Tomi vs the Cistem, Teil 2

Gestern war der zweite Begutachtungstermin und dafür, dass ich wirklich, wirklich nicht besonders nervös war ist vorher ganz schön viel schiefgelaufen.

Dass ich zu früh aufwache, kenne ich ja mittlerweile schon. Um halb fünf, fünf ist meine Nacht meistens vorbei und ich wälze mich nur noch hin und her, bin aber zu müde aufzustehen. Naja. Gestern war ich dann gegen viertel vor vier wach. Ich glaube, es hatte weniger mit Anspannung wegen der Begutachtung, sondern mit Anspannung wegen der Wohnungssuche zu tun. Irgendwann gegen halb fünf hab ich den Computer angemacht und mich mit Emails etc. abgelenkt. Um fünf stand ich dann senkrecht im Bett, weil im Wohnzimmer die Musikanlage plötzlich von alleine anging (ja, das macht sie manchmal) und in voller verdammter Lautstärker ein hochdeprimierendes Stück von Bowie spielte. Um halb sieben bin ich dann völlig neben der Spur aufgestanden und habe versucht unter der Dusche wach zu werden. Und mit Kaffee. Das gelang nur teilweise, weil ich den vollen Thermobecher (400ml) in der Küche beim Deckel draufschrauben einmal komplett über mich und mein Begutachtungsoutfit geschüttet hab. Kaffee bis auf die Unterwäsche. Was hab ich geflucht. So laut, dass mein Mann aufstand und die Sauerei in der Küche weggemacht hat während ich mich umgezogen habe (ja, ich bin ihm ein bisschen dankbar dafür ;)).

Weil ich am Bahnhof noch Zeit hatte, hab ich dort noch einen doppelten Espresso getrunken und bin dann ziemlich über-kaffeiniert aber ohne Frühstück in der Praxis aufgeschlagen. Beste Voraussetzungen :D.

Diese Begegnung war komplettes Kontrastprogramm zum letzten Termin, in wirklich jeder Hinsicht. Um es vorwegzunehmen, es ist alles sehr gut gelaufen und ich werde den eigentlich angekündigten zweiten Termin nicht wahrnehmen müssen. Aber ich habe doch gemischte Gefühle zu dem Gespräch. Einiges hat mich „angetickt“ und war mir unangenehm. Aber der Reihe nach.

Begrüßt wurde ich sehr freundlich und mit einem lockeren Spruch sowie der Versicherung es gebe nichts weswegen ich nervös sein müsse. Es wurde von vornherein deutlich gemacht, dass ich keine Angst vor einem negativen Gutachten haben muss. Das finde ich sehr fair.

Trotzdem hat das Gespräch mich ziemlich gefordert und es gab einige Sachen, mit denen ich mich nicht wohl gefühlt habe. Das hatte zum einen mit der Art des Fragens zu tun. Die begutachtende Person war da nicht zimperlich. Sehr direkt. Teils mit Zuschreibungen/sehr definitiven „Feststellungen“ mich und meine Persönlichkeit betreffend. Und ingesamt auf eine Art und Weise die mir das Gefühl gab, ich sollte provoziert, aus der Reserve gelockt werden, damit ich mal „aus mir raus“ gehe.

Ich kann mir vorstellen, dass das im therapeutischen Kontext für einige Menschen gut funktioniert. Denn oft geht es ja in Therapien darum, eigene Grenzen zu verschieben und so ein „provozieren“ kann dazu beitragen dass Menschen ihre Komfortzone mal verlassen. Ich komme mit so etwas nicht wirklich gut klar und es bewirkt eher, dass ich mich angegriffen fühle und dicht mache – umso mehr, wenn ich jemanden noch so gar nicht kenne. Es ging viel in die Richtung, ich solle mich nicht immer so klein machen und so zurücknehmen etc. pp. Ein Aufhänger dafür war, dass ich meinen akademischen Titel nicht mit auf den Lebenslauf geschrieben habe. Die Person lag nicht einmal falsch mit ihrer Wahrnehmung von mir und den Gründen, warum der Titel da nicht stand. Aber trotzdem habe ich mich mit der Art des Fragens und diesem „abgestempelt werden“ sehr unwohl gefühlt.

Das zweite das mich gestört hat war dass es irgendwie immer wieder um das Thema Sex und Partnerschaft ging. Und dabei schwang in Aussagen meines Gegenübers stark mit, dass mein Leben ohne Partnerschaft und Sex ja wohl nicht „komplett“ sein könne; und dass ich da doch jetzt mal langsam ein paar Gedanken dran verschwenden solle, wie und was ich mir als zukünftige Partnerschaft vorstelle. Klar ist das ein wichtiges Thema. Aber halt keins, dass ich erzwungenermaßen mit einer Person diskutieren möchte die ich nicht kenne und die gegenüber dem Gericht von der Schweigepflicht entbunden ist.

