wahrscheinlich finde ich trotzdem nicht die passenden Worte …
    Egal, ich versuch´s jetzt trotzdem ;-)

    Meine Gefühle in Bezug auf die polizeilichen Kontrollen, die du ansprichst, sind ganz ähnlich. Ich muss gestehen, bevor ich eine zeitlang im Flüchtlingsbereich tätig war und meinen Partner kennen lernte, der eine andere Hautfarbe hat, war ich nicht so sensibel für das Thema Alltagsrassismus. Ja klar, ich fand es schlimm, aber mir fehlte das Vorstellungsvermögen, auf wie viele Arten und wie subtiell sich Rassismus und Ausgrenzungen eigentlich äußern können … Erst in den letzten Jahren ist mir da ein Licht aufgegangen. Ich habe mitbekommen, wie mein Partner in der Öffentlichkeit von Nazis angepöbelt wurde, wie ich selbst aufgrund meiner psychischen Erkrankung Abwertung meiner fachlichen Qualifikationen erfahren habe oder eine Freundin mit Kopftuch bedroht wurde.
    Ich vermute, so ist es mit vielen Themen-/Lebensbereichen. Wer keine people of colour/homosexuelle/psychischen Erkrankte/körperlich oder geistige Behinderte/ andere Angehörige einer Randgruppe in seinem näheren Lebensumfeld hat oder am eigenen Leib Erfahrungen damit gemacht hat, ist weniger sensibel für alltägliche Diskriminierungen. Bei vielen ist es dann noch nicht mal bösartig gemeint, ihnen fehlt einfach das Bewusstsein dafür … Um so wichtiger, dass die Menschen, die es betrifft, sich äußern und die gesamtgesellschaft hoffentlich irgendwann sensibler wird.

    Gefällt 2 Personen

      1. Danke und gern! Ich bemühe mich auch, sensibler für Mitmenschen und Umwelt zu werden, Perspektiven kennen zu lernen, die mir vorher fremd waren. Blogs finde ich dafür ein sehr geeignetes Weiterbildungsmedium ;-)

        Gefällt 1 Person

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