Das hat teilweise vielleicht etwas mit Schamgefühlen zu tun. Aber was mir viel mehr Sorgen bereitet ist die Vorstellung, was für Informationen da über mich zu den Akten gegeben werden. Die AfD hat vorletztes Jahr in Thüringen eine kleine Anfrage dazu gestellt, wieviele homosexuelle Menschen und trans* Menschen es dort gibt (siehe den Bericht im Tagesspiegel hier). Wenn ich mir das politische Klima in Europa und anderswo so anschaue, lege ich keinen gesteigerten Wert darauf, dass solche Informationen in Gerichtsakten mit meinem Namen drauf stehen.

Eine letzte Sache die mich beschäftigt ist: die begutachtende Person mochte mich scheinbar und war mir wohlgesonnen. Das ist gut für mich und ich bin dankbar, dass ich nicht das Gefühl hatte beweisen zu müssen, dass ich wirklich „ich“ bin. Was mir aber ebenfalls ein mulmiges Gefühl macht(e) ist, dass sie mir schon nach sehr kurzer Zeit sagte, dass ich authentisch auf sie wirke; sie hätte gar keine Zweifel, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Aber nur wenig später sprach sie dann davon, dass trans* ja jetzt auch so eine Modeerscheinung wäre und sie erst letztens jemandem begegnet sei, die_der so eine Mode-trans* Person war.

Uff.

Diese Aussage ist es, die mich „angetickt“ hat. Sie berührt den Kern dessen, was mich an diesem Begutachtungssystem wohl am allermeisten aufregt und belastet: das Wissen, dass da jemand aus dem Bauch heraus entscheiden kann ob ich jetzt wirklich trans* genug, authentisch genug bin um diesen „staatlich geprüft“ Stempel zu bekommen. Ich denke mir halt: es kann 100 Gründe geben warum jemand nicht „authentisch“ auf eine andere Person wirkt, und diese Gründe können auf beiden Seiten liegen – bei der begutachteten und bei der begutachtenden Person.

Ich bin ziemlich sicher, dass der Person der ich da gestern gegenüber saß all das bewusst ist und dass sie bei der Urteilsbildung über mich und meine Geschlechtsidentität und bei der Verfassung des Gutachtens verantwortungsvoll und fair vorgeht. (Das denke ich vor allem, weil ich der Person die mir diese*n Gutachter*in empfohlen hat vertraue). Erfahrungen anderer zeigen aber, dass dies nicht bei allen Gutachter*innen der Fall ist und dass es in diesem gesamten Verfahren viel Willkür gibt (ich habe mich darüber ja schon mal ausgelassen hier auf dem Blog).

Puh.

Nach dem Gespräch, das etwa eine Stunde gedauert hat, durfte ich dann wie angekündigt noch einen ganzen Stapel Fragebögen zur psychischologischen Diagnostik ausfüllen. Es waren sicher fünf und einen habe ich noch für zu Hause mitbekommen. Mir rauchte echt der Kopf hinterher und besonders ätzend war, dass ich einige der Fragebögen eh schon das eine oder andere Mal ausgefüllt hatte (bei meinem letzten Therapeuten) und dass die Fragen teils sehr ähnlich waren. Der Fragebogen für zu Hause enthielt u.a. eine exakt identische Fragebatterie wie einer, den ich gestern ausgefüllt hatte. Ich habe mich gefragt, ob das ein Test war („Mal schauen ob Tomi sich traut, den einfach nicht auszufüllen“. Oder: „Gucken wir mal, ob die Antworten in den beiden Fragebögen ausreichend übereinstimmen“). Aber ich hab jetzt einfach alles ausgefüllt und mache mir keine weiteren Gedanken drüber ;-).

Nach dem Begutachtungstermin war ich völlig am Ende, weil ich so übermüdet war. Irgendwie habe ich es trotzdem geschafft auf der Arbeit wenigstens das Nötigste noch fertig zu bekommen – dafür konnte ich mir heute dann frei nehmen. Ich habe letzte Nacht bestimmt neun Stunden geschlafen (also, was bei mir so „schlafen“ heißt), bin leider aber immer noch völlig im Eimer.Aber hurra, das Thema Begutachtung ist hoffentlich durch. Jetzt muss ich nur noch auf die Gutachten warten.

 

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8 Gedanken zu „Tomi vs the Cistem, Teil 2“

  1. Glaube nach dem Morgen, hätte ich diesen Termin nicht durch gestanden, ohne zu explodieren und dem Gutachter*innen, die Fragebögen um die Ohren zu hauen.

    Ich würde bei der widerborstigen Anlage den Stecker ziehen. ;-) Mir ist mal was ähnliches, mit einem sprechenden Wecker passiert, der im Nebenraum stand und mich senkrecht im Bett stehen ließ, weil mich jemand angelabert hat. ;-) Der morgen war für mich dann auch gelaufen…

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  2. Mir schlägt die Frage nach Beziehung und Sexualität auf. Als aromantisch asexuelle Person bin sehr zufriedener Single und mir wäre wahrscheinlich irgendeine „Diagnose“ angedichtet worden 😒 Aber gut dass du es überstanden hast und hoffentlich bald deine beiden positiven Gutachten hast 😊

